Über die richtige Altersvorsorge im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Eine Kolumne von Emilio Galli Zugaro.
Meine Kundin Jenna Ramos, Kommunikationschefin und eine der Besten ihres Fachs, druckst herum, als ich sie frage, was sie heute besprechen möchte. Es gehe, so Ramos, um das Spannungsfeld zwischen der Aktualität ihres Jobs versus der künftigen Marktfähigkeit ihrer selbst und der ihres Teams.
Sie müsse derzeit Brände löschen, dazu fühle sie sich auch imstande, so lodernd sie auch seien. Zugleich frage sie sich, welche Muskeln sie dabei trainiere und ob die künftig notwendig seien, ob die kommenden Berufsjahre genauso von Kostenreduktion und Bewältigung von Omnikrisen geprägt seien oder ob sie nicht das Heute eher nutzen solle, sich vor allem auf die Zukunft vorzubereiten. Wie denn diese Zukunft aussehe, frage ich.
Was bleibt dem Menschen?
Na ja, so Ramos, da könne sie nur Hypothesen aufstellen. Der Großteil des Contents für die Unternehmenskommunikation werde von der KI kommen, alle Unternehmensteile würden durch KI das Storytelling draufhaben, die Medien das spiegeln und daraus einen Teil ihrer von KI übernommenen Berichterstattung bestreiten. Auch wesentliche Prozesse, bis hin zur Krisenkommunikation, würden Agenten übernehmen.
Was nicht durch KI gestellt werde, seien Haltung, Orientierung, Einordnung, vertrauensvoller Rat für die Unternehmensspitze und die Stakeholder, maßgeschneidert für die Firma. Wenn man so wolle: Die Architektur der KI, oder, simpel gedacht, das Programmieren und das Prompten blieben menschlich. Die Unternehmenskommunikation müsse eher das Zuhören, die Beziehungspflege zu den Stakeholdern und die entsprechende Governance, auch der KI, orchestrieren.
Ist sie dafür gerüstet, fragt sich Ramos. Wäre nicht gerade jetzt, trotz Stress und Tagesgeschäft, der richtige Moment, in die eigene Zukunft zu investieren? Kann sie sich mit Anfang 40 überhaupt noch auf diese Revolution der Arbeitswelt einstellen?
Vielleicht hilft ein Hinweis auf Raymond Cattell, den Erfinder der Intelligenztests. Bis zu einem Alter von rund 35 Jahren verfügen Menschen über fluide Intelligenz. Also über die Fähigkeit, sich mit Neuem auseinanderzusetzen und zu lernen, besonders in technischen und naturwissenschaftlichen Feldern. Dann flacht diese Form der Intelligenz ab und wird zum Teil abgelöst von der kristallinen, die sich stark aus der Erfahrung speist und den Rahmen für die Einordnung von Wissen bietet.
In jungen Jahren sollte man also möglichst viel Wissen, Erfahrung und soziale Kompetenz sammeln, üben und trainieren, um später ein Survivor, ein Performer der zukünftigen Unternehmenskommunikation zu sein. Manche sehen das Zeitalter der KI als Chance für einen neuen Humanismus: Philosophie, Kunst, Musik, MINT, Spiel oder Sport bereiten auf die Rolle als Mensch in einer viel stärker durch KI beeinflussten Arbeitswelt vor.
Im Alter von 25 Jahren wird man selten den großen Überblick haben. Dafür wird es mit 50 schwierig, sich in vollkommen neue Felder zu vertiefen und darin Exzellenz zu erlangen. Je nach Alter und Lebenssituation lernt man anders und entwickelt neue Fähigkeiten, nur Lernen darf nie aufhören. Das ist die Investition in die eigene berufliche Zukunft, KI hin oder her. Ob ihr das weiterhelfe, frage ich.
Die verflixte Pflicht
Ramos grübelt. Ja, das helfe ihr, irgendwie. Denn das Dilemma zwischen dem Heute und dem Morgen des Berufs löse sich leichter auf, wenn man über das ganze Team nachdenke. Über die Stärken der Kolleginnen und Kollegen, deren Alter, deren Fähigkeiten. Der richtige Mix der Menschen, der (nicht künstlichen) Intelligenzen mache die Zukunftsfähigkeit eines Teams aus und damit auch die der einzelnen Teammitglieder, auch ihre eigene. Es handle sich um ein Investment in das eigene Altern. Und es sei ja wohl ihre verflixte Pflicht, sich des Themas anzunehmen.
Das möchte sie gerne fortsetzen, darüber nachdenken und beim nächsten Mal das Thema vertiefen. Sagt sie und zieht von dannen. Ohne rumzudrucksen.
Autor: Verantwortung für KI und in welche Hände wir uns gerade begeben, hat Emilio Galli Zugaro entsetzlich anschaulich auf Youtube im Interview von Tucker Carlson mit Sam Altman gesehen. Sehr zu empfehlen, wenn man „Shining“ gemocht hat. Diese Kolumne ist – anders als das Altman-Interview – von A bis Z erfunden, aber nicht realitätsfern …