Wenn der Sparhammer kreist und es an die Substanz geht: Eine Kolumne von Emilio Galli Zugaro mit unkonventionellen Ideen zur Kosten-Sintflut.
Ein schmerzhafter Produktrückruf beschäftigt rund um die Uhr die Kommunikationsabteilung,
die meine Kundin Jenna Ramos leitet. Gut, dass sie trotzdem Zeit für ihre monatliche Reflexion mit mir findet. Doch der Rückruf ist heute überraschenderweise nicht ihr Thema. Anderes beschäftigt sie.
Im dritten Jahr der Rezession ist die Sintflut an Kostensenkungen auch in ihrer Firma nicht aufzuhalten. Das Budget für externe Agenturen ist schon von sieben- auf fünfstellig gedrückt. Doch die Hoffnung, dass sie damit im Trockenen ist, ist weg. Es regnet weiter in Kübeln. Jetzt muss sie an die Substanz, Personal soll abgebaut werden. Auch die nächste Runde will sie mitdrehen, sie sieht sich in der Verantwortung für ihre Truppe. Das nötigt mir Respekt ab.
Sie wollte Posten für Posten des Budgets mit mir durchgehen, doch schnell wird klar, dass man schon lange keine Heftklammern einkauft, an denen man sparen kann. Die Personalkosten müssen runter.
Ich frage sie, wie sie mit den HR-Leuten auskommt. Die seien professionell, total überlastet und mittlerweile immer zynischer, weil sie sehen würden, wie viel für externe Arbeitsrechtler ausgegeben wird, um Personal zu sparen. Von der Zeit mit den Betriebsräten ganz abgesehen und den zusätzlichen Kosten für Sozialpläne, um damit … Kosten zu senken: alles ziemlich verrückt. Doch so sei das eben.
Der Gummizellen-Blick
Ist es so, frage ich. Ich erzähle ihr von einer Agentur, deren Berater beschlossen haben, ihre Jobs zu behalten, indem sie sie aufgeben. Jenna Ramos schaut mich an, als gehörte ich in eine Gummizelle.
Ja, mich hätte das auch erstaunt, sage ich. Aber sie haben beschlossen, die Kosten dadurch zu drücken, dass sie alle auf Minimalteilzeit gehen, um sich die Krankenversicherung und das Mindestmaß an Sozialversicherung zu erhalten. Für den Rest der Arbeitszeit arbeiten sie für Kunden, die noch Budgets haben, aber auch um zu diversifizieren, um die Scheinselbstständigkeit zu vermeiden. Dabei würden viele der Berater andere berufliche Pläne umsetzen: von kommunikationsnahen Tätigkeiten bis zur Wandlung ihrer Steckenpferde in bezahlte Arbeit – vom Aushilfslehrer zum Sommelier.
Das habe mal besser, mal weniger gut geklappt, je nach aktueller Lebenssituation. Nicht ideal, aber besser als das Arbeitsamt. Die Agenturinhaber haben ein Alumni-Programm aufgesetzt und helfen bei der Umorientierung. Frisch pensionierte Manager haben angeboten, pro bono eine Mentoren-Rolle zu übernehmen, dankbar für die goldenen Jahre, die sie genießen konnten.
Und wenn die Zeiten besser würden, kann man diese Arbeitsmodelle wieder überdenken. Man erhält währenddessen die Gemeinschaft, man ist nicht ganz „weg“, bewahrt Know-how, Freundschaften, Teamerfahrungen.
Ketzerisches Mitdenken
„Schräg“, sagt sie. Ob das so bei ihr ginge, weiß sie nicht. Die Personalvorständin, die ihr sowieso ein paar Gefallen schulde, wäre sicher mal in einer ruhigen Minute offen, ketzerisch mitzudenken. Es gebe in Jennas Team Kollegen, die ein Sabbatical machen wollen, eine Auslandserfahrung, eine Promotion. Man könne sie für den Rest des Jahres teilweise oder ganz von der Payroll nehmen und sie bei ihren Plänen unterstützen. Durch die Tochtergesellschaften, durch Geschäftspartner, durch persönliche Beziehungen. Und diejenigen nicht rauswerfen, deren aktuelle Lebenssituation den Job lebensnotwendig macht.
Jenna Ramos schickt während unseres Gesprächs eine Nachricht an die Personalvorständin und verabredet sich. Ich räuspere mich. Merkt sie nicht. Ist auch egal. Sie hat jetzt echt Wichtigeres im Kopf als mich oder die Rückrufaktion.
Autor: Harte Zeiten für Kommunikatoren. Emilio Galli Zugaro hat täglich mit kleinen und großen Helden zu tun, die Resilienz leben. Und denkt verschämt daran, dass seine schlimmsten Jahre in der Kommunikation immer noch besser waren als die besten Zeiten heute. Diese Kolumne ist von A bis Z erfunden, aber nicht realitätsfern …