Please wait...
News / Die große Kluft
Daniel Neuen, Chefredakteur PR Report
26.02.2022   Karriere
Die große Kluft
Alle Agenturen sind gleich? Mitnichten! Auch beim Blick auf die Einstiegsgehälter zeigen sich enorme Unterschiede. Ein Kommentar von Daniel Neuen
Vor etwas mehr als drei Jahren haben wir erstmals die großen Agenturen in Deutschland gefragt, was ihnen der Nachwuchs wert ist. Konkret: Was zahlen sie ihren Trainees und Volos, ihren Einsteigerinnen und Einsteigern? Welche Benefits bieten sie? Wie bilden sie aus?
 
Damals schlug die Debatte um Einstiegsbedingungen hohe Wellen. Heute klagen Agenturen über Fachkräftemangel, die Corona-Krise verändert die Arbeitswelt. Stellt sich die Frage: Was ist der Nachwuchs im Pandemie-Jahr 2022 wert?
 
Mehr als 70 PR-Agenturen – von der inhabergeführten Spezialschmiede bis zum internationalen Agenturkonzern – haben sich diesmal an der Umfrage des PR ­Reports beteiligt und zum zweiten Mal ihre Programme und Rahmenbedingungen für Traineeships, Volontariate und Direkteinstiege offengelegt. Es geht um Vergütung, Benefits und Inhalte. Fünf Dinge fallen auf.

1. Die Ungleichheit wächst
Eine Branche, mehrere Welten. Auch bei den Einstiegsgehältern. 2018 betrug der Abstand zwischen dem ersten und dem letzten Platz in der Gesamtschau mehr als 30.000 Euro. Wenn man unsere nach Direkteinsteigenden und Trainees getrennten Listen nun zusammenlegt, würde der Abstand gar rund 40.000 Euro betragen.

2. Der Druck ist hoch
Dass viele Agenturen bei den Einstiegsgehältern nachlegen müssen, machte die Diskussion vor drei Jahren klar. Seitdem hat sich der Markt weiter ausdifferenziert, hat Kommunikation an Bedeutung gewonnen, hat sich der Wettbewerb um die klügsten und kreativsten Köpfe verschärft (Fachkräftemangel und Demografie), ist deren Wechselbereitschaft höher, sind Lebenskosten und Mietpreise in deutschen Großstädten – also genau da, wo viele Agenturen ansässig sind – gestiegen. Und vielleicht hat ja auch unsere Übersicht aus dem Jahr 2018, die erstmals für ein Stück Transparenz in diesem Bereich gesorgt hat, die eine oder andere Agentur zumindest ein wenig aufgerüttelt. Wie hoch der Druck stellenweise ist, zeigt ausgerechnet das Beispiel ­Finsbury ­Glover Hering am deutlichsten: Die Firma lag schon 2018 mit 50.000 Euro Einstiegsgehalt mit weitem Abstand an der Spitze. Inzwischen hat FGH auf 60.000 Euro erhöht! Auf einer guten Marke kann sich eben niemand ausruhen. Auch andere Agenturen haben ihr Salär teilweise deutlich angehoben.
 
3. Manche verstecken sich noch immer
Durch die Neuauflage unserer Umfrage steigt die Transparenz in Sachen Berufseinstieg weiter. 2018 haben sich rund 40 Agenturen beteiligt, diesmal waren es gar mehr als 70, darunter fast alle der großen und wichtigsten Firmen. Dass manche Agentur und Beratung (erneut) nicht antworten wollte, bleibt fragwürdig. Ebenso dass sich einige große Namen im unteren Drittel des Rankings finden.

4. Bunte Kampagnen helfen nicht
Als der Verband der Werbe-Agenturen vor einigen Wochen wegen des Fachkräftemangels Alarm schlug, postete ich diese Meldung auf Linkedin, versehen mit zwei Fragen: Woran liegt es? Was kann, was muss getan werden? Unter den mehr als 40 Kommentaren fanden sich auch Erfahrungsberichte ehemaliger PR-Agenturleute – die das schlechte Image von Agenturen als Arbeitgeber, das in manchen Köpfen fest verankert ist, bestätigten. Bunte Branchenkampagnen helfen dagegen nicht, genauso wenig ein schickes Erscheinungsbild. Für eine eigene positive Arbeitgeber-Marke muss eine Agentur ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern jeden Tag beweisen, dass sie anders ist und dass sich die Ausbildung und Tätigkeit bei ihr lohnen.

5. Geld ist nicht alles
Als wir die Einstiegsgehälter 2018 beim PR Report Camp zum großen Thema machten, meckerten einige Agenturchefs. Viel zu sehr sei es um Geld gegangen, eine gute Ausbildung und spannende Kunden seien doch wichtiger. Das stimmte schon damals nur halb und heute noch weniger. Wertschätzung fängt beim Gehalt und bei einer guten Ausbildung an, drückt sich aber auch in einer professionellen Führung aus, die sich um Bedürfnisse, Entwicklung und Perspektiven der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ernsthaft kümmert. Besonders in schwierigen Zeiten. Die Hard und Soft Facts müssen stimmen. Und Agenturen halten, was sie versprechen.
 
Den neuen PR Report gibt es als Print-Ausgabe und E-Paper im Paket mit der PR-Werkstatt in unserem Online-Shop.

Magazin & Werkstatt