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News / "Isolierte Initiativen kommen schnell an ihre Grenzen"
Thomas Voigt ist seit 2004 für den Multichannel-Retailer und E-Commerce-Anbieter Otto Group tätig. Foto: Otto Group
10.06.2015   News
"Isolierte Initiativen kommen schnell an ihre Grenzen"
 
Auf dem jüngsten G7-Gipfel wollte Deutschland auch das Thema "Nachhaltige Lieferketten" zur Sprache bringen. Gerade rechtzeitig vor dem Treffen auf Schloss Elmau kam die Otto Group mit der Nachricht heraus, dass sie dem von der Bundesregierung initiierten "Textilbündnis" beitritt. Offenbar nur ein erster Schritt, denn der Konzern fordert zugleich ein "Textilbündnis" auf internationaler Ebene. Der Kommunikationschef der Otto Group, Thomas Voigt, erläutert die Hintergründe.

Herr Voigt, was hat Ihr Unternehmen zum Beitritt bewogen beziehungsweise was hat es bisher von einem Beitritt zum "Textilbündnis" abgehalten?

Die Otto Group hatte von Beginn an ein hohes Interesse am Zustandekommen des Textilbündnisses, weil wir erstens der größte Textileinzelhändler Deutschlands sind und zweitens seit Jahrzehnten im eigenen Unternehmen und durch diverse Initiativen wie BSCI, Cotton made in Africa oder impACT beweisen, dass wir Verantwortung für Mensch und Natur übernehmen - auch und gerade in der textilen Lieferkette. Wir befürworten das Bündnis, weil nur durch das koordinierte Handeln von Industrie, Handel, Nicht-Regierungsorganisationen und Politik substanzielle Verbesserungen in der textilen Lieferkette möglich sind. Gleichzeitig haben wir sehr bedauert, dass das Bündnis im ersten Schritt von der Branche, wie selbst auch von uns als fortschrittlichem Unternehmen, nicht unterzeichnet werden konnte. Einige Ziele und der Zeitplan waren zu ambitioniert und in der alleinigen Verantwortung der Wirtschaft nicht umsetzbar. Dabei geht es uns letztendlich darum, mit dem Bündnis tatsächlich etwas für die Menschen in der Textilkette zu verbessern!

Wieso ist ausgerechnet der G7-Gipfel ein Umfeld, die Initiative international voranzutreiben?

Das deutsche Textilbündnis kann ohne Frage nur ein Anfang sein, da Deutschland global gesehen ein kleiner Markt ist. Textile Wertschöpfungsketten umspannen heute den ganzen Erdball, und isolierte Initiativen kommen hier sehr schnell an ihre Grenzen. Deshalb brauchen wir ein Bündnis auf internationaler Ebene. Bekanntlich gibt es einige Ansätze in anderen Ländern Europas und von internationalen Organisation wie den Vereinten Nationen. Da war der G7-Gipfel in Deutschland der geeignete Raum, um internationale Initiativen auf den Weg zu bringen. Und so stand das Thema "Standards in Handels- und Lieferketten" auf der Agenda der G7-Teilnehmer. Das ist gut so.

Inwiefern sehen Sie eine Gefahr, dass das Bündnis mit seinen verschiedenen Playern und notwendigen Abstimmungen Ihre eigenen CSR-Erfolge und -Bemühungen eher bremst als fördert?

Wir sehen das Textilbündnis als Chance, mit der Kraft der Vielen weitere Veränderungen und Verbesserungen in der textilen Lieferkette voranzutreiben. Dieses Bündeln der Kräfte schafft zahlreiche Synergien, zum Beispiel beim Austausch nötiger Expertise und Erfahrungen, beim Einbringen von Mitteln und Ressourcen für die Bearbeitung bestimmter Themenfelder oder etwa bei der Nutzung bestehender Netzwerke und Kontakte, um einzelnen Fragestellungen das nötige Gehör zu verschaffen. Das gemeinsame Bündnis von Industrie und Handel, Zivilgesellschaft und Politik erhöht also die Chance, substanzielle Verbesserungen in der textilen Lieferkette zu erreichen. Ausdrücklich haben die relevanten Partner und auch wir betont, die eigenen Bemühungen weiter voranzubringen. Da die Ziele sehr ehrgeizig sind, besteht keine Gefahr der Nivellierung nach unten.

Wo sehen Sie im Rahmen des Bündnisses den dringendsten Handlungsbedarf in Sachen Nachhaltigkeit?

Das Textilbündnis hat den Anspruch, die gesamte textile Lieferkette nachhaltiger zu gestalten, was Aktivitäten auf jeder einzelnen Wertschöpfungsstufe voraussetzt. Neben konkreten Aktivitäten zur nachhaltigen Verbesserung der Sozial- und Umweltstandards in den textilen Lieferketten liegt eine Herausforderung darin, die jeweiligen gesellschaftlichen Kräfte vor Ort in den Produktionsländern in die Verantwortung zu nehmen. Die im Textilbündnis vereinten Partner aus Wirtschaft, NGOs, Gewerkschaften und Politik müssen in den Produktionsländern ökonomische Kräfte bündeln, gesellschaftliche Akzeptanz aufbauen und politischen Druck erzeugen, damit Hürden überwunden und Widerstände sukzessive abgebaut werden können. Denn nur auf diese Weise werden wir eine nachhaltige Verbesserung der Sozial- und Umweltstandards und damit eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Menschen erreichen.

Hat das Bündnis eine kommunikative Komponente für die beteiligten Unternehmen? Wird es am Ende gar ein weiteres Textilsiegel geben?

Der Fokus des Textilbündnisses liegt zunächst einmal darauf, den Aktionsplan zum "Laufen" zu bringen, um Verbesserungen in der textilen Lieferkette zu erreichen. Eine Diskussion über ein weiteres Textilsiegel findet momentan nicht statt. Aber fest steht auch, dass die anfangs eher populistische Ankündigung des Bündnisses und der holperige Start den Eindruck erweckt haben, als gäbe es unter den Handelsunternehmen und Markenanbietern keine engagierten und couragierten Streiter für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen in den Lieferländern. Das hat einen Imageschaden für die betroffenen Unternehmen verursacht, der durchaus vermeidbar gewesen wäre. Aber jetzt sind wir auch kommunikativ auf dem richtigen Weg.

Thomas Voigt ist Direktor Wirtschaftspolitik und Kommunikation bei der Otto Group in Hamburg.
 

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