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Christof Fischoeder
03.06.2015   News
"Dieser platte Ansatz hilft der Transparenz-Debatte nicht"
 
Ein neues ZDF-Angebot unter dem Namen Lobbyradar erhitzt die Gemüter der Szene: Lobbyisten fühlen sich unter Generalverdacht und ziehen die Aussagekraft der Datenbank in Zweifel, viele werfen der Anstalt die Verschwendung von Gebühren vor. Berater Christof Fischoeder spricht in seinem Kommentar von einem "pseudokritischen Ansatz" des ZDF...

Zur re.publica hat das ZDF gemeinsam mit dem Medieninnovationszentrum Babelsberg und OpenDataCity das Projekt Lobbyradar gelauncht. Nach eigener Aussage sollen die Verbindungen von Politik, NGOs und Wirtschaft auf der Ebene der politischen Interessenvertretung sichtbar gemacht werden. In eigenen Worten: "Der Lobbyradar ist eine investigative und innovative Datenbank-Visualisierung. Sie können selbst durch das Netzwerk der Macht navigieren und spannende Verbindungen aufspüren. Und Sie können sich mit dem Lobbyradar-Plugin die Verbindungen genau dort anzeigen lassen, wo Sie gerade im Internet unterwegs sind."

Diese Einführung in die Online-Datenbank lässt auf Aufklärung und Informationen zu Lobbyismus und Interessenvertretung in der Politik und gegenüber Politikern und der Gesellschaft hoffen. Der Lobbyradar will mit Hilfe von Datenakkumulation und einer neuen Visualisierung bisher verborgene Strukturen sichtbar machen. Es gibt auch ein Browser-Plugin, das schon beim Lesen von Onlinetexten die Datenbank abfragt. So sollen die Netzwerke der deutschen Politik und Unternehmen transparent dargestellt werden und die Quellen recherchierter sein.

Soweit ich andere Kritiker verstehe, sind die Abfragetechnik und das Plug-In nicht innovativ. Die Datenaufbereitung als Analogie zu neuronalen Netzen mit Knotenpunkten, die sich weiter verzweigen und untereinander vernetzt sind, ist mit Sicherheit sehr alt – ich erinnere mich an Entwürfe aus den 90iger Jahren, die wir umgesetzt hatten. Die Darstellung ist hübsch-ästhetisch, was in der PR-Vermarktung sichtlich erfolgreich ist, aber es haben sich doch nur wenige Kommentatoren mit den Inhalten und ihrer Aufbereitung auseinander gesetzt.

Denn darum sollte es doch eigentlich gehen, die Visualisierung ist doch nur ein Beiwerk, deshalb haben mich bei der geballten Kompetenz von ZDF, OpenDataCity und Medieninnovationszentrum zwei andere Aspekte enttäuscht: Der Umgang mit Daten und Quellen auf der einen Seite, der Mangel an Haltung und Wissensvermittlung auf der anderen.

Intransparenter Umgang mit Quellen

Zum Umgang mit Daten und Quellen: Aktuell finden sich Daten und Verbindungen, die angeblich aus bestehenden Quellen stammen und zum Teil durch manuelle Recherchen ergänzt wurden. Bei der Datenausgabe erhalte ich neben dem Namen der gesuchten Person oder Institution sowie den Verbindungen Quellenangaben. Leider gibt es derzeit Namen in der Datenbank, bei denen Quellen angegeben werden, in denen zum Namen nichts steht. So finden sich einzelne Public Affairs-Berater, bei denen auf das EU-Lobbyregister verwiesen wird. Im verlinkten Register sind die Personen allerdings nicht verzeichnet.

Die Quellen werden anscheinend fehlerhaft ausgelesen. Nach eigener Aussage werden die manuellen Recherchen auch nicht gesondert ausgewiesen. Und es gibt Datensätze mit fehlerhaften Quellenverweisen. Damit scheint hier der Umgang mit Daten und Quellen nicht gelungen zu sein. Und das ist schlecht, weil es tatsächlich ja auch gute Beispiel von Datenjournalismus gibt. Der Lobbyradar in der jetzigen Form gehört nicht dazu.

Das ZDF wäre gut beraten, die Daten zu verifizieren und automatisiert aus bestehenden Quellen auszulesen. Eine händische Recherche ohne Quellenverweis stellt keine höhere Transparenz her, sondern vernebelt meiner Meinung nach den Ursprung und den Hintergrund der Ergebnisausgabe. Damit liefert sich das ZDF Manipulationsvorwürfen aus, weil die Quellenreferenz nicht eindeutig angegeben wird.

Haltung und Aussage fehlen

Eine Vernetzung von Akteuren in der Politik ist nicht an sich problematisch. Ein Problem entsteht, wenn Interessen und Verbindlichkeiten nicht benannt werden, sondern in der Öffentlichkeit das Gefühl entsteht, Entscheidungen werden nicht aufgrund sachlicher Argumente getroffen, sondern wegen Verbindlichkeiten, die nicht transparent sind oder scheinen. 

Dazu trifft die Datenbank aber keine Aussage. Angela Merkel zum Beispiel ist laut Lobbyradar bestens vernetzt. Bedeutet das, sie trifft Entscheidungen, die ohne sachlich nachvollziehbare Gründe einen Teil Ihres Netzwerks begünstigen? Wohl eher nicht, deshalb ist die Aussagekraft von Vernetzung an sich sehr gering – außer, ich unterstelle, dass Vernetzung automatisch Beeinflussbarkeit bedeutet, was der adenauersche Fallrückzieher ist: man kennt sich – man hilft sich.

Aber das kann ja nicht im Ernst hier unterstellt werden, denn ein solcher Mangel an Reflexion kann ich mir weder beim ZDF noch bei MIZ oder OpenDataCity vorstellen.

Denn stattdessen gibt es ja die Chance, die Kontakte und Vernetzungen einzuordnen. Es gäbe auch die Möglichkeit, das politische System und die Meinungsbildung zu erläutern, dann wären die Datensätze im Lobbyradar sinnvoll genutzt. Die Menschen würden neben der quantitativen Quellenangabe vermittelt bekommen, in welcher Rolle welche Person oder Institution am politischen Prozess teilnimmt. Dazu wäre eine Einordnung und Erläuterung neben dem Update der Daten notwendig - dabei könnte das Lobbyradar aber auch eine aktive Rolle in der Wissensvermittlung und Einordnung politischer Prozesse bekommen.

Chance vergeigt

Wir aktiven Politikberater und Lobbyisten arbeiten seit Jahren daran, sowohl unsere Arbeit als auch politische Interessenvertretung transparenter zu machen. Und dabei bewegt sich einiges, gerade auch befeuert durch ein Lobbyistenregister auf EU-Ebene, durch Beispiele aus den USA und Österreich.

Aber der platte, pseudokritische Ansatz des ZDF, den das Lobbyradar abbildet, hilft der Transparenzdebatte nicht, sondern ist ein Rückfall auf eine Ebene des plumpen Vorwurfs: Wer viele Kontakte hat, wird schon Dreck am Stecken haben. Dabei verkennt die Kritik, dass wir uns professionalisieren, dass es zur nachhaltigen Interessenvertretung gehört, mit nachvollziehbaren und dokumentierten Argumenten zu überzeugen, statt mit Kontakten.

Dass wir Politikberater so handeln, ist recherchierbar, wie wir das tun auch. Die platte Analogie, die das Lobbyradar aufmacht, Vernetzung sei Macht und Einfluss, ist demokratiefeindlich und schadet mehr als sie nutzt. Deshalb sollte das Radar sich updaten. Es hätte die Chance gehabt, ein deutsches Lobbyregister zu werden, wenn es souverän und offen mit den Quellen umgehen würde. Und es könnte den Menschen Wissen vermitteln, wenn es die Netzwerke bewerten würde und eine Einordnung schafft zwischen Rollen und Funktion von Personen und Institutionen. Das macht sicherlich Arbeit, wäre aber sinnvoll – und dem Auftrag des ZDF als öffentlich rechtlicher Einrichtung mit Bildungsauftrag angemessen.

Christof Fischoeder
ist seit über 15 Jahren in der PR, hat seit 1998 Bundesverbände und Unternehmen bei ihrer Onlinekommunikation unterstützt und ihnen geholfen ihre Interessen gegenüber der Politik zu vertreten.


 

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