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News / Herbstzeit ist Dreschzeit
Emilio Galli Zugaro (Foto: Oliver Soulas)
29.10.2026   Veranstaltung
Herbstzeit ist Dreschzeit
Phrasen, Glaubwürdigkeit und Kommunikation. Eine Kolumne von Emilio Galli Zugaro.
Jenna Ramos möchte mir ein paar Zitate vorlegen und meine Meinung dazu einholen. Meine Kundin, Kommunikationschefin bei einem Hidden Champion, ruft auf ihrem Tablet die entsprechenden Stellen auf und legt los. „Verschlankung der betrieblichen Abläufe, um Doppelungen zu vermeiden“, „Ziel der Restrukturierung ist das Heben von Synergien“ und so weiter …
 
Ich überlege einen Augenblick, einem befreundeten Thriller-Autor diese Foltermethode zur Erpressung von Geständnissen für seinen nächsten Bestseller vorzuschlagen. Doch durch eigene Sünden ist mir jeglicher Sarkasmus verboten: Jahrelang habe ich Phrasendreschereien wie diese mitverantwortet. Jenna Ramos akzeptiert mein Eingeständnis, will aber auf mehr hinaus. Und sie erzählt von einem nachdenklichen Abendgespräch mit ihrem CEO, kurz vor Dienstschluss.
 
Die Zerreißprobe
Begonnen hatte die Unterhaltung mit der erneuten Überprüfung aller Funktionen in der Zentrale. Als Managerin fürchtet sich Ramos nicht vor dieser Diskussion. Es ist bekannt, dass sie auch in den besten Zeiten nicht Personal und Kosten erhöht, sondern immer hart auf Kante näht. Lieber Aufgaben auf Wirksamkeit überprüft und die eine abschafft oder die andere reduziert.
 
Daraus entspannen sich Überlegungen zur kommunikativen Begründung dieser Analyse des Group Centers. Und schon erwischte Ramos ihren Chef bei einer defensiven Argumentation, wobei der Anstoß für die Veränderungen von außen kam: „der Markt“, „der Wettbewerb“, „die Kapitalmärkte“, „die neuen Anforderungen der Kunden“.
 
Könnte es sein, fragte Ramos ihren Chef, dass das Unternehmen auch die eine oder andere falsche Einschätzung und Entscheidung gefällt habe und die Schuld nicht immer nur bei anderen läge? Und wenn es „Doppelungen“ gebe, habe diese nicht jemand irgendwann beschlossen oder zugelassen? Und wenn man „Synergien heben“ müsse, könnte es sein, dass man auf eine falsche Struktur gesetzt und sich nicht von vornherein effizient aufgestellt habe?
 
Klugerweise habe ihr CEO auf ihre Einwände nicht verschnupft reagiert, sondern eher befreit. Das habe er sich nämlich auch ein paar Mal gedacht, dass er selbst die eine oder andere falsche Entscheidung gefällt habe. Dies einzugestehen, so sinnierte er, würde ihm die Möglichkeit geben, mehr Handlungsspielraum zu bekommen, denn seine Glaubwürdigkeit würde durch diese Form der Kommunikation gestärkt und motiviere die Belegschaft, weiterhin das Unternehmen besser werden zu lassen und die Kunden zu begeistern. Wenn man es schafft, in der Öffentlichkeit nicht zerrissen zu werden.
 
Dann habe er Ramos gedankt und sie gebeten, bei jeder Vorlage aus dem Haus, in dem Phrasen gedroschen würden, der Sache auf den Grund zu gehen und zu fragen: „Was haben wir falsch gemacht und was daraus gelernt, damit wir nicht zu Wortblasen greifen müssen, um unsere falschen Einschätzungen zu übertünchen?“
 
Die Befreiung
Ich zwicke mich in den Oberschenkel. Noch einmal. Ich befinde mich nicht in einem Kitsch-Traum. Ich bin und war wach und habe tatsächlich Jenna Ramos gehört. Und ich frage mich, ob das Verhalten des relativ jungen Vorstandschefs damit zu tun haben könnte, dass er vor einigen Monaten angekündigt hat, nicht mehr für ein weiteres Fünfjahres-Mandat zur Verfügung zu stehen. Er scheint sich zu befreien, Schritt für Schritt.
 
Ramos lächelt: „Wenn Sie wüssten, wie sehr diese Ehrlichkeit uns Kommunikatoren befreit und motiviert.“ Sag mir, wie Du sprichst, und ich sage Dir, wer Du bist, fasst sie das Gespräch zusammen, und sieht dabei ganz zufrieden aus.


Der Alarmton ist laut. Emilio Galli Zugaro schaltet den Wecker schnell aus. Er hatte doch geschlafen und die Kolumne geträumt. Problem: das einzugestehen, würde den Schlusssatz („Diese Kolumne ist von A bis Z erfunden, aber nicht realitätsfern“) als eindeutige Lüge entlarven. Und eine Lüge schadet seiner Glaubwürdigkeit. Dann lieber den Fehler eingestehen und ausnahmsweise mit den Worten schließen: Diese Kolumne ist von A bis Z geträumt … 
 

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