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Ein Arbeitsplatz am Englischen Garten wartet auf die designierte Allianz-Kommunikationschefin Sabia Schwarzer.
28.05.2015   News
Die Menschenfreundin
 
Neue Allianz-Sprecherin Sabia Schwarzer Sie ist klug, bescheiden und auf betörend sanfte Art durchsetzungsstark: Mit Sabia Schwarzer tritt Anfang November eine Frau aus den eigenen Reihen an die Spitze der globalen Allianz-Kommunikation. Schwarzer verleiht der Internationalität des Versicherers ein glaubwürdiges Gesicht. Ihre Stärke ist das unbändige Interesse an den Menschen. Von Bijan Peymani Als der Dalai Lama einmal in Köln weilte, blieben er und einige Gäste auf dem Weg zu einer Veranstaltung unvermittelt im Hotelaufzug stecken. Statt in Panik zu verfallen, lächelte Seine Heiligkeit milde und rief erfreut aus: „Oh, ein Experiment!“ Nun ist Sabia Schwarzer keine Heilige und auch nicht buddhistisch erzogen, sondern protestantisch geprägt. Und doch steht das Beispiel des Dalai Lama sinnbildlich für die Neugier und Angstfreiheit, mit der die heute 45-Jährige neuen Herausforderungen begegnet. Die beruflich größte steht ihr gerade bevor.
Zum 1. November dieses Jahres wird die Leiterin der Kommunikation und des Marketings der Allianz in Nordamerika das Erbe ihres Entdeckers und Mentors Emilio Galli Zugaro antreten. Von der Münchner Zentrale aus verantwortet Schwarzer dann die weltweite Kommunikation der Holding. Noch lebt die Deutsch-Inderin mit Ehemann und drei Kindern in Silver Spring/Maryland, einem Vorort nördlich von Washington an der amerikanischen Ostküste. Innere und äußere Vorbereitung auf den Wechsel an die Isar sind gleichwohl längst angelaufen.
So folgerichtig die Berufung Schwarzers aus Unternehmenssicht erscheint, für die gebürtige Rheinländerin kommt dieser Karriereschritt einer Zäsur gleich. Fast drei Viertel ihres Lebens hat sie im Ausland verbracht. Die Mutter Deutsche, der Vater Inder und damals zum Studium hier, siedelte die Familie kurz nach Sabias Geburt – eines von sechs Kindern – nach Pakistan um. „Aber meine Mutter hat immer sehr viel Wert darauf gelegt, dass wir die deutsche Kultur auch in einem fremden Land nicht verlieren“, erinnert sich Schwarzer.


Deutsche Kosmopolitin

Dank der Mama wurde Sabia deutscher aufgezogen, als man es sich vorstellen mag. Bis heute kann sie alle sieben Strophen des Abendliedes von Matthias Claudius singen, besser bekannt als Einluller mit dem Titel „Der Mond ist aufgegangen“. Hand aufs Herz: Wer hierzulande hätte überhaupt gewusst, dass das Lied stolze sieben Strophen hat? Im Alter von Zwölf kam Sabia nach Deutschland zurück. Nach dem Studium dann verschlug es die Mittzwanzigerin nach Asien, wo sie über die Deutsche Welle zur Allianz kam – und bis heute blieb.
19 Jahre hält diese Liaison bereits; seit Jahrtausendbeginn wirkt Schwarzer für den Konzern von Washington D.C. aus. Pakistan, Deutschland, Singapur, USA – hat jemand, der in derart vielen unterschiedlichen Kulturen sozialisiert ist, überhaupt so etwas wie ein Heimatgefühl? Sabia gibt eine überraschende Antwort: „Das erste Mal, dass ich mich wirklich zuhause fühlte, war in Amerika.“ Wenn Sie nach einer Reise wieder am Dulles International Airport lande und das Sternenbanner erblicke, „dann wird mir schon warm ums Herz“.
„Ja, ich fühle mich heute als Amerikanerin, und ich würde Amerika auch als meine Heimat bezeichnen“, bekennt Schwarzer. Als Sabia für die Allianz noch in Singapur arbeitete, hatten ihr Mann und sie – 2016 feiern beide Silberhochzeit – eine der von den USA regelmäßig verlosten „Green Cards“ ergattert. Damit waren die Weichen gestellt. Weil es schwieriger wird, dieses Ausweisdokument nach dem Umzug ins ferne München dauerhaft zu behalten, wollen Sabia und ihr Mann die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragen.
Ihren deutschen Pass wird Schwarzer behalten. „Bei allem, was man zu Recht kritisieren kann, fasziniert mich an den USA, dass Sie hier niemand fragt, wo Sie herkommen. Diese Mentalität, dass alle dazugehören und zusammen arbeiten, empfinde ich schon als besonders“, begründet die zierliche Frau. Der Wechsel nach Deutschland wird einen Kulturschock in ihr auslösen, darauf versucht sich Schwarzer so gut es geht vorzubereiten. Sehr pauschal gesagt, sind die Deutschen eher prozessorientiert, und sie arbeiten gerne in Hierarchien.
„Ich mache mir in diesen Tagen immer wieder bewusst, dass es einen kulturellen Unterschied gibt und versuche zu ergründen, welche Motive dahinter stehen, etwa in Prozessen zu denken oder klar definierte Aufgaben zu bevorzugen.“ Das gebe Sicherheit und Orientierung, „und in dieser Exaktheit steckt ja auch eine verbindliche Art, das ist positiv“. Wie das dann aber erst einmal sei, wenn ihr Mann und sie mit drei Kindern – zwei davon Teenager – in München wohnen, „das werden wir noch sehen“. Gemeinhin gelten die USA als kinderfreundlicher.
Schwarzer formt ihre Gedanken überlegt und formuliert sehr präzise. Aus ihrem Herzen aber hat sie nie eine Mördergrube gemacht. Sie ist kein Typ, der andere im Gespräch überfällt. Nie würde sie Kritik offensiv anbringen, lieber sagt sie dann Sätze wie „das habe ich nicht ganz verstanden“. Damit zwingt sie ihr Gegenüber, seine Argumente neu zu sortieren und klarer vorzutragen – um sich an diesen gezielt abzuarbeiten. Nicht belehrend, sondern mit Neugier und viel Empathie. Wenn ihr etwas wichtig ist, kann Sabia jedoch sehr bestimmend sein. Dann verrutscht ihr für einen Moment das Lächeln um die Mundwinkel, weicht die Milde aus ihrem Gesicht, und die Hände formen sich zu Ausrufezeichen. Das alles macht sie mit einer selbstbewussten Sanftheit, die für sich allein entwaffnend wirkt. Dabei muss Schwarzer nicht immer Recht haben, sie kann auch gut einfach nur ihren Standpunkt klar machen und etwas so stehenlassen. „Es ist mir wichtiger, dass ich authentisch bin“, betont Schwarzer, „wenn ich das nicht wäre, wäre ich für mich in einem Gespräch gescheitert.“ Sagt’s und lächelt wieder.
Und dabei nippt Sabia zum wiederholten Mal an ihrem Becher. Morgens eine Tasse Tee und maximal eine am Nachmittag. Ansonsten trinkt sie den gesamten Tag über nur heißes Wasser, manchmal veredelt mit einem Spritzer Zitrone: „Das kommt aus dem Ayurvedischen, es ist gut für die Durchblutung und reinigend für den Körper.“ Deshalb sei sie auch selten müde, und wenn doch, helfe ein Spaziergang an der frischen Luft. In diesem Zusammenhang werden sich die Kollegen in München auf eine angenehme Veränderung gefasst machen müssen.
Aus Meetings sollen unter Schwarzers Regie nämlich „Walkings“ werden. „Am Tisch zu sitzen, ist immer so starr und hemmt die Kreativität“, ist sie überzeugt, „und der Englische Garten ist ja gleich nebenan.“ Diese Frau ist ein Energiebündel, woher nimmt sie diese schier unerschöpfliche Kraft? Und spürt sie so gar keinen Druck, mit Blick auf die neue Aufgabe? „Nein, null! Ich bin wahnsinnig neugierig darauf.“ Ihr Ziel ist, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Menschen um sie herum mit Spaß arbeiten und ihre Talente entfalten können.
Das, bekennt Schwarzer, treibe sie mehr als ihr persönlicher Erfolg. „Und ich möchte den Menschen in meinem Team eine Stimme verleihen, sie ermutigen, auch klar zu äußern, wenn ihnen etwas keinen Spaß macht, zum Beispiel weil sie eine bestimmte Aufgabe eigentlich gar nicht beherrschen.“ Die Kraft, um dieses Vorhaben umzusetzen, mit der richtigen Balance zwischen Fördern und Fordern, diese Kraft zieht Sabia aus ihrem Glauben und dem Gespräch mit Gott, wie sie sagt. Jeden Tag beginne sie mit einem Gebet, und dann lese sie in der Bibel.
„Ich habe die Einsicht, dass es in dieser Welt nicht um mich geht.“ Seit 25 Jahren führt Sabia zudem ein Tagebuch, und im Rückblick erkennt sie, dass sie auch in schwierigen Phasen viel Dankbarkeit empfand. „Mein Glaube, meine Familie, die Freunde und die Community um mich herum sind die Säulen, die mich tragen – es gibt immer wieder Dinge im Leben, die kann ein Mensch nicht allein bewältigen.“ Das ist auch ihre Botschaft an das neue Team: „Wir müssen uns gegenseitig Mut machen, aufeinander bauen und uns gegenseitig vertrauen.“


Menschen im Mittelpunkt

Überhaupt sind Schwarzer Menschen wichtiger als Strukturen. Deshalb nimmt sie die Allianz auch nicht als Konzern wahr: „Meine Identifikation kommt nicht über das blaue Logo oder die Funktion, sondern über die Assoziation mit den Menschen, die dort arbeiten, und ihren verschiedenen Interessen.“ Sabia – der Name, betont auf der zweiten Silbe, entstammt im Übrigen einer der persischen Dichtungen, die ihre Großmutter so liebte. Übersetzt heißt er „Weisheit“. Und diese Weisheit wird Sabia in ihrer künftigen Rolle brauchen.
Schwarzer nutzt sie bereits jetzt, indem sie etwa nicht müde wird, Galli Zugaros Werk zu preisen. Sie baue mit ihrer Arbeit ja nur auf einem bestehenden guten Fundament auf. Ihre unverstellte Art, die Offenheit für Veränderungen und eine ausgeprägte, allseits attestierte Teamfähigkeit werden Schwarzer sicher helfen. Die Aufgaben, die auf sie warten, sind allemal groß genug. So bleibt zu hoffen, dass sie sich nicht zu viel auf die Schultern lädt. Für Sabia Schwarzer dürfte der Karrieresprung vor allem eines sein: ein Experiment.

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