Sind junge Menschen die Verlierer der KI-Revolution? Welcher Branchen-Hype nervt? Welches Klischee über die PR-Branche stimmt? Ingrid Haas, Kommunikationschefin der Deutschen Börse Group, antwortet in unserem Karriere-Fragebogen.
Was hätten Sie in Ihrer Karriere gerne früher gewusst?
„Et kütt wie et kütt“, wie man im Rheinland sagt. Pläne sind wichtig, Akkuratesse notwendig, aber die ausgefeiltesten Konzepte sind oft hinfällig, wenn das Leben dazwischenkommt. Gelassenheit und Ambiguitätstoleranz sind unerlässlich, um ausreichend Schlaf zu bekommen.
Was war Ihre wichtigste berufliche Entscheidung und warum?
Meine wichtigste berufliche Entscheidung war immer die nächste, die ich zu treffen hatte. In meinem Fall keine Scheu davor zu haben, meine Komfortzone zu verlassen. Die Branche zu wechseln oder aber auch gleich den Beruf, als ich zum Beispiel Informationsdirektorin von RTL wurde und verantwortlich für die News, die Magazine und den Sport im RTL-Programm war. Gleiches gilt für die Übernahme der Geschäftsführung der G+J Wirtschaftsmedien in wahrlich nicht einfachen Zeiten.
Welcher Mensch hat Sie beruflich am meisten geprägt und warum?
Manfred Harnischfeger, der langjährige Kommunikationschef von Bertelsmann und mein erster Vorgesetzter im Konzern. Er war ein großartiger Lehrmeister in vielerlei Hinsicht. Dass gelungene Kommunikation auf Präzision, Detailversessenheit und Kreativität beruht und dass – wie man in den 90ern sagte – jedes Thema einen „Chefkümmerer“ braucht.
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Tipp: Ingrid Haas wird zu Gast sein beim
PR Report Camp 2026. Auch in diesem Jahr gibt es die wichtigste Groß-Veranstaltung für den Nachwuchs und für Young Professionals: am 11. November digital und am 12. November vor Ort in Berlin. Mit dabei als Partner des Camps sind viele renommierte Agenturen und Unternehmen, darunter auch die Deutsche Börse.
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Welcher Branchen-Hype nervt Sie?
Die Schlangenölverkäufer auf LinkedIn, die vor fünf Jahren Metaverse-Experten waren, davor SEO-Gurus und jetzt erklären, wie man ohne Mitarbeiter mit KI „sechsstellig skaliert“. An der Börse würde man das Pump and Dump nennen. Und dort ist es verboten.
Ein junges Talent begeistert Sie …
… wenn es den Finanzteil der Zeitung versteht, aber auch das Feuilleton liest, und beides in einem Satz verbinden kann.
KI wälzt die Kommunikationsbranche um: Sind junge Menschen die Verlierer der KI-Revolution?
Nein. Die Verlierer der KI-Revolution sind nicht die, die anfangen, sondern die, die aufhören zu lernen. Die gibt es in jeder Karrierestufe. Keine Frage: Für Berufseinsteiger ist es härter geworden. Aber harte Zeiten für Berufseinsteiger gab es schon oft. Wir brauchen auch in Zukunft die klügsten Köpfe!
Welche menschlichen Fähigkeiten bleiben im KI-Zeitalter unverzichtbar?
Die richtige Frage zu stellen, bevor man die Antwort generiert. KI liefert in Sekunden zehn Optionen. Entscheiden, ob die Frage überhaupt relevant ist, tut sie nicht. Die Fähigkeit zu zweifeln und in Frage zu stellen, selbst zu denken, das Unerwartete zu erwarten, Bauchgefühl zu haben und Situationen einschätzen zu können.
Eine mit KI verfasste Job-Bewerbung finde ich …
… so selbstverständlich wie eine mit Rechtschreibprüfung. Die Konsequenz ist nur: Die Latte liegt höher. Fehlerfrei und gut strukturiert ist jetzt Einstiegsniveau. Was zählt, ist, ob ich nach dem Lesen wissen will, wer dieser Mensch ist.
Diesen Prompt nutze ich beinahe täglich:
Täglich wäre übertrieben, aber mir gefällt die Idee von KI als sokratischem Gesprächspartner: Nicht schneller antworten, sondern mir dabei helfen, mich in Frage zu stellen: „Du bist mein sokratischer Gesprächspartner. Deine Aufgabe ist es, mir nicht fertige Antworten oder Erklärungen zu geben, sondern mir durch gezielte, klärende und kritische Fragen dabei zu helfen, ein Thema selbst zu durchdenken. Regeln: Stelle immer nur eine einzige Frage auf einmal. Warte meine Antwort ab, bevor du die nächste Frage stellst. Decke Widersprüche, ungeprüfte Annahmen oder unklare Begriffe in meinen Antworten auf. Führe mich Schritt für Schritt tiefer in das Thema, statt oberflächlich zu bleiben. Frage mich zu Beginn nach meinem gewünschten Thema oder meiner Fragestellung, warte meine Antwort ab und starte dann das Gespräch.“
Welches Klischee über die PR- und Kommunikationsbranche ist keines?
Dass sie ein People Business ist. Unsere Branche lebt von menschlichen Beziehungen, von Vertrauen zwischen Personen, von Persönlichkeiten. Und das gilt im KI-Zeitalter umso mehr. Geschmack, Stil, Charisma, Begeisterungsfähigkeit – all das wird wichtiger. Und das macht unsere Branche auch zukünftig bunt, interessant und attraktiv.