Sind junge Menschen die Verlierer der KI-Revolution? Welcher Branchen-Hype nervt? Welches Klischee über die PR-Branche stimmt? Siemens-Kommunikationschefin Christiane Ribeiro antwortet in unserem Karriere-Fragebogen.
1. Was hätten Sie in Ihrer Karriere gerne früher gewusst?
Als ich Anfang 20 war, habe ich einen Stärkentest gemacht – und war ziemlich enttäuscht. Ich hatte mit „kreativ“ oder „großartige Problemlöserin“ gerechnet. Stattdessen sagte die Expertin: „Sie haben eine sehr ausgeprägte Selbstwahrnehmung.“ Meine Reaktion: „Super. Und?“ Erst Jahre später habe ich verstanden, wie wertvoll das ist. Selbstwahrnehmung heißt, die eigenen Stärken zu kennen, aber auch die eigenen Grenzen. Zu wissen, wo man wachsen muss und wo man Menschen braucht, die in ihrer Spezialität besser sind als man selbst. Heute halte ich das für eine der wichtigsten Führungsqualitäten. Mit 22 war mir das noch nicht ganz klar.
2. Was war Ihre wichtigste berufliche Entscheidung und warum?
Mir war früh klar, dass ich international arbeiten wollte. 2006 kam ich von Siemens Brasilien zur Siemens AG nach München – als Delegierte in die Presseabteilung. Rückblickend war das ziemlich mutig: Ich konnte nämlich kein Deutsch. Meine ersten Pressemitteilungen waren extrem technisch. Ich habe sie mühsam in holprigem Englisch geschrieben und dann übersetzen lassen. Die Rückmeldung zu meiner Performance war entsprechend ernüchternd. Es war also sehr viel kaltes Wasser und eine klare Erkenntnis: Ich komme hier nur weiter, wenn ich viel investiere, im Team arbeite und die Unterstützung anderer annehme. Das gilt für mich bis heute. Dieser Schritt ins Ausland, dieser Sprung ins kalte Wasser, war die entscheidende Prägung meiner Karriere.
3. Welcher Mensch hat Sie beruflich am meisten geprägt und warum?
Alex Stübler, der ehemalige Chief of Staff von unserem CEO. Viel Erfahrung, musste niemanden beeindrucken, messerscharfes Denken, aber sehr, sehr menschlich. Oft kannte er die Antwort längst, gab sie im Gespräch aber nicht vor. Er stellte die richtigen Fragen, damit seine Gesprächspartner selbst darauf kommen konnten. Typisch für ihn waren Sätze wie: „Schlaf erst einmal eine Nacht darüber“ und „Always take the high road.“ Einmal fuhr er Hunderte Kilometer, um einem seiner Kinder beim Umzug zu helfen. Ich sagte: „Du weißt schon, dass es Firmen gibt, die das machen?“ Er lachte nur: „Ja, ich weiß.“ Mit ihm zu arbeiten, hat mich stark beeinflusst. Ich höre jetzt auch mehr zu und versuche, auch bei viel Arbeit für meine Familie wirklich da zu sein. Alex starb 2025.
4. Welcher Branchen-Hype nervt Sie?
Die KI-Content-Lawine und die Vorstellung, dass jeder, der Gen AI nutzt, plötzlich ein großartiger Kommunikator oder Marketing-Pro wäre. Die Tools sind mächtig, aber exzellentes Marketing und Kommunikation brauchen weiterhin Strategie, Urteilsvermögen, Kreativität und ein tiefes Verständnis für das Geschäft und seine Kunden. Natürlich bauen wir in unserer Kommunikation eine starke KI-Landschaft auf und alle müssen mit KI arbeiten können. Aber schnell mal prompten reicht eben nicht: Menschlicher Austausch, zuhören, die richtigen Fragen stellen, Zwischentöne auffangen, um Zwischentöne senden zu können – all das wird mit KI wichtiger, nicht weniger wichtig.
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5. Ein junges Talent begeistert Sie durch …
… einen gewissen Hunger. Eine dringende Lust, Dinge zu verändern, besser zu machen. Nur gute Ideen, oder ein herrlich überzeugendes Konzept – frisch aus dem LLM meiner Wahl – reichen da nicht. Ideen für Neues, für Experimente, auch riskante Experimente, sind hochwillkommen. Aber dann bitte auch mit der nötigen Energie machen! Wer als junges Talent Sachen so anpackt, wird bei Siemens in der Kommunikation viel erreichen.
6. KI wälzt die Kommunikationsbranche um: Sind junge Menschen die Verlierer der KI-Revolution?
KI verändert unsere Arbeitswelt – das gilt für uns alle, egal welches Alter. Derzeit hören wir oft, dass es wegen KI angeblich weniger Junior-Stellen gäbe. Ob das wirklich so stimmt? Die Daten gesamtwirtschaftlich sind da widersprüchlich. Und für Siemens kann ich klar sagen, wir brauchen gute Leute auf allen Ebenen. Was mit Sicherheit stimmt: Kommunikationsaufgaben, die sich stark wiederholen, sind gute Felder für KI. Für junge Menschen in der Kommunikation gilt: Wer gut mit KI arbeitet, kann selbst als Einsteiger Themen delegieren. Das fordert der nächsten Generation allerdings auch mehr ab. Sich in Routinetätigkeiten einrichten, das trägt immer weniger als Modell; Initiative, Geschwindigkeit, eigenes kritisches Denken zählen immer mehr.
7. Welche menschlichen Fähigkeiten bleiben im KI-Zeitalter unverzichtbar?
Gesunder Menschenverstand und Menschlichkeit. Hier zwei Beispiele. Erstens: Die Marketing-Strategie aus der KI, die erst mal perfekt klingt. Aber wenn man genau draufschaut, liegen da ein paar Annahmen drin, die einfach nicht zur Situation oder zum Unternehmen passen. Das mag am LLM liegen, oder am Prompt. Aber den Fehler finden und korrigieren, da braucht es einen Menschen, der kritisch denkt. Und dann probieren Sie mal zweitens, die spannende Anekdote vom CEO aus der KI rauszukitzeln. Echtes Storytelling setzt weiterhin auf echten Erfahrungen von echten Menschen auf. Die Geschichte angeln, empfinden, ausgestalten – KI kann da helfen, aber ohne menschliche Erfahrung, kombiniert sie in einem emotional leeren Raum.
8. Eine mit KI verfasste Job-Bewerbung finde ich …
Eine mit KI verfasste Bewerbung sortiere ich schnell aus, wenn der Mensch dahinter nicht spürbar wird. Aber eine an und für sich starke Bewerbung kann mit KI noch besser werden.
9. Diesen Prompt nutze ich beinahe täglich:
Wegen der KI-Content-Lawine nutze ich gerade erschreckend oft: „Bitte kurz zusammenfassen.“
10. Welches Klischee über die PR- und Kommunikationsbranche ist keines?
Dass Marketing und Kommunikation in vielen Unternehmen noch immer zu weit vom eigentlichen Geschäft entfernt sind. Sie sind tatsächlich zu weit weg voneinander. Und: Die beiden Disziplinen sind in den meisten Unternehmen wie durch eine unsichtbare Mauer getrennt. Das macht die Situation noch schwieriger, das verschenkte Potenzial sieht aber meistens keiner. Bei Siemens ändern wir das gerade: Wir werden ab Oktober erstmals Marketing und Kommunikation zusammenführen. Was wir damit erreichen wollen: Klare Ziele vom Geschäft in integrierte Kampagnen übersetzen. Und dafür muss man natürlich erst mal dem Geschäft gut zuhören.