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Andreas Möller (Foto: Verena Müller für Trumpf)
21.08.2026   Wissen & Praxis
"Sprache ist immer Ausdruck eines Kampfes"
Trumpf-Kommunikationschef Andreas Möller über Corporate Language, Kampfbegriffe und Stilblüten.
Herr Möller, bei Trumpf firmieren Sie als Kommunikations- und Politikchef. Welche Aufgaben verbergen sich hinter dieser ­Doppelfunktion?
Ich koordiniere unsere konzernweiten Aktivitäten in beiden Feldern und versuche in der täglichen Arbeit Querbezüge herzustellen.
 
Das Thema Sprache ist spätestens seit der Rechtschreibreform 1996 zunehmend zum Politikum geworden. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Sprache ist immer Ausdruck eines Kampfes um Hegemonie und Deutungsmacht. Sie emotionalisiert, deckt Verletzungen auf – und schafft zugleich neue. Derzeit trifft dies in den USA fraglos auf konservative Kreise zu. Aber es gibt Versuche einer Sprach­lenkung auch von anderer Seite.
 
Inwiefern wirkt sich dieser „Kulturkampf“ auf die Sprache von Unternehmen aus?
In der Unternehmenskommunikation macht man bisweilen die Erfahrung bemüht wirkender Stilblüten, die im Ergebnis wenig mit „Gerechtigkeit“ oder „Gleichheit“ zu tun haben. Ein falsch verwendetes Partizip I, das eine im Moment des Sprechens stattfindende Tätigkeit ausdrückt, wird auch mit guten Absichten nicht richtiger, wenn etwa von „ehemaligen Mitarbeitenden“ die Rede ist. Aber ich bekomme bei diesem Thema generell keine Schnappatmung, rate uns zum Herunterkochen der Empörung.
 
Political Correctness ist den einen ein Schimpfwort und den anderen heilig. Spielt sie in Ihrer Arbeit in der Unternehmenskommunikation überhaupt eine Rolle?
Nein, das Wort ist schon lange ein Kampfbegriff, der für uns praktisch keine Rolle spielt. Wenn wir im Unternehmen sagen, dass Werte wie Verantwortung, Solidarität, Fairness nicht nur den Umgang mit Kunden und Mitarbeitern, sondern auch mit der Öffentlichkeit prägen, finde ich das stärker und glaubwürdiger.
 
Insbesondere Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, Menschen der black oder der queeren Community, aber auch viele Frauen beklagen, dass ihre Benachteiligung sich vielerorts auch in der Sprache niederschlägt. Wie gehen Sie in der Kommunikation mit gesellschaftlich ­benachteiligten Gruppen um?
Das mag für gewisse soziale Räume gelten. Ich kenne in unserer Branche kein Unternehmen, in dem systematisch eine entsprechende Benachteiligung stattfände, im Gegenteil: In vielen Unternehmen werden Kolleginnen und Kollegen beispielsweise mit körperlichen Einschränkungen besonders beachtet und geschützt.
 
Gibt es dennoch Nachholbedarf in Ihrem Unternehmen?
Ich denke, dass Trumpf seit Jahren wie bei anderen Themen eine ausgewogene Position einnimmt. Wir folgten dem Zeitgeist weder in den USA noch in Deutschland, sind aber aus einem ernst gemeinten Interesse „am Menschen“ immer darum bemüht gewesen, einen respektvollen Umgang zu leben. Auch in unserer Sprache und Themenauswahl. Wichtig finde ich herauszustellen, dass der Arbeitsalltag der überwiegenden Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Beachtung verdient. Wenn wir Themen kommunikativ Raum geben, sind wir bemüht, nicht nur Vielfalt abzubilden, sondern auch die Realität der Vielen. Das ist die Prämisse unserer Arbeit.
 
Gendern Sie im Unternehmen?
Ja, wenn Sie das Ausschreiben von „Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern“ in Interviews, Reden oder Intranet-Beiträgen als gendersensibel betrachten. Aber wir verwenden in den offiziellen Texten keine Sternchen, Doppelpunkte und wie erwähnt auch kein Partizip I, sondern schreiben aus. Beziehungsweise halten es wie der Großteil der deutschen Printmedien: variierend mit dem generischen Maskulinum. Wenn jemand bei Trumpf dies in Vorträgen und auf Charts anders macht und von „Mitarbeitenden“ spricht, sehe ich das gelassen als Ausdruck eines individuellen Sprach­gebrauchs.
 
Wie würden Sie die Corporate Language Ihres Unternehmens charakterisieren?
Pragmatisch und achtsam, aber auch im besten Sinne „zeitlos“. Doch selbst als gut beleumundetes Familienunternehmen können wir viele Themen öffentlich nur dann ansprechen, wenn wir uns auf Reaktionen gefasst machen. Wenn etwa der Mittelstand aufgrund der Wahlergebnisse in den eigenen Belegschaften darüber nachdenkt, wie er mit der AfD oder der Linken umgehen will, finde ich das berechtigt. Oder wie wir uns in den USA, China oder Ungarn positionieren. Wir können uns noch so viel um eine „Corporate Language“ bemühen: Wenn wir gewisse Fragestellungen ausblenden, werden wir Probleme nur verlagern.
 
Mir fällt auf, dass insbesondere die Werbewirtschaft deutlich mehr auf Gleichstellung und Gleichberechtigung achtet als etwa der Journalismus. Ist mein Eindruck falsch? Und wenn nicht, woran liegt das?
Der Eindruck war lange richtig, hat sich besonders bei US-Firmen in den letzten Monaten aus naheliegenden Gründen aber verändert. Zumal bei Firmen im Tech-Bereich, die sich früher als Vorreiter wähnten und nun Sorge vor der Administration bei Auskünften zu Diversity, Equity & Inclusion (DEI) haben. Im Grunde achten heute in Deutschland vor allem Universitäten und öffentliche Einrichtungen auf entsprechende Schreib- und Sprechweisen, vielleicht der öffentlich-rechtliche Hörfunk. In Printtexten, in denen die Verdichtung des Platzes eine Rolle spielt, ist dies kaum der Fall.


Tipp: Das Interview hat Peter Linden geführt. Es ist Teil der PR-Werkstatt "Sensible Sprache", die Linden verfasst hat. Lesen Sie darin auch:
 
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