Was der langjährige Spiegel-Chef Stefan Aust zum Einsatz von KI im Journalismus dann aber doch gesagt hat. Ein Bericht vom European Publishing Congress.
"Eigentlich bin ich zu alt für das Thema", kommentierte der frühere "Spiegel"-Chefredakteur und "Welt"-Herausgeber
Stefan Aust im Bühnen-Interview beim
European Publishing Congress in Wien die aktuelle KI-Debatte. Im Gespräch mit "kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand lieferte der Publizist, der ChatGPT selbst als Antwortmaschine nutzt, dann aber doch seine Perspektive auf die Frage, wie weit der KI-Einsatz im Journalismus gehen darf.
Als er etwa merkte, dass der umstrittene KI-Kommentar von Springer-Chef
Mathias Döpfner auch von einer KI verfasst wurde, habe er sich "gewundert, wie eine KI so erstklassig möglicherweise falsche Sachen oder auch richtige Sachen formulieren kann". Er selbst, so wurde im weiteren Verlauf des Gesprächs deutlich, würde die KI aber weder schreiben noch Cover gestalten lassen.
Den Fall des geschassten Stephan-Andreas Casdorff, der zugegeben hatte, ganze Meinungsbeiträge im "Tagesspiegel" von einer KI habe schreiben lassen, kommentierte er mit den Worten: "Das sollte man nicht tun." Eine abschließende Meinung zu dem Thema habe er sich aber noch nicht gebildet. Er kenne Casdorff sehr gut, habe oft mit ihm gefeiert und gestritten und wolle zunächst mit ihm selbst sprechen und sich nicht auf das verlassen, was in den Zeitungen steht.
Grundsätzlich plädierte Aust dafür, alle vorhandenen Techniken im Journalismus zu nutzen, um Informationen und Inspiration zu sammeln. Dazu gehöre auch die KI. Er verglich das mit seiner Arbeit als junger Journalist. Damals sei er mit seinem VW-Cabrio beim NDR vorgefahren, habe etliche Archiv-Ordner mitgenommen und sich daraus umfassend informiert. So wie ein Archiv, das aus alten Zeitungsartikeln besteht, Fehler haben könne, mache auch die KI Fehler. Das Aufschreiben der Informationen, das Bilden von Meinungen und daraus abgeleitete politische Positionen sieht er aber bei Journalisten bzw. Politikern.
Außerdem äußerte sich Aust in dem Interview auch zur aktuellen Medienkrise. Das Gespräch gibt es als
Video-Podcast u.a. bei Spotify.
Zuvor hatte Verena Oberauer, Geschäftsführerin und Mit-Gesellschafterin des Medienfachverlags Oberauer, zu dem auch der PR Report gehört, "Europas größten KI-Kongress für Medien" in Wien eröffnet. In ihrer Keynote beklagte sie ein "eng geschnürtes wirtschaftliches Korsett", fehlende Unterstützung durch die Politik und "überbordende Bürokratie". Diese "Handschellen" würden Medienhäusern die dringend benötigten Ressourcen und die Zeit rauben, "die wir für unsere Transformationsprozesse so dringend brauchen".
Beim EPC trafen sich knapp 500 Führungskräfte aus dem Publishing in ganz Europa, um über die Zukunft der Branche zu diskutieren, sich über Trends und Techniken zu informieren und voneinander zu lernen. Aust wurde in diesem Rahmen mit dem "Kress Award" für sein Lebenswerk ausgezeichnet.
Autor: Markus Trantow, Chefredakteur von turi2, wo dieser Text zuerst erschienen ist.