"Kommunizieren im Dauerlauf"
Von der Wirtschaft in die Politik: Betty Kieß, Sprecherin von Digitalminister Karsten Wildberger, über die fünf wesentlichen Unterschiede in der Kommunikationsarbeit in beiden Welten.
Seit einem Jahr leitet Betty Kieß die Abteilung für Kommunikation und Strategie im Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung und ist Sprecherin von Minister Karsten Wildberger. Zuvor hat sie auf Agenturseite sowie bei Eon gearbeitet und später unter anderem die Kommunikation von C&A und Ceconomy verantwortet.
Beim Deutschen PR-Tag in Berlin sprach sie darüber, wie sich die Kommunikationsarbeit in den beiden Welten Wirtschaft und Politik voneinander unterscheidet. Das seien vor allem fünf Dinge (Auszug aus ihrer Keynote).
1. Die Frequenz
„In der Wirtschaft haben wir vielleicht zwei, drei CEO-Interviews im Monat gegeben. Hier geben wir zwei, drei am Tag.“
2. Die permanente Öffentlichkeit
„Jedes Interview findet statt vor dem Hintergrund von wirklich allem, was gerade passiert – in der Welt, in der Politik, in anderen Ministerien, wöchentlichen Meinungsumfragen zur Regierung. Wer hat sich wie zum wem oder was geäußert? Wer hat was gefordert? Man muss die Geräusche von rechts und links aus anderen Ressorts mitdenken, mitbedenken, manchmal mitkommentieren.
Im Unternehmen kann ich ein Produkt zuspitzen, eine Marke emotional aufladen, einen Nutzen klar versprechen. Im Ministerium muss ich kontinuierlich erklären, woran wir arbeiten, was teilweise sehr komplex ist. Und für Vertrauen für etwas werben, was häufig noch gar nicht da ist, weil die konkreten Ergebnisse oft erst spät sichtbar werden, wenn sie wirklich bei den Menschen ankommen.“
3. Das Ministerbüro
„In der Wirtschaft habe ich nie den Kalender des CEO gemanagt. Das war nicht meine Aufgabe. Im Ministerium ist das Ministerbüro Teil meiner Abteilung und damit Entscheidungen, welche Veranstaltung, welche Keynote, welches Format wir bespielen. Die externe Präsenz des Ministers ist ein strategisches Instrument. Jeder Auftritt sendet eine Botschaft.“
4. Die Zielgruppe
„Wir haben uns in unserem Team in der ersten Leitungsklausur gefragt: Wer ist eigentlich unsere Zielgruppe? Zunächst hingen da viele Post-its mit unterschiedlichen Zielgruppen von Minister über Staatssekretäre, Kabinett, Fraktion bis hin zu Medien. Letztlich hing da nur noch eine Zielgruppe, hinter der wir uns alle mit allen Referaten versammeln: die Menschen in Deutschland.
Das bedeutet: Wir brauchen die Bild am Sonntag genauso wie das Handelsblatt. Wir brauchen Lanz genauso wie den Deutschlandfunk-Podcast. Wir brauchen Linkedin und Instagram. Wir müssen auf allen Kanälen dafür sorgen, dass unsere komplexen, manchmal trockenen Themen anschaulich erzählt werden. Transparent machen, woran wir arbeiten, denn es gibt nicht jede Woche ein Produkt, das bereits spürbar einen Unterschied im Leben der Menschen macht.“
5. Das Tempo
„Nach außen kommunizieren wir im Dauerlauf. Kurze Fristen, Briefings im Stundentakt, Reden im Tagesrhythmus, permanente Reaktionsfähigkeit. Und gleichzeitig: Die Umsetzung unserer Vorhaben folgt einem ganz anderen Rhythmus. Demokratische Prozesse gerade in unserem föderalen System können sehr langsam sein. Abstimmungsprozesse, Ressortkoordinierung, parlamentarische Verfahren sind manchmal zäh. Und ja, das ist manchmal frustrierend.
Aber wenn etwas beschlossen ist, hat es Gewicht. Wir haben echten Gestaltungsspielraum. Wir kriegen Dinge umgesetzt. Und das, was wir umsetzen, bewegt auch wirklich etwas.“