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Florian Scholbeck (Foto: Aldi Nord)
01.04.2026   Wissen & Praxis
„Gerade weil jeder schreiben kann, braucht es uns mehr denn je“
Wenn die bisherige Kernkompetenz keine mehr ist: Ein Essay von Florian Scholbeck über die Zukunft der Unternehmenskommunikation.
Kommunikation war schon immer ein bisschen Magie. Man sagt etwas und hofft, dass es nicht nur gehört, sondern auch verstanden wird. Von möglichst vielen. Wir waren darin immer schon gut, in dieser Wahrscheinlichkeitsrechnung der Kommunikation. Und wir waren immer besser im Schreiben als alle anderen. Sonst wären wir nicht Journalisten, ­Redakteurinnen oder PR-Fachleute geworden.
 
Maschinen fragen nicht
Heute ist das anders. Heute kann jeder schreiben. Oder zumindest der KI sagen, sie möge es tun. Die Maschinen schreiben inzwischen schnell, fehlerfrei und stilistisch makellos. Aber sie fragen nicht. Und genau da beginnt für mich echte Kommunikation: nicht beim fertigen Text, sondern bei der ersten Frage.
 
Denn wer nicht fragt, bekommt keine echten Antworten. Und ohne echte Antworten bleibt jeder Text leer, egal wie glatt oder gut er klingt. Gute Kommunikation entsteht aus klugen, situativen, menschlichen Fragen. Fragen, die nicht nur Informationen suchen, sondern Bedeutung und Verständnis. Fragen, die nicht nur klären, sondern öffnen. Fragen, deren Antworten eben nicht glatt sind und eindeutig. Weil wir Menschen es nicht sind.
 
Das Fitnessstudio für den Ernstfall
Glatter Stil ist kein Beweis für Wahrheit oder Wirkung in der Unternehmenskommunikation. Diese Wahrheit schmerzt die geneigten Wortakrobaten und Artistinnen am Hochseil des Messagings. Echtheit braucht Mut zur Imperfektion. Mut, die eigene Perspektive nicht als Dogma, sondern als Beitrag zu einem größeren Ganzen zu sehen. Wer in Zukunft nur polierten Content liefert, verliert Vertrauen. Und wer sich selbst nicht zuhört, wird laut. Und wer nie fragt, ob er falsch liegt, liegt meistens falsch.
 
In einer Welt, in der die Erstellung von Content keine persönliche Fähigkeit mehr ist, wird Kontext zu unserer Verantwortung. Was die Maschine nicht kann: Relevanz, Timing, Perspektive, Erfahrung und Gefühl. Kommunikation der Zukunft heißt deshalb für mich: weniger tippen, mehr denken. Und denken heißt: erst mal reflektieren. Reflexion ist das Fitnessstudio für den Ernstfall. Wer nicht denkt, wird gedacht. Und zwar von anderen. Und dann denkt sich der CEO, Chat GPT ist ja viel billiger als meine Kommunikationsabteilung. 
 
Wehtun, ohne zu verletzen
Und wie schnell das Nicht-Denken passiert, sehen wir jeden Tag: Polarisierung ist die Folge von Denkfaulheit. Wer nur bestätigt, was er ohnehin glaubt, wird irgendwann einsam. Vorurteile überleben durch die Wiederholung, ohne Widerspruch. Erst wenn man sie anspricht, sie hinterfragt, beginnen sie zu bröckeln. Kreativität beginnt da, wo Floskeln enden. Der innere Schweinehund in der Kommunikation heißt Routine. Man muss ihm widersprechen. Und zwar laut.
 
Denn gute Kommunikation ist unbequem. Sie stellt Fragen, die wehtun, ohne zu verletzen. Sie zeigt, was fehlt. Sie bringt Bewegung und Orientierung. Flow entsteht nicht im Chaos, sondern durch Klarheit. Wer etwa Ziele nicht benennt, wird vom Zufall geführt. Übrigens selten dorthin, wo es gut ist. Kommunikation ist der Kanal für Miteinander, für Feedback, für Richtung, für Sinn. Und Sinn ist keine Nebensache. Er ist das Fundament.
 
Das Chaos kennen
Kommunikation mag ein Talent sein. Kommunizieren können und wollen ist jedoch lernbar. Wer redet, gleicht aus. Wer schweigt, zementiert Unterschiede. Gerade deshalb braucht es Menschen, die kuratieren, was echt ist. Die wissen, was gesagt werden muss, wann, warum und wie. Nicht weil der Algorithmus es vorgibt, sondern weil sie das Chaos der Kommunikation kennen und darin Orientierung geben. Das ist unser Job.
 
Je mehr Digitalisierung unsere Kommunikation durchdringt, desto mehr liegt unsere Zukunft in allem, was keinen Strom braucht: in der Frage, nicht im Prompt. In der Haltung, nicht im Schreibstil. In der Reflexion für sich und andere, nicht im Output. In der echten Begegnung, nicht im Interface. In der Fähigkeit, zuzuhören, zu deuten, zu denken. Ganz ohne Strom und Internetverbindung.
 
Oder anders: Gerade weil jeder schreiben kann, weil unsere ehemalige Kernkompetenz keine mehr ist, braucht es uns Kommunikatorinnen und Kommunikatoren mehr denn je.


Autor: Florian Scholbeck ist Managing Director Group Communications & Public Affairs bei Aldi Nord.
 

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