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News / Der Sokrates-Code
Emilio Galli Zugaro (Foto: Oliver Soulas)
24.02.2026   Wissen & Praxis
Der Sokrates-Code
Was in der Zukunft entscheidend sein kann, wurde vor Jahrhunderten gedacht, schreibt unser Kolumnist Emilio Galli Zugaro.
Zum ersten Mal seit Monaten ist meine Kundin, die Kommunikationschefin Jenna Ramos, wie geistig abwesend, wortkarg. Ich warte. Sie wird schon mit dem herausrücken, was sie beschäftigt. „Ich schwanke zwischen ,unzumutbare Aufgabe‘ und ,spannendste Herausforderung der vergangenen Wochen“‘, annonciert sie schließlich.
 
Meinem glasigen Blick muss wohl anzusehen sein, dass ich nichts, aber auch gar nichts gepeilt habe. Sie erläutert, netterweise.
 
Der Vorstand habe eine Arbeitsgruppe damit beauftragt, die Anforderungen an künftige Führungskräfte vor dem Hintergrund der zunehmenden Nutzung jeglicher Form Allgemeiner Künstlicher Intelligenz herauszuarbeiten. Ramos soll die Perspektive der Stakeholder-Kommunikation einbringen.
 
Jetzt dämmert mir ihr Dilemma.
 
Was ist der Code moderner Führung in Zeiten der KI? Welche kommunikativen Fähigkeiten muss man im 21. Jahrhundert haben, um das Team zu begeistern, die Kundinnen, die Eigentümer, die Öffentlichkeit? Eine Prognose ist angesichts der Entwicklung von Social Media, der Nutzung von Large Language Models, der zunehmenden Vernetzung von Maschinen ein Ding der Unmöglichkeit.
 
Wer kennt die Antwort? Und wer die Frage?
Um uns dem großen Thema zu nähern, versuche ich es mit kleinen Schritten. Welche kommunikativen Fähigkeiten muss eine Führungskraft heute beherrschen?
 
Ramos braucht nicht lange zu überlegen: gut informieren können, Storytelling, professioneller Umgang mit Fakten und Zahlen, den Stakeholdern zuhören können und das Gehörte in die Strategie einbringen, das eigene Team befähigen und ermächtigen, um die Wirkungskraft zu vervielfachen, Punkt.
 
Und was davon gilt, wenn Arbeit zum Teil von Menschen und zum Teil von Maschinen erledigt wird?
 
Ramos denkt nach. Sie ist zu klug, Apodiktisches zu verkünden, denn die Kristallkugel hat sie nicht und sie weiß es. „Ich nehme an ... mit Information umgehen zu können, wird wichtig bleiben, ebenso wie das Zuhören oder die Befähigung und Ermächtigung der Interessensgruppen …“
 
Ich hake nach: Und welche Antworten könnten künftige Kommunikationschefs dann auf operative und strategische Herausforderungen im täglichen Betrieb geben, die Künstliche Intelligenz nicht geben können wird?
 
Ramos ist sich klar: „Die Antworten kennen dürfte nicht die Führungskraft, sondern die KI. Das ist doch der Kern von deren Daseinsberechtigung.“ Dann schweigt sie, bevor es aus ihr heraussprudelt. „Nicht um die Antworten geht es in Zukunft, sondern um die richtigen Fragen!“
 
Wissen und Werte
Ob man beispielsweise erfahren wolle, wie man Weltmarktführer wird, werde anders beantwortet als wenn man danach frage, wie man Weltmarktführer wird und dabei das beste Wohl der Interessensgruppen erreicht. Das erfordere bewusstes, kompetentes Fragen.
 
Und die Führungskräfte bräuchten dafür neben dem klassischen Werkzeugkasten auch – und immer mehr? – eine humanistische Bildung, philosophisches, soziologisches, politisches Wissen und ein starkes Wertekorsett. „Das war doch schon die Methode von Sokrates!“, schließt Ramos ihre Tour de Force ab.
 
Sie strahlt mich an und dankt mir. Dabei habe ich doch nur ein paar Fragen gestellt.


Autor: Emilio Galli Zugaro hat von seinen früheren Chefs gelernt, dass gute Führung bedeutet, dem Team immer wieder zwei Fragen zu stellen. „Wie kann ich Euch unterstützen, Eure Ziele zu erreichen?“ und „Was habe ich vergessen?“ – eine Einladung, die psychologische Sicherheit schafft. Diese Kolumne ist indes von A bis Z erfunden, aber nicht realitätsfern …

 
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