Zum 60. Geburtstag des PR Reports haben wir renommierte PR-Profis nach Meisterleistungen der Kommunikation gefragt. Nils Haupt schreibt über "den Sieg der Laternendame".
Ich bin ein Kind der 60er. Aufgewachsen in einem protestantischen Pfarrhaus. Bildungsbürgertum. Unumstößliches Gesetz zu Hause: um 20 Uhr die Tagesschau anschauen. Karl-Heinz Köpcke, der superseriöse Sprecher, holte einem die Welt ins Haus. Morgens lag die Lokalzeitung auf dem Tisch und auch eine große deutsche Tageszeitung. Sie waren dick, samstags sogar sehr dick, wenn Stellenanzeigen, Auto- und Immobilienangebote das Blatt füllten. Der Morgen roch nach Kaffee und frischer Druckerschwärze.
Journalisten galten als „vierte Gewalt“, als Gatekeeper, als Hüter der Wahrheit – oder zumindest dessen, was man dafür hielt. Natürlich gab es auch damals Hofberichterstattung, Gefälligkeitsinterviews und unauffällige Gefälligkeiten zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung. Aber im Kern war da der Anspruch: Wir recherchieren, wir prüfen, wir widersprechen. Journalismus war ein Beruf mit Pathos, mit Passion und ein bisschen Patina. Es war alles schwarz-weiß – im wörtlichen Sinne.
In diesen Jahren etablierte sich der Begriff „Public Relations“ in Deutschland. Jene Disziplin, die zunächst im Schatten des Journalismus stand. Ausgerechnet sie hat es geschafft, sich in sechs Jahrzehnten von der Randnotiz zur Industrie zu mausern. Die heute wächst, gedeiht und an Einfluss gewinnt – während der klassische Journalismus, vor allem der gedruckte, langsam, aber bedauerlicherweise sicher, in die Bedeutungslosigkeit hinabgleitet.
Journalismus und PR standen lange im ungleichen Wettkampf. Der eine galt im letzten Jahrhundert noch als der seriöse Herr in Anzug und Krawatte, die andere als die leicht angetrunkene Dirne an der Laterne lehnend, mit etwas zu viel Lippenstift und viel nackter Haut. Heute hat man den Eindruck: Die Laternendame hat gewonnen.
Die größte Leistung der PR in den letzten 60 Jahren war also schlicht: Sie hat den Spieß umgedreht. Während Journalisten stundenlang über Storyline, Recherchen oder Quellenangaben grübeln, hat die PR längst ein emotionales Video gepostet, das viral geht. Die Wahrheit wird zu einer Frage der kreativen Narrative, nicht der journalistischen Recherchen.
Ich habe meine berufliche Laufbahn dort begonnen, wo man mir seriösen Journalismus beigebracht hat. Seit über 25 Jahren stehe ich nun an der Laterne. Wehmütig. Denn mit dem Bedeutungsverlust des Journalismus geht etwas verloren: die Idee, dass Öffentlichkeit eine kritische Instanz braucht – und unsere Demokratie viele Hüterinnen und Hüter in den Medien.
Und doch: Man muss die PR bewundern. Sie hat geschafft, was der Journalismus nicht konnte – ein funktionierendes Geschäftsmodell in der digitalen Welt. Sie hat ihre Relevanz nicht verloren, sondern gesteigert. Sie ist krisenfest, wächst, zahlt ordentliche Gehälter und erfindet sich ständig neu. In einer Zeit, in der Journalisten oft prekär beschäftigt sind, ist die PR ein sicherer Hafen.
Sie hat sich selbst zu einer unverzichtbaren Stimme gemacht. Sie ist nicht mehr ein hässliches Anhängsel, sondern ein machtvolles Zentrum der öffentlichen Kommunikation. Die PR hat sich professionalisiert, etabliert, perfektioniert und spezialisiert. Aber dieser Triumph grenzt an Tragik. Der Aufstieg unserer Branche hat womöglich den Abstieg des klassischen Journalismus beschleunigt, vielleicht gar mitverursacht.
Wir brauchen dringend beides: gute PR und guten Journalismus. Am besten Hand in Hand. Für eine starke, streitbare und wehrhafte Demokratie.
Tipp: Legendäre Kampagnen, ikonische Marken, mächtige Narrative und Worte, die die Welt bewegten: Unser Special zu den größten Meisterleistungen der Kommunikation lesen Sie im PR Report 5/2025. Wir zeigen darin auch, welche zeitlosen Lehren sich daraus für die Praxis ableiten lassen.