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26.11.2009   News
Riskante Flucht ins Dasein eines Einzelkämpfers
 

Durch den Wechsel in die Selbstständigkeit will eine wachsende Zahl an PR-Fachleuten der Arbeitslosigkeit in Folge der Wirtschaftskrise entgehen. Doch die Anforderungen an freie Berater erhöhen sich durch die Krise zusätzlich. Eine sorgfältige Prüfung vor dem beruflichen Schritt ist unabdingbar. Von Claudia Ottow

Mit rund fünf Anfragen pro Woche erlebt die Deutsche Gesellschaft für Public Relations (DPRG) derzeit ein erhöhtes Informationsbedürfnis von Personen, die sich selbstständig machen wollen. „Es handelt sich dabei überwiegend um PR-Fachleute, deren Arbeitsplatz gefährdet ist oder denen bereits gekündigt wurde“, berichtet Barbara Kliesch, Leiterin des Arbeitskreises PR-Unternehmer in der DPRG. Nach ihrer Kenntnis kommen die meisten Betroffenen aus Unternehmen, die befristete Verträge nicht verlängern. Sie sind durchschnittlich zwischen 30 und 40 Jahre alt, und der Anteil der Frauen ist besonders hoch.
Mit einem vorübergehenden Anstieg der Zahl freiberuflicher PR-Berater aufgrund einer wachsenden Arbeitslosigkeit rechnen auch die spezialisierten Personalberatungen. „Aus Mangel an Berufsperspektiven machen sich derzeit mehr PR-Berater selbstständig, die zuvor in Unternehmen angestellt waren. In den meisten Fällen dürfte es sich dabei aber eher um eine Übergangslösung handeln, bis sich der Markt wieder bereinigt“, vermutet Ulrich Schuhmann, Geschäftsführer der auf Public Relations spezialisierten Schuhmann Personalberatung in Köln. „Nur wenige PR-Mitarbeiter, die sich aus einer Notsituation heraus selbstständig machen, werden langfristig als freie Berater tätig sein“, glaubt auch Gabriele Kaminski, Geschäftsführerin der Frankfurter GK Personalberatung. „Freie Berater müssen vielmehr mit einer wachsenden Konkurrenz durch die zahlreichen arbeitslosen Journalisten rechnen, die als Selbstständige ebenfalls verstärkt PR-Aufgaben übernehmen“, sagt sie.
Nach Einschätzung der Branchenkenner zahlt sich Agenturerfahrung beim Wechsel in die Selbstständigkeit aus. „Bei den erfolgreichen Beratern handelt es sich meistens um PR-Profis aus Agenturen, die mit der Tätigkeit als Dienstleister vertraut sind, oder um Top-Kräfte der Unternehmenskommunikation, die sich etwa auf die CEO-Beratung spezialisieren. Die Mitarbeiter aus PR-Abteilungen wählen selten den Weg in die Selbstständigkeit“, sagt Gabriele Kaminski. „PR-Experten mit Agenturerfahrung wissen meistens besser, worauf sie sich bei dem Schritt in die Selbstständigkeit einlassen. Sie profitieren von breiter aufgestellten Networks, sind das parallele Arbeiten an vielen unterschiedlichen Projekten eher gewohnt und haben vielseitigere Erfahrungen, auch mit der Akquisition von Neugeschäft“, urteilt Schuhmann.
Spezialisierungen gefragt
Oftmals können Berater, die aus Agenturen kommen, mit ersten, ihnen bekannten Kunden starten. „Das neue Einzelkämpferdasein fällt den PR-Experten aus Unternehmen oftmals schwerer als den Agentur-Profis. Sie scheitern oft an dem Vier-Kampf aus Kundenakquise/Networking, Beratung, Umsetzung und Administration“, so Schuhmann. Nicht wenige kehren später wieder in ein Unternehmen zurück, weil sie den täglichen Austausch mit Kollegen vermissen.
Nach groben Schätzungen der DPRG gibt es bundesweit derzeit mehr als 4.000 freie Berater. Zählt man Inhaber von Agenturen auch zu der Gruppe der Selbstständigen, dürfte die Zahl bei über einem Drittel von schätzungsweise 40.000 PR-Fachleuten liegen. Die DPRG berät ihre Mitglieder bei der Existenzgründung und prüft die Business-Pläne für die Bundesagentur für Arbeit oder zur Vorlage bei  möglichen Geldgebern. Außerdem gibt es  bei den Industrie- und Handelskammern entsprechende Informationsangebote.
Barbara Kliesch rät Gründungswilligen, vor dem Start ihr persönliches Profil und ihre Leistungsbereitschaft zu hinterfragen. „Nur wer authentisch das vertritt, was er wirklich kann, kann am Markt Erfolg haben. Selbstständige müssen in jedem Fall bereit sein, selbst für ihr Handeln verantwortlich zu sein. Selbst und ständig – das sind die entscheidenden Worte“, meint Kliesch. Für den Erfolg seien eine erkennbare Spezialisierung und eine durchdachte Marketingstrategie auschlaggebend, die unter anderem die Zielgruppe präzise definiert. „Ich rate den freien Beratern vor ihrem Start in die Selbstständigkeit zum Erfahrungsaustausch mit Kollegen und Netzwerkpartnern. Außerdem sollten sie die Tragfähigkeit ihrer Geschäftsidee anhand eines fundierten Geschäftsplanes überprüfen, der sich mit sämtlichen wirtschaftlichen Faktoren auseinandersetzt. Dazu gehören unter anderem die Wahl der geeigneten Rechtsform, die Fokussierung der Geschäftsidee, die Entwicklung eines Honorarmodells und eine Vermarktungsstrategie“, weiß Kliesch. Bei der Vermarktung setzen erfolgreiche PR-Berater in erster Linie auf die Pflege ihrer Netzwerke und entsprechende Empfehlungen.
Selbstständige wollen sich besser entfalten
Für den Wechsel in die Selbstständigkeit sprechen ein ausgeprägter Wunsch nach Selbstbestimmung und größeren Handlungsspielräumen. Freie Berater schwärmen für größere Entfaltungs- und Gestaltungsmöglichkeiten sowie eine vielschichtige Flexibilität. Anja Glässing leitete vier Jahre lang die Unternehmenskommunikation der Verlagsgruppe Motor Presse Stuttgart und war zuletzt Senior Communications Manager der Design-Agentur frog design in Stuttgart, bevor sie ihre Kernkompetenzen Design und Medien mit der Gründung ihrer ebenfalls in Stuttgart ansässigen Agentur megafon um den Themenschwerpunkt Sport ergänzte. „Mehr als sieben Jahre im Angestelltenverhältnis haben bei mir im Laufe der Zeit den Wunsch geweckt, PR-Strategien auch einmal selber zu entwickeln – und auch selber dafür die Verantwortung zu tragen. Reizvoll fand ich vor allem, nicht mehr auf eine Branche fixiert zu sein“, erzählt sie. Sie schätzt auch eine größere Flexibilität bei der Wahl von Themen für einen Kunden. So könne man als kleines PR-Büro meist schneller reagieren als in einem Angestelltenverhältnis, da zeitraubende Abstimmungsprozesse entfallen.
Auch Katja Lepthien konnte sich mit der Gründung ihrer Beratung „Textmahlzeit“ (Wendisch Evern bei Lüneburg) mehr Freiräume schaffen. Sie war früher unter anderem Leiterin Produkt PR & Consumer Service bei der Molkerei Alois Müller. Seit 2008 konzentriert sie sich als freie Beraterin auf ihre Kernkompetenzen Food & Healthcare. „Die freiere Zeiteinteilung lässt mir mehr geschäftliche und private Handlungsräume. Außerdem sind meine Aufgaben für ein breiteres Kundenspektrum und meine Gestaltungsmöglichkeiten mit Netzwerkpartnern vielseitiger“, schwärmt die studierte Ernährungswissenschaftlerin, die sich primär mit ihrer Leidenschaft für Textarbeit positioniert, jedoch auch das komplette Spektrum der Öffentlichkeitsarbeit anbietet.
Mit mehr Geld nicht zu rechnen
„Neben der zeitlichen Flexibilität sind das Arbeiten von unterschiedlichen Standorten aus und die vielseitigen Kooperationsmöglichkeiten mit den Partnern meines Netzwerkes große Vorteile“, meint auch die PR-Beraterin Rita Wilp. Vor fünf Jahren gründete die ehemalige Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Universitätsmedizin (Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät) in Göttingen, ihr Büro Rita Wilp public relations kommunikation in Göttingen. Sie betreut heute vor allem Kunden und Institutionen aus Medizin und Gesundheitswesen. Ein Jahr nach der Gründung ihrer PR-Beratung hat sie in Hannover gemeinsam mit Partnern die Dachgesellschaft Klinicom Gesundheitskommunikation gegründet, um ein breiteres Leistungsspektrum in Marketing, Werbung und PR abzudecken.
Verbesserte Verdienstaussichten sind selten für den Entschluss für eine Selbstständigkeit maßgebend. Die Einkünfte sind oft nicht höher als in einem Angestelltenverhältnis, zumal unstete Einnahmen hohen Fixkosten gegenüber stehen. Branchenkennern zufolge sind Tagessätze von 3.000 Euro und mehr eher die große Ausnahme. Viele Berater müssen sich mit  Tagessätzen begnügen, die deutlich unter 1.000 Euro liegen.
Chancen und Risiken der Krise
Die Wirtschaftskrise erschwert das Geschäft für Selbstständige: Budgets können plötzlich gekürzt werden oder die Auftraggeber verzichten ganz auf die Mitwirkung von externen Dienstleistern. „Sinnvoll ist es, nicht nur auf einen Großkunden zu setzen, der dann eventuell das Budget streicht, sondern zu versuchen, mehrere kleinere Projekte bei unterschiedlichen Kunden zu betreuen. Die freien Berater müssen sich flexibler auf die Kundenanforderungen einstellen und Ad hoc Aufträge schnell umsetzen können. Im Endeffekt zählt der persönliche Kontakt und der glatte und professionelle Ablauf von Projekten“, betont Wilp. Ihrer Meinung nach werden die Auftraggeber die Leistungen am Markt künftig stärker vergleichen. Damit ergäben sich Gelegenheiten für Neugeschäft, aber auch ein wachsender Kostendruck durch die Auftraggeber.
Der Markt bietet aber auch viele Chancen. „Es gibt eine Vielzahl von Branchen und Nischen, in denen sich zurzeit einiges tut, wie zum Beispiel in den Bereichen Sport, Energie und Neue Medien“, sagt Anja Glässing. „Wenn man in diesen Bereichen thematisch fit ist, die öffentlichkeitswirksamen Instrumente kennt und qualifizierte Kontakte hat, dann bleibt man im Geschäft.“ Weiterer Bedarf herrscht Branchenkennern zufolge im gesamten Bereich Online-Kommunikation, Social Media, Pharma, Personal Affairs, Change und Krisenkommunikation. In vielen Segmenten, etwa der maritimen Wirtschaft, werden zudem Fachredakteure gesucht.
 

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