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Silke Rossmann, Tyto
19.03.2021   Wissen & Praxis
Brauchen wir noch Büros?
Schon vor der Pandemie arbeitete die Agentur Tyto komplett ortsunabhängig. Wie das funktioniert und wie andere PR-Firmen über die Zukunft ihrer Arbeit denken.
Für Silke Rossmann (Foto) ist die Sache klar: „Wir brauchen keine Büros“, sagt die Partnerin von Tyto. Die Agentur setzt auf ein Modell, das sie „location-agnostic“ nennt. Die deutsche Übersetzung klingt schnöder: Tyto arbeitet komplett ortsunabhängig. Es gibt kein Hauptquartier und keine Büros, alle arbeiten von zu Hause oder einem Co-Working-Space aus. Und das seit 2017, als die Briten Brendon Craigie und Ellen Raphael Tyto gegründet haben – und Corona für die meisten Menschen noch eine Biermarke war.
 
Entsprechend wenig habe sich der Alltag für Rossmann und ihre Kolleginnen und Kollegen verändert, seit die Pandemie vor rund einem Jahr über die Welt kam. Während Unternehmen und Agenturen damals quasi über Nacht ihre Belegschaft ins Homeoffice schicken mussten und teils hektisch mit der Beschaffung der nötigen Ausstattung sowie völlig anderen Anforderungen an Zusammenarbeit und Führung beschäftigt waren, machte die 36-Jährige in ihrem Arbeitszimmer in ihrem Zuhause in Aschaffenburg einfach weiter wie zuvor. „Wir konnten uns dadurch voll auf unsere Kunden konzentrieren und ihnen zum Teil auch bei der Umstellung auf die neue Situation helfen, indem wir unsere Erfahrungen mit ihnen geteilt haben“, sagt sie.

Keine E-Mails, immer mit Video
Das mag ein Grund sein, dass Tyto laut eigener Auskunft ein „sehr gutes Jahr“ 2020 hatte. Sicher hat der Fokus der Agentur auf die Technologiebranche, die eher zu Corona-Gewinnern zählt, stark dazu beigetragen. Die Firma beschäftigt derzeit rund 30 Menschen in England, Deutschland, den Niederlanden, Frankreich, Italien und Spanien. Und auch das ist anders als bei anderen: Bei Tyto gibt es keine separierten Länderteams, man arbeite pan-europäisch.
 
Neuzugänge hierzulande waren im vergangenen Jahr Florian Hohenauer und Lavinia Haane. Hohenauer kam als Senior Partner und Head of Strategy, die frühere #30u30-Teilnehmerin ­Haane als Associate Director. Beide waren zuvor beim Konkurrenten Hotwire tätig – so wie Rossmann und andere ihrer heutigen Kolleginnen und Kollegen. Allen voran Tyto-Gründer Craigie, der bei Hotwire rund sechs Jahre lang CEO war.
 
Hohenauer gibt zu, dass er vor seinem Wechsel durchaus skeptisch war angesichts des ungewöhnlichen Modells. Nach rund drei Monaten bei Tyto sei er aber überzeugt. Sein Onboarding verlief komplett virtuell: mit vielen Einzelgesprächen, Trainings, Kaffee- und Weinrunden zum Feierabend. Alles via Zoom. „Dadurch habe ich viele meiner neuen Kolleginnen und Kollegen sehr schnell und sehr gut kennengelernt. Vielleicht schneller und besser als das in einer Agentur mit physischen Standorten der Fall gewesen wäre“, sagt der 44-Jährige.
 
Damit das völlig ortsunabhängige Arbeiten bei Tyto funktioniert, wird Remote Work laufend trainiert. Und es gibt Regeln. So werden intern keine E-Mails geschrieben. Die schriftliche Kommunikation läuft über die Messenger Wire und Slack, die mündliche überwiegend via Zoom. Meetings und Einzelgespräche finden stets mit Video statt, um einander zu sehen. Personen werden in Messengern getaggt, wenn sie eine Nachricht betrifft, alle Dokumente via Sharepoint geteilt. Jeder stellt sicher, dass Kolleginnen und Kollegen zeitunabhängig an Projekten weiterarbeiten können.
 
Hohenauer erzählt, dass er nun rund anderthalb Stunden Zeit am Tag spare, die er früher fürs Pendeln zwischen Wohnort und Büro benötigt habe. Und Rossmann sagt, dass der Talentpool größer sei: „Die Leute müssen nicht umziehen, wenn sie zu uns wechseln wollen. Dadurch bekommen wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die wir sonst womöglich nicht bekommen hätten.“ Dass man so auch teure Mietkosten in hochpreisigen Bürolagen sparen kann, dürfte mehr als ein angenehmer Nebeneffekt sein.

Kleinere Flächen
In der Pandemie mussten viele einstige Home­office-Skeptiker und -Gegner einsehen, dass es sehr wohl möglich ist, ein Unternehmen trotz leerer Bürotürme und den üblichen Dienstreisen am Laufen zu halten. Aber geht das auf Dauer? Für immer? Denn umgekehrt gilt: Auch die Befürworter mussten lernen, dass Homeoffice nicht nur Segen ist: Vereinsamung, Stress, schwindendes Zusammengehörigkeitsgefühl, zum Teil gehemmte Kreativität und Produktivität.
 
Der Ansatz von Tyto ist für andere Agenturchefs unvorstellbar. Identität und Kultur eines Unternehmens werden aus ihrer Sicht vor allem da erlebbar, wo Menschen sich häufig treffen: im Büro. Das fördere auch zufällige Begegnungen, den informellen Austausch. So manch gute Idee entsteht beim Smalltalk im Aufzug, in der Kaffeeküche oder Kantine. Aber viele beschäftigt die Frage, wie viel Fläche sie noch benötigen und wofür. Nicht nur, weil mancher sparen muss. Hybrides Arbeiten, der Wechsel zwischen Büro und Homeoffice, dürfte noch mehr die Regel werden.
 
Als Fischer-Appelt-Vorstand Matthias Wesselmann im Januar in der Zentrale des Agenturriesen in Hamburg weilte, sah er viele Schreibtische, auf und an denen viel fehlte: Menschen, Monitore, Stühle – der Marktführer war pandemie­bedingt weitgehend im Homeoffice.
 
Schon vor Corona schmiedete Wesselmann Pläne, die Büros umzumodeln. Aus zwei Gründen. Erstens: „Wir zahlen unseren Mitarbeitenden den Lohn für ihre Leistung, nicht für Zeit. Wo sie diese Leistung erbringen, ist zweitrangig.“ Zweitens verliere ein fester Arbeitsplatz an Bedeutung. „Vorstellbar ist, dass wir uns verkleinern, und nicht benötigte Flächen freigeben“, sagt Wesselmann.  
 
In den vergangenen Wochen begann Fischer-Appelt, bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ihre Ansprüche an den Arbeitsplatz abzufragen: Wer will zurück ins Büro? Wie oft? Für welche Aufgaben? Die Umfrage soll Basis sein für die Neugestaltung, die bei der Agentur unter dem Begriff „activity-based-workplace“ läuft. Denkbar sei eine Kombi verschiedener Büro-Zonen mit schallgedämpften Einzelarbeitsplätzen, halb-öffentlichen Meeting-Bereichen wie eine Bibliothek und Begegnungsstätten wie ein Café. Schreibtische und Sofas auf Rollen erlauben eine flexible Anpassung.
 
Christiane Schulz, Deutschland-Chefin von Edelman, sagte im PR Report Podcast, dass Homeoffice noch selbstverständlicher werde. Die Folge: „Wir brauchen künftig ein bisschen weniger Quadratmeter. Die Fläche wird kleiner, der Austausch ein anderer.“ Büros würden mehr zu Begegnungsstätten, aber diese Begegnungen seien für Agenturen besonders wichtig.
 
100 Prozent Homeoffice sind auch für Dirk ­Loesch nicht vorstellbar. Die meisten würden das gar nicht wollen, sagt der Gründer der Agentur Loesch Hund Liepold. „Es wird immer einen Ort der Identifikation, der Heimat geben müssen.“
 
Aufgrund der gemeinsamen Hotwire-Historie vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fällt es Tyto womöglich leichter, sich ortsunabhängig zu organisieren. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Mannschaft aus erfahrenen Kräften besteht. Bei 30 Kolleginnen und Kollegen kann noch jeder jede kennen. Aber bleibt die Agentur auf Wachstumskurs, könnte sich auch bei ihr die Frage erneut stellen, ob sie bei zunehmender Größe weiter auf einen festen Standort verzichten kann.
 
Tipp: Dieser Text stammt aus dem PR Report 1/2021. Die Ausgabe gibt es als E-Paper und Print-Magazin.
 
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