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08.12.2014   News
„Das ist zutiefst demokratisch“
 
Senior und junior in der lobby Während der eine die Bonner Republik live erlebt hat, kennt der andere nur Berlin als machtpolitisches Zentrum Deutschlands. Roundabout 45 Lebensjahre liegen zwischen Johannes Neukirchen und Martin Höfelmann. Ansichten zweier Public Affairs-Experten

Die politische Interessenvertretung von Unternehmen und Organisationen steht in Deutschland, so scheint es jedenfalls, unter Generalverdacht. Von einer fünften Gewalt ist die oftmals Rede, die die Demokratie unterhöhlt. Wie begegnen Sie diesen Vorwürfen?

Johannes Neukirchen: Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland hat eine freiheitliche rechtsstaatliche Ordnung geschaffen. In diesem Rahmen findet eine offene Diskussion zwischen den verschiedenen Standpunkten und Interessenvertretern statt, die dann von der politischen Ordnung entschieden wird. Diskussion und argumentative Vertretung der Interessen einerseits, Entscheider-Kompetenz bei der Politik andererseits sind die Grundordnung für den Diskurs unserer Zivilgesellschaft. Dieser Diskurs ist Teil und Beweis einer lebendigen Demokratie. Mir ist bewusst, dass es – vielfach interessensgeleitete – Interpretationen bis hin zu Verdächtigungen gibt. Dagegen hilft Offenheit, Transparenz und Glaubwürdigkeit, die jeder Unternehmensvertreter gerade im gesellschaftlichen und politischen Bereich erbringen muss. Nur so ist man auf Dauer überzeugend und erfolgreich. Glaubwürdigkeit ist das Kapital! Seitens der Wirtschaft gibt es immer deutlichere Compliance-Ordnungen, die subtil und rigide Formate und Einsatzmöglichkeiten überwachen und kontrollieren – mit erheblichen Auswirkungen bei möglichen Verfehlungen!

Martin Höfelmann: Diese Vorwürfe gibt es ja schon seit der Geburt dieser Disziplin. In einer Demokratie gehören alle Ansichten und Meinungen auf den Tisch, und die Politik muss den für das Land besten Lösungsansatz auswählen. Das ist zutiefst demokratisch. Sollen Unternehmen sich an diesem Austausch etwa nicht beteiligen dürfen? Es ist im Gegenteil ihre Pflicht, dies auch gegenüber ihren Mitarbeitern oder auch gegenüber ihren Shareholdern zu tun. Im Übrigen nehmen dieses Recht begründeterweise ja auch die Interessenvertreter großer Umwelt- und Sozialverbände wahr.


Im Kern drehen sich Public Affairs doch um das direkte Gespräch mit Ministerialbeamten und Parlamentariern. Wo endet Hinterzimmerlobbyismus?


Neukirchen: Ich weiß nicht, was Sie mit „Hinterzimmerlobbyismus“ meinen. Wenn wir tätig werden als politische Berater, Unternehmens- oder Verbandsvertreter beziehungsweise renommierte Agenturen und Kanzleien, stützten wir uns auf gute Argumente, nachprüfbare Vorträge zur Sache. Nur dann haben wir Aussicht auf Erfolg. Natürlich gibt es zum Beispiel Geschäftsgeheimnisse und Patente – Niemand wird mit seiner kommunikativen Praxis „Wettbewerber“ füttern wollen.

Höfelmann:
Ich würde Ihnen widersprechen wollen. Public Affairs drehen sich aus meiner Sicht um weit mehr als nur um das direkte Gespräch mit politischen Entscheidern. Unternehmen sind im ständigen und auch transparenten Austausch mit Nichtregierungsorganisationen, Bürgerinitiativen, Betriebsräten oder Gewerkschaften. Vor Jahrzehnten bestimmt undenkbar, arbeiten Unternehmen mit einigen Umweltorganisationen beispielsweise schon seit Jahren vertrauensvoll, offen und transparent zusammen bis hin auf Vorstandsebene. Auch gehen immer mehr Unternehmen dazu über, kritische Fragen in Form von Stakeholderforen mit den politischen Entscheidern in Anwesenheit der größten Kritiker zu diskutieren. Das Hinterzimmer ist also bereits heute eine Townhall. Dennoch muss auch weiterhin ein Vieraugengespräch bei Tee und Plätzchen für jedermann möglich sein. Das ist keine Hinterzimmer-, sondern eine Stilfrage.


Welche Rolle spielen NGOs bei Ihrer Arbeit?


Neukirchen: Die alte „Deutschland-AG“ war im Wesentlichen formiert durch die Dreiheit von Staat, Wirtschaft und Gewerkschaften – siehe Karl Schillers „konzertierte Aktion“. Die heutige Zivilgesellschaft kennt viel mehr Player, den offenen Diskurs. NGOs und soziale Netzwerke nur beispielsweise dafür genannt. Natürlich beobachten auch Wirtschaftsvertreter die NGOs, ihre Argumentationen, Arbeitsweisen und Wirkungen sehr genau – ja, bis hin zur Zusammenarbeit. Umweltorientierung, Nachhaltigkeit, Ressourcen- und Energieeffizienz sind genuine Aktionsfelder und Themen der Wirtschaft – wie auch mancher NGOs. Leider glauben aber einige wenige NGOs, schon allein den Begriff „Wirtschaft“ unter Verdacht stellen und damit möglicherweise ein „Geschäftsfeld“ begründen zu können.

Höfelmann: NGOs spielen eine große Rolle, schließlich bringen sie wertvolle Argumente in viele Debatten ein und vertreten ganz unterschiedliche gesellschaftliche Strömungen. Ihre Teilnahme am politischen Diskurs ist für unsere Demokratie unverzichtbar. Insofern beobachten Unternehmen natürlich sehr genau, wozu sich NGOs wie äußern. Gleichzeitig ist aber bei NGOs ein manchmal der inhaltlichen Diskussion nicht gerade zuträglicher Konkurrenzkampf um öffentlich Wahrnehmung zu beobachten. Statt berechtigter Ansprüche und ausgefeilter Argumente wird dann schon mal mit methodisch unhaltbaren Studien und simplifizierenden Kommunikationskampagnen gearbeitet, die von den Medien noch verstärkt werden. Es gibt aber auch „NGOs 2.0“, die erkannt haben, dass es allemal zielführender ist, Unternehmen durch Kooperation und Beratung zu verbessern, anstatt sich allein des Negative Campaignings zu bedienen.


Welchen Einfluss hat die Digitalisierung?


Neukirchen: Wir ahnen heute, dass die Digitalisierung revolutionär alle gesellschaftlichen Bereiche verändern wird. Allerdings sind die Prozesse noch am Anfang, so dass sich „Prophetien“ eigentlich verbieten – es sei denn, man ist Zukunftsforscher.

Höfelmann: Digital Public Affairs wird momentan noch sehr rudimentär eingesetzt. Unternehmen wie E-Plus oder Google sind hier die Vorreiter. Sie haben allerdings auch den Vorteil, dass ihre politischen Zielgruppen sehr netzaffin sind und das Medium, das sie nutzen, ihr Kerngeschäft darstellt, woraus sich natürlich eine Vielzahl an netzpolitischen Themen ableiten lässt. Kurzfristig dürfte vor allem im Monitoring politischer Debatten auf Facebook und Twitter der größte Wachstumsbereich liegen. Langfristig ist die Frage, inwiefern diese Kanäle aktiv von Unternehmen und Verbänden bespielt werden, eng an die Frage gekoppelt, ob der Wunsch nach völliger Transparenz auch weiterhin ein gesellschaftlicher Trend bleibt.


Wie wird sich die politische Interessenarbeit in Berlin entwickeln?

Neukirchen: Die Grundordnung meiner ersten Antwort ist entscheidend und wird es auch bleiben, selbst wenn sich die Formate ändern sollten. Nach meiner Auffassung bleibt entscheidend im Bereich Public Affairs das persönliche Gespräch, der offene Dialog, die gute Argumentation. Nur davon haben letztlich und zielführend auch die politischen Entscheider etwas.

Höfelmann: Die Arbeit in Berlin wird sich weiter professionalisieren müssen, denn in einem vollen Terminkalender eines MdB oder Ministerialen ist kein Platz für inhaltslose Unterhaltungen, endlose Podiumsdiskussionen und unpräzise Formulierungen. Interessenvertreter werden in Zukunft einfach noch mehr können müssen. Von der politischen Beratung der eigenen Vorstände, über das Organisieren und Moderieren gut gemachter Veranstaltungsformate bis hin zur Partizipation an der digitalen politischen Meinungsbildung.
 

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