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News / Was für ein Bullshit!
Daniel Neuen, Chefredakteur PR Report
13.08.2020   Karriere
Was für ein Bullshit!
Warum Ihr Job angeblich überflüssig ist. Und meiner folglich auch. Von Daniel Neuen, Chefredakteur PR Report.
Wir eröffnen die vorliegende Ausgabe mit Schimpf und Schande: Sie, verehrte Leserinnen und Leser, sind schlecht. Ihre berufliche Tätigkeit ist nicht nur reine Zeit- und Geldverschwendung, sondern auch noch gefährlich und schädlich für die Gesellschaft, ja, für die Menschheit.
 
Falls Sie nun denken, ich sei komplett verrückt geworden, mein Publikum aus heiterem Himmel zu bepöbeln, kann ich Sie beruhigen: Ich mache mir diese Behauptungen keinesfalls zu eigen – nicht nur, weil das bedeuten würde, dass auch meine Arbeit bei diesem kleinen, feinen Fachmagazin niemand bräuchte.
 
Die genannte These stammt aus dem Buch „Bullshit Jobs“ von David Graeber. Unter einem „Bullshit Job“ versteht der US-Ethnologe „eine Form der bezahlten Anstellung, die so vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich ist, dass selbst derjenige, der sie ausführt, ihre Existenz nicht rechtfertigen kann, obwohl er sich im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen verpflichtet fühlt, so zu tun, als sei dies nicht der Fall“.
 
Wie echte Schläger
PR-Profis kategorisiert Graeber im übertragenen Sinn als „Schläger“: Deren Tätigkeit beinhalte ein „aggressives Element“ und sie würden nur existieren, weil andere Menschen sie anstellen. Als Beispiel nennt er Armeen: „Hätte niemand eine Armee, wären Armeen nicht notwendig. Das Gleiche kann man aber auch über die meisten Lobbyisten, PR-Spezialisten, Telefonwerber und Unternehmensanwälte sagen. Auch sie haben wie echte Schläger im Wesentlichen negative Auswirkungen auf die Gesellschaft.“
 
Graebers Bullshit-Parole war in der Covid-Krise öfter zu lesen, um einmal mehr die Systemrelevanz von Schwestern und Pflegern, Lkw-, Busfahrerinnen und Bahnfahrern, Feuerwehrleuten und Polizistinnen, Kassiererinnen und Regaleinräumern, Landwirtinnen, Müllmännern und Reinigungsfrauen hervorzuheben. Deren Leistungen – nicht nur in der Pandemie – wird wohl niemand kleinreden. Ich selbst habe vor ein paar Wochen meine „GeDanken“ dazu aufgeschrieben.
 
Weil es auf Kommunikation ankommt
Indes erschließt sich mir nicht, warum aus der Verehrung der einen Gruppe die pauschale Herabwürdigung der anderen wird. Vielmehr hat Corona doch auch bewiesen, dass es sehr wohl auf Kommunikation ankommt.
 
Wie wäre wohl der Ausnahmezustand in vielen Unternehmen verlaufen, ohne eine kluge und professionelle interne Kommunikation, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über Sicherheits- und Hygienemaßnahmen informiert, im Homeoffice und in Kurzarbeit verlässlich auf dem Laufenden hält und im Idealfall für Sinn, Bindung, Motivation und Angstabbau sorgt? Wie hätten durch Corona kriselnde Firmen wirksam auf ihre Nöte und Bedürfnisse in Politik und Medien aufmerksam machen können, ohne die Hilfe der nicht nur von Graeber so geschmähten PR-Profis und Lobbyisten?
 
Wie viel mehr Fehltritte von Marken und Managern hätte es gegeben, ohne gut vernetzte und empathische Kommunikatoren mit dem richtigen Gespür für gesellschaftliche Stimmungen und Erwartungen und für die angemessenen Worte und Taten? Und hätte die Corona-App auch ohne eine breite Kampagne auf allen Kanälen einen solch fulminanten Start mit vielen Millionen Downloads hingelegt? Wohl kaum.
 
Man könnte Graebers Armee-Gleichnis auch abwandeln: Hätte kein Unternehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wäre interne Kommunikation nicht nötig. Gäbe es keine Investoren, keine Medien, keine Politik, keine Kundschaft und keine NGOs, müssten Unternehmen nicht mit ihnen reden und ihnen zuhören. Würden wir die Pandemie nicht bekämpfen, bräuchte es keine App – und ohne App keine Kampagne.
 
Eine ziemlich weltfremde Logik, wie ich finde. Oder, um Graebers Ausdruck zu benutzen: Bullshit.
 
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