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Roman von der Wiesche (Foto: David Young)
28.05.2020   Wissen & Praxis
Banales wird Wissenschaft
Alles agil, oder was? Gastautor Roman van der Wiesche meint: Don’t believe the hype!
Morgens um 9:45 Uhr trifft sich das Team zum „Scrum“. Der „Project Owner“ hat den Erfolg des Gesamtprojekts im Blick. Der „Scrum-Master“ moderiert und greift bei Konflikten ein. Im Meeting legt das Team fest, was im kommenden „Sprint“, der sich nur auf diesen Tag bezieht, erreicht werden soll. Alle starten mit ihren Aufgaben in den Tag und vergessen dabei nicht, an ihre Stakeholder zu denken und auch deren Perspektiven quasi-empathisch einzunehmen. Am nächsten Morgen um 9:45 Uhr treffen sich alle erneut, um zu besprechen, ob sie die Ziele erreicht haben, an welcher Stelle eventuell nachjustiert werden muss und welche Ziele im nächsten „Sprint“ erreicht werden sollen.
 
Agility 2020? Weit gefehlt: Es handelt sich um eine ganz normale Redaktionskonferenz bei einem Lokalradio im Jahr 1997, als der Verfasser dieser Zeilen in den Hörfunk-Journalismus einstieg und dabei sehr viel lernte über gelungenes Projektmanagement in Gruppen.

Nix kapiert?
War die Redaktion – ohne es damals zu ahnen – ihrer Zeit voraus und bereits agil unterwegs, als man diesen Begriff in Deutschland noch in erster Linie mit sehr rüstigen und beweglichen Rentnern (Respekt, Jopi Heesters! Fantastisch, diese Marika Rökk!) verband? Wohl kaum. Die Redakteure und freien Mitarbeiter haben sich ganz einfach als Team auf Augenhöhe ausgetauscht und gemeinsam eine Sendung geplant.
 
Tipp: Lesen Sie auch den Beitrag "Montag ist Schontag - Wenn agile Methoden Unternehmen lähmen, moderne Agenturen die Telefone ausstöpseln und die Redaktion aufstöhnt."
 
Agilität ist ganz anders! Da hat mal wieder jemand nichts verstanden, denn das, was wir hier machen, ist etwas völlig Neues und hat es so noch nie gegeben, werden einige Fans des Agility-Trends nun empört behaupten. Und man kann es ihnen noch nicht einmal übel nehmen: Viele haben sich mit dieser Mode einen neuen Weg zu lukrativen Aufträgen erschlossen – was natürlich völlig in Ordnung ist. Man möge bitte nur nicht so tun, als ob die IT-Nerds aus den USA, die diese Welle ins Rollen brachten, das Kommunikationsrad neu erfunden hätten.

Klar, in meinem Beispiel ist nicht alles lupenrein auf die aktuellen Modelle übertragbar: Der „Scrum-Master“ saß mit der Chefredakteurin weit oben an der Spitze der Hierarchie, die Konferenz dauerte nicht zehn Minuten, sondern eher eine halbe Stunde. Geschenkt.
 
Aufgabe des „Sprints“ war die Vorbereitung der zweistündigen Sendung am Nachmittag. Dabei sollte sich die Redaktion empathisch in die Teilzielgruppen des zentralen Stakeholders „Hörer“ einfühlen: Was interessiert jene, die auf dem Weg zur Arbeit sind? Welche Themen haben Service-Wert für Familien oder Jüngere? Wie könnte ein informativer und unterhaltsamer Beitrags-Mix aussehen?

Vorsicht, Klischee!
Warum dieser Rückblick? Er belegt letztlich den Eindruck, dass der Hype aus Banalitäten des Projektmanagements in Teams eine Wissenschaft macht. Die braucht natürlich ihre eigenen Fach­vokabeln, um eine Aura des Innovativen zu kreieren und vermarktbar zu werden. Der Facility Manager formerly known as Hausmeister macht eigentlich noch denselben Job wie vor 20 Jahren.
Zum „fancy“ Begriffsuniversum gehört auch ein ganz neuer Aufwand an Listen und schriftlicher Projektkontrolle, der potenziell die Tür zur Verwaltung als Selbstzweck öffnen kann. Auch dabei wirkt es so, als ob Banales künstlich verkompliziert wird.
 
Einige völlig ungeprüfte Hypothesen dazu: Könnte es sein, dass Projekt-Teams, die einen „Scrum-Master“ benötigen, einfach Probleme haben, sich selbst zu organisieren oder effektiv zu kommunizieren? In diesen Fällen ist die Methode sicher hervorragend geeignet, um den Mitgliedern langsam zu zeigen, wie so etwas geht und wie man als Team selbstständig schwimmen lernt. Aber auch dann ist es immer noch keine neue Art zu arbeiten, wie es der Hype seit einigen Jahren postuliert.
 
Der Ursprung des Ansatzes könnte zudem darauf hindeuten, dass Menschen, deren größte Stärke eben nicht die Kommunikation im Team gewesen sein könnte, für sich als Gruppe funktionierende Workarounds geschaffen haben. Der klassische IT-ler mag – Vorsicht, Klischee! – in Unternehmen oft nicht der Beste gewesen sein, wenn es um Kommunikation in Projekt-Teams ging. Genau da setzt Agility an und hat sicher Erfolge gebracht.

Auch ohne Hierarchie gibt es Hierarchie
Die Frage, die sich aber stellt, ist einfach: Warum sollten Gruppen, die diese Defizite in der Kommunikation nicht haben, diese Methoden anwenden? Machen sie etwas, das gut funktioniert, dadurch nicht sogar unnötig kompliziert, indem sie sich einer Vielzahl von Regeln unterwerfen, die Kreativität eher hemmen könnten?
 
Kreativität – vor allem bei kommunikativen Projekten – benötigt immer auch ein Maß an Freiheit. Bei den agilen Methoden kann man zumindest die Befürchtung haben, dass „Micro-Management“ in den Gruppen immer nur einen „Scrum“ entfernt ist. Und eines ist sowieso klar: Auch Gruppen, die meinen, dass sie ohne Hierarchie arbeiten, bilden immer eine eigene Hierarchie aus.
 


Autor: Roman von der Wiesche ist Kommunikationschef bei der SWD in Düsseldorf (Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Rubrik "Resonanz" in der Ausgabe 2/2012).
 
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