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Tanit Koch
21.05.2020   News
"Corona macht keine besseren Menschen aus uns"
Seit März 2019 ist sie Geschäftsführerin von n-tv und Chefredakteurin der RTL-Zentralredaktion in Köln. Im Interview mit dem "Medium Magazin" spricht Tanit Koch über Mathias Döpfner, über die Zukunft von Print nach Corona und Kreativitätsschübe durch Langeweile.
"Medium Magazin": TV Now bietet kostenlose Livestreams, G+J seine Magazine digital befristet gratis an. BDZV-Präsident Döpfner kritisiert das scharf: Dafür gebe es auch in der Krise keinen moralischen Grund. Sehen Sie einen?
Tanit Koch:
TV Now hat weiterhin einen kostenpflichtigen Premiumbereich, und wenn ich Mathias Döpfner richtig verstanden habe, kritisiert er keine Schnupperangebote. Er kritisiert vielmehr diejenigen, und das völlig zu Recht, die in der Krise Gratis-Journalismus fordern. Moralisch Druck auszuüben, um gefälligst kostenlos an etwas zu kommen, das keineswegs kostenfrei produziert wird - das ist schon selten ahnungslos. Vor allem, wenn jemand wie Jan Böhmermann "tear down the fucking paywall" twittert, der selber vom öffentlich-rechtlichen Pay-TV profitiert. Das kostet jeden Haushalt pro Jahr 210 Euro Gebühr. Alle anderen Redaktionen müssen jeden Cent für Journalismus erwirtschaften, was wegen Corona nicht einfacher geworden ist.

Was war bisher Ihr Highlight in der Krise?
Ein Highlight unter sehr vielen: Unsere Corona-Doku, die linear auf RTL und NTV erfolgreich lief, ist inzwischen auch die meistgesehene Doku auf TV Now. So etwas bekämen Netflix, Amazon & Co. so schnell für den deutschen Markt nicht hin.

Und extern?
Anfang März hätte ich den NDR-Podcast mit Christian Drosten genannt.

Warum heute, Mitte April, nicht mehr?
Der Gewöhnungseffekt geht auch an mir nicht vorbei. Deshalb hab ich die SZ-"Seite Drei" von Annette Ramelsberger zum Attentäter von Halle neulich mit umso mehr Interesse gelesen, völlig Corona-frei, toll geschrieben und recherchiert.

Sie sind ja printsozialisiert: Wo sehen Sie die Zukunft von Print nach Corona?
Den Digitalisierungsschub spüren wir wohl alle. Aber wenn jemand erst durch Corona merkt, wie digital die Zukunft aller Medien ist, dann braucht er mehr als Desinfektionsmittel und Mundschutz. Ich glaube ans Gedruckte, allerdings in anderer Größenordnung als bisher - und das ist bereits jetzt eine Herausforderung. Die positive Botschaft aus dieser Krise ist doch aber: Unser Job ist systemrelevant, Journalisten werden gebraucht.

Was lernen Sie persönlich bei RTL in diesen Wochen?
Obwohl das jetzt nach Kalenderspruch klingt: Wir sehen jeden Tag, wie essenziell das Miteinander und die Wertschätzung in einer Redaktion sind. Es berührt mich, wie intensiv sich Kolleginnen und Kollegen umeinander kümmern und das Unmögliche möglich machen. Das ist unbezahlbar, menschlich wie professionell.

Und wie gehen Sie um mit Ängsten der Kollegen?
Mit der richtigen Mischung aus Maßnahmen und Kommunikation. E-Mail-Updates, mehrmals täglich Desinfektion von Arbeitsplätzen, Plexiglas-Trenner in der Regie, Motivations-Pizza, Care-Pakete nach Hause oder zu Auslandskorrespondenten und vieles mehr. Das ist nicht nur das Verdienst der Redaktion, sondern genauso der Reinigungskräfte, der Personalabteilung, unserer Technik-Kollegen von der CBC und des PC-Supports. Die hatten zwischenzeitlich 600 bis 700 Anfragen täglich statt wie sonst 120.

Was glauben Sie, wie werden wir aus dieser Krise herauskommen?
Wenn das Händewaschen anhält: hygienischer. Ansonsten: Corona macht keine besseren Menschen aus uns. Ja, es gibt viel Anerkennung und Rücksichtnahme, es wird aber auch viel gepetzt. Auf jeden Fall sorgt die Langeweile bei vielen für Kreativitätsschübe, die es im täglichen Trott so nicht gegeben hätte. Auf das Ergebnis bin ich echt gespannt.
 
Tipp: Sie möchten das komplette Interview mit Tanit Koch im "Medium Magazin" lesen? Dann kaufen Sie bitte die aktuelle Ausgabe in unserem Shop. Titel: "Journalismus in Zeiten von Corona. Wovon lebe ich? Wofür stehe ich? Wie arbeite ich?"

Das "Medium Magazin" erscheint wie der PR Report im Medienfachverlag Oberauer. 
 

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