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News / Wie verändert die Corona-Krise den Arbeitsmarkt?
Grafik: PRCC
25.03.2020   News
Wie verändert die Corona-Krise den Arbeitsmarkt?
Die Personalberatung PRCC hat via Blitzumfrage ein Stimmungsbild erhoben. Eine Momentaufnahme mit zum Teil überraschenden Ergebnissen.
Die Corona-Pandemie hat das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in Deutschland nahezu zum Erliegen gebracht. Die PRCC Personalberatung wollte herausfinden, wie sich das auf den Arbeitsmarkt in Kommunikation und Marketing auswirkt. Dafür hat sie nach eigenen Angaben 40 Top-Führungskräfte in deutschen Unternehmen befragt.
 
Drei von vier Befragten würden aktuell ihren Job wechseln
Trotz der Krise: 75 Prozent der Umfrageteilnehmer*innen geben an, dass sie aktuell einen anderen Job annehmen würden – eine passende Option vorausgesetzt. Nur für jeden Siebten hat sich die Wechselbereitschaft durch die Krise verringert. Hauptgrund ist die wirtschaftliche Unsicherheit und die damit verbundene Sorge, in der Probezeit gekündigt zu werden.
 
Bei einzelnen Teilnehmer*innen wurde der Wechselwunsch durch die Krise erst geweckt. So schreibt eine(r) der Befragten: „Krisen bringen das Beste oder das Schlechteste in Menschen und Unternehmen hervor (Letzteres in meinem Fall)“.
 
Personalbedarf kaum verändert – aber häufig Einstellungsstopps
Rund jede(r) siebte Befragte gibt an, jetzt weniger Manpower zu benötigen als vor Ausbruch der Krise. Demgegenüber stehen ebenso viele (15 Prozent) Befragte, die krisenbedingt nun mehr Mitarbeiter*innen brauchen. Auf die Frage, welche kommunikativen Fähigkeiten nun besonders wichtig seien, wurden am häufigsten „Krisenkommunikation“ und „Interne Kommunikation“ genannt. Insgesamt sehen aber nur einzelne Befragte jetzt den Bedarf, Personal mit anderen Kompetenzen als bisher zu rekrutieren.  
 
„Ich werde meinen Bereich innerhalb der nächsten sechs Monate personell verstärken können“ – davon gehen nach jetzigem Stand ein Drittel der Befragten aus. Mehr als die Hälfte (22 von 40 Befragten) sehen diese Möglichkeit nicht – bei Ihnen herrscht Einstellungsstopp. Rund 12 Prozent gehen aktuell davon aus, sich von Mitarbeiter*innen trennen zu müssen.


Wenig Sorgen um sich selbst, mehr um die Mitarbeiter*innen
Jeder Dritte sorgt sich „etwas“ um seinen eigenen Job, nur einer von 40 Befragten „sehr“. Die übrigen zwei Drittel machen sich keine beruflichen Sorgen um sich selbst.
 
Größer sind die Bauchschmerzen, wenn es um die Mitarbeiter*innen ihres Bereich geht: Hier sorgt sich die Hälfte „etwas“, einige wenige Befragte „sehr“. Den Fortbestand des Unternehmens, bei dem sie beschäftigt sind, sehen die wenigsten Befragten in Gefahr: 70 Prozent sorgen sich gar nicht, die Übrigen „etwas“, nur eine Person „stark“.
 
Outplacement und Interim-Management als Optionen
Recruiten wollen die Befragten vor allem über Stellenanzeigen (50 Prozent), über das eigene Netzwerk (45 Prozent) und über Social Media (40 Prozent). Jede(r) Dritte will auf Headhunter setzen, jede(r) Fünfte auf Unterstützung durch Agenturen statt auf Einstellungen.
 
30 Prozent sehen ein Outplacement als gute Möglichkeit an, um sich wertschätzend von Mitarbeiter*innen zu trennen. 60 Prozent haben sich bisher nicht mit dieser Option befasst. Interim-Management ist für vier von zehn Befragten denkbar – für Großunternehmen eher als für Mittelständler. 40 Prozent der Befragten haben diese zeitlich begrenzte Form der Unterstützung bisher nicht in Betracht gezogen.
 
Zum Teilnehmerfeld:
 
- Befragt wurden 40 Top-Führungskräfte aus Kommunikation und Marketing.
- Davon arbeitet fast die Hälfte in Unternehmen mit mehr als 10.000 Mitarbeiter*innen, ein Drittel bei Arbeitgebern mit 100 bis 10.000 Beschäftigten, die übrigen Teilnehmer*innen sind bei kleineren Organisationen beschäftigt. Arbeitnehmer*innen in Agenturen wurden nicht befragt.
- Rund ein Drittel der Teilnehmer*innen kommuniziert für Unternehmen aus dem Finanz- und Versicherungsbereich. Die übrigen Befragten verteilen sich maßgeblich auf die Branchen Pharma/Chemie, Elektronik/IT, Handel/Logistik sowie Maschinenbau.
- Im Mittel tragen die Befragten Personalverantwortung für rund 17 Mitarbeiter*innen, die Spanne reicht von einem bis deutlich über 100.


Kommentar: Bye-bye, Kandidatenmarkt?
Philip Müller, Geschäftsführer der PRCC Personalberatung interpretiert die Ergebnisse seiner Umfrage wie folgt.
 
Die Wucht der Corona-Krise lässt einen staunen und erschaudern, auch was die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt für Kommunikatoren und Marketeers angeht: Eben noch gaben gute Arbeitnehmer hier den Ton an, die Unternehmen mussten um sie buhlen. Das hat sich schlagartig geändert – zumindest vorerst.
 
Das Bemerkenswerte: Die meisten Menschen würden auch in der Krise den Job wechseln, das besagt zumindest unsere (nicht-repräsentative) Blitzumfrage unter 40 Führungskräften.
Das gefühlt Widersprüchliche: Es gibt ihn in vielen Unternehmen (noch), den entsprechenden Bedarf an Kommunikatoren und Marketeers – nur kann oder darf dort aktuell nicht eingestellt werden.
Das zu Befürchtende: Der Hiring Freeze könnte anhalten, für viele Unternehmen von der Präventions- zur Rettungsmaßnahme werden, bei dem einen oder anderen Unternehmen ist das bereits der Fall. Selbst Unternehmen, die eben noch vor Kraft kaum laufen konnten und händeringend nach Mitarbeiter*innen gesucht haben, könnten dann ins Schlingern geraten – und Personal abbauen müssen.
 
Aus einem Kandidatenmarkt würde dann wieder ein Arbeitgebermarkt, das Kräfteverhältnis hätte sich umgekehrt. Doch noch ist es nicht so weit. Noch befinden wir uns in einer Art Zwangspause – mit unbekanntem Ausgang.
 
Keiner kann konkret sagen, welches Ausmaß die Krise noch annehmen und wie lange sie anhalten wird. Wir haben die Teilnehmer*innen unserer Umfrage in einem Kommentarfeld nach ihrer Einschätzung gefragt. Wertet man die Tonalität der Antworten aus, erhält man ein gleichmäßig gemischtes Bild: Ein Drittel ist eher optimistisch gestimmt, ein Drittel eher neutral, das dritte Drittel eher pessimistisch. Einig ist man sich darin, dass die Krise morgen nicht vorbei sein wird: „Ich vermute und fürchte, dass wir von Monaten, nicht Wochen sprechen. Wirtschaftliche Folgen sicher ähnlich wie nach der Finanzkrise“, schreibt einer der Befragten.
 
Einige Teilnehmer*innen sehen in der Krise durchaus eine Chance ...
 
... für die Reputation der Profession: „Derzeit gilt: Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation. Es ist für viele Kommunikatoren eine großartige Chance, dem Unternehmen endlich zu beweisen, dass Kommunikation ein strategischer Teil der Unternehmensführung ist, falls das bisher nicht gelungen ist.“
 
... für Nachhaltigkeit und CSR: „Der - voraussichtlich sukzessive - Neustart der wirtschaftlichen Aktivitäten wird ab dem späten Frühjahr mit einem erhöhten Bedarf an Vertrauensaufbau in die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einhergehen und die bereits zuvor im Fokus stehenden Themen Nachhaltigkeit sowie gesellschaftlicher Beitrag der Unternehmen eine weiterhin hohe oder sogar noch höhere Relevanz haben.“
 
... für Remote Work: “Für Unternehmenskommunikations-Teams, die bereits jetzt schlank und fokussiert aufgestellt sind, werden die Rahmenbedingungen günstig wirken. [...] Die Erfahrungen aus der Krise (in Bezug auf Remote-Arbeiten, neue digitale Kommunikationsformen und -medien) werden einen positiven katalytischen Impact auf die Weiterentwicklung der Unternehmenskommunikation haben.“
 
Bei allen Entbehrungen und bei aller Ungewissheit legt die Umfrage eines nahe: In einer Sinnkrise scheinen sich die allermeisten Kommunikatoren (bisher) nicht zu befinden. Und das ist doch eine gute Nachricht, finde ich.
 
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