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News / Zwischen Brennen und Verbrennen
(Foto: Adobe Stock)
23.12.2019   Karriere
Zwischen Brennen und Verbrennen
Drei Erkenntnisse zur psychischen Gesundheit von Kommunikatoren.
 Von Daniel Neuen, Chefredakteur PR Report


1. Das Schweigen hat ein Ende
Das Thema Burnout begleitet mich, seit ich beim PR Report arbeite. In der ersten Ausgabe, die ich verantworten durfte, berichteten wir auf dem Titel über die Leidensgeschichte von Lutz Meyer. Der frühere Blumberry- und Scholz-&-Friends-Manager fand erst durch den Aufenthalt in einer Klinik den Ausweg aus seiner persönlichen Krise.
 
Besagte Ausgabe erschien im Herbst 2015, also vor etwas mehr als vier Jahren. Seitdem haben wir mehrfach über das Problem und über einige wenige Betroffene berichtet, die sich wie Meyer getraut haben, öffentlich darüber zu sprechen. Jedes Mal gab es viele Reaktionen, doch die Resonanz auf unseren Bericht über den Burnout von Vodafone-Sprecher Alexander Leinhos in der vorigen Ausgabe toppte das bei Weitem: Vor allem in Social Media gab es zahlreiche Rückmeldungen, aber auch per Mail und in persönlichen Gesprächen.
 
Viele mahnten zu mehr Achtsamkeit. Mehrere Leser gestanden, dass sie selbst betroffen waren. Und der Rücklauf auf unsere Onlineumfrage, die wir wegen des immensen Echos gestartet haben und deren Ergebnisse Sie in einem Schwerpunkt in unserer neuen Ausgabe finden, war mit 480 Teilnehmern überraschend groß.
 
Burnout und mentale Probleme sind also keine Tabuthemen mehr. Es reicht aber nicht, dass mehr darüber gesprochen wird. Es muss auch mehr dagegen getan werden.
 
2. PR kann krank machen
Zwar deuten die Statistiken der Krankenkassen an, dass es in anderen Berufen mehr Betroffene gibt. Und der renommierte Sport-Psychologe und Führungskräfte-Coach Hans-Dieter Hermann sagt im Interview mit uns, dass kein Beruf per se krank mache. Aber er nennt Risikofaktoren: zum Beispiel permanente Erreichbarkeit, hohe Verantwortung – auch für Dinge, die nicht persönlich zu kontrollieren sind –, wenig Anerkennung und wenige explizite Erfolgserlebnisse. Manchem Kommunikator dürfte das bekannt vorkommen.

Und die vielen Reaktionen auf unsere Berichterstattung legen nahe, dass auch die PR-Branche ein Psycho-Problem hat. Einige Ergebnisse unserer Umfrage sind regelrecht alarmierend: So glaubt mehr als die Hälfte der Befragten, dass PR-Profis im Vergleich mit anderen Berufsgruppen besonders anfällig für arbeitsbedingte, psychische Probleme sind. Jeweils rund drei Viertel der Befragten gaben an, dass sie PR-Kollegen kennen, die Schwierigkeiten hatten oder haben und krankgeschrieben waren. Knapp die Hälfte war selbst schon dienstunfähig.
 
Mag die Situation in anderen Branchen gravierender sein und mögen die genannten Risikofaktoren auch in anderen Berufen vorkommen: Für die Betroffenen macht es das nicht besser.
 
3. Die Führungskräfte sind gefordert
Und daraus folgt auch nicht, dass sich Arbeit­geber und Führungskräfte in der PR nicht darum kümmern müssen, Mitarbeiter zu schützen und Betroffenen zu helfen (Wie das gehen kann, zeigen wir im Heft unter anderem an den Beispielen Thyssenkrupp und Kresse & Discher). Eine „Stellt-Euch-gefälligst-nicht-so-an“-Attitüde kann sich wegen des starken Wettbewerbs um die besten und motiviertesten Köpfe niemand leisten. Unsere Umfrage zeigt: Ein hoher Anspruch an sich selbst und die eigene Arbeit ist Stressfaktor Nummer 2. Der Grat zwischen Brennen und Verbrennen ist oft schmal.
 
Wenig überraschend: In der PR wird hart und lange gearbeitet. „Zu viele Aufgaben, die quasi parallel erledigt werden müssen“, „Mehr Arbeit mit weniger Ressourcen“ und Überstunden gehören zu den Top 5 der Stressmacher. Aber eine hohe Arbeitslast und schwierige Rahmenbedingungen alleine machen nicht krank. Auch das Leben außerhalb des Jobs und die Persönlichkeitsmerkmale spielen eine Rolle.
 
Beides ist keine reine Privatsache. In einer Zeit, in der es vielfach fast keine Grenzen zwischen Leben und Arbeit mehr gibt, müssen gute Chefs Antennen dafür entwickeln, wenn bei ihren Mitarbeitern etwas kippt. Sowieso sind sie mit dafür verantwortlich, Arbeitsbedingungen und Arbeitskultur zu gestalten.
 
Und sie sind Vorbild, haben die Wahl, ob sie mit gutem oder schlechtem Beispiel vorangehen. Auch bei diesem Thema. Am Ende gilt: Niemand ist unersetzbar.
 
Autor: Daniel Neuen ist Chefredakteur des PR Reports.
 
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