Please wait...
News / Baustelle Monstersätze
27.09.2019   Wissen & Praxis
Baustelle Monstersätze
Schreiben kann harte Arbeit sein. Die gute Nachricht: Es gibt nicht beliebig viele Baustellen, es sind immer dieselben.
Wie tickt der Leser, das wunderliche Wesen? Und warum verschwindet er manchmal? Aus Angst vor den Killern – Verständlichkeitskillern!

Luzern an einem Montagmorgen, Kurs zum Thema "Medienwirksam texten". Die Teilnehmer sind Fachleute für Kommunikation. Ein Kollege präsentiert eine Pressemitteilung der "Abteilung Psychiatrie im Kantonsspital Luzern", kurz: "lups".

Ein beliebiger Satz darin geht so:
 
Die zunehmende Vernetzung und Komplexität des Umfeldes, die Forderung nach erhöhter Effizienz und Effektivität bei der Leistungserbringung, die Anforderungen an eine verantwortungsbewusste Unternehmensführung, der vielfältige Aufgabenkatalog sowie ein Fachkräftemangel, neue Finanzierungssysteme und finanzpolitische Vorgaben stellen die lups vor grosse Herausforderungen.
 
"Ich verstehe kein Wort", sagt ein Kursteilnehmer. Andere schütteln den Kopf: "Schwierig!"
Was macht diesen Satz schwierig? Er hat vierzig Wörter, sprich: mehr Informationen, als wir uns merken können. Das Subjekt, der Träger der Handlung, umfasst allein 34 der 40 Wörter; die Struktur stimmt also nicht. Die Wörter sind zu lang. Es gibt ein halbes Dutzend Substantivierungen, in Nomen gepresste Verben.


Zehn Kursteilnehmer sagen, wie der Autor auf sie wirkt. "Kompetent", meint einer. Und die anderen: "belehrend, teilnahmslos, verloren, überheblich".


Diese Wirkung hat der Text nach Ansicht der Probanden: unverständlich, theoretisch, unpersönlich, einschüchternd, ermüdend, schwerfällig, gestelzt, abgehoben, abschreckend.

Und so fühle sich der Leser: erschlagen, überfordert, hilflos, gelangweilt, genervt, dumm, ignoriert, nicht ernst genommen, gestresst, runtergezogen. Es entstehe der Eindruck: "Die wollen mich gar nicht informieren. Die verheimlichen etwas."

Fazit: Ein Autor, der kompliziert schreibt, erschreckt und verschreckt seine Leser.

Was hat der Autor im konkreten Fall falsch gemacht? Drei Dinge: Er hat nicht an die Leser gedacht, nur an sich selbst. Er verstand sich nicht als Dienstleister. Er pflanzte Verständlichkeitskiller in den Text.
 
Test Nummer zwei. Ein Satz, absichtsvoll arrangiert von Friedemann Schulz von Thun, dem Kommunikationsprofi. Eine Definition des Begriffs "Kompliziertheit":
 
Mein Name, welcher sich als kontradiktorischer Gegensatz zu dem soeben vorgestellten Gegenpol ergibt, subsumiert all jene stilistischen Charakteristika, die die Rezeption auf der Wort- und Satzebene behindern, wobei extrem verschachtelte Satzkonstruktionen ebenso wie die multiple Verwendung von Fremd-, Fach- und sonstwie esoterischen Wörtern zu einem (nicht selten auch Prestigezwecken dienenden) hochelaborierten Sprachmuster auf meist hohem Abstraktionsniveau beitragen. 
 
Die Kollegen im Kurs lesen den Satz. Danach bekommen sie ihn noch einmal vorgelesen, verbunden mit der Frage: "Wo würden Sie aus dem Text aussteigen? Bitte Handzeichen." Bei "kontradiktorisch" gehen die meisten Hände hoch, bei "subsumiert" die letzten.

Warum sind die Rezipienten ausgestiegen? Sie sagen unisono: "Schon das erste Fremdwort war zu lang. Ich habe noch gegrübelt, was das Wort bedeutet – da kam auch schon das nächste." Wortwahl und Satzbau wirkten also als Verständlichkeitskiller.

Eine gute Nachricht: Es gibt nicht beliebig viele Stilhürden, es sind immer dieselben. Sie müssen sich nur sieben dieser Mängel merken. Nennen wir sie "Baustellen", das klingt produktiv – man denkt dabei an Legomännchen mit Helm und Spaten. 
 
1. Monstersätze

Das Problem: Der überlange Satz transportiert zu viele Informationen. Er besteht aus Haupt- und Nebensätzen, jeder Gliedsatz enthält eine neue Aussage. Zwischen den Gliedsätzen gibt es eine Hierarchie: Der Hauptsatz ist wichtiger. 
 
Das Werkzeug: Verwenden Sie vorrangig Hauptsätze. Diese Sätze sollten eine überschaubare Länge haben, sieben bis vierzehn Wörter im Schnitt. Wechseln Sie in der Satzlänge ab. Motto: eine Aussage = ein Satz.
 
Ein Beispiel aus dem Schreiben einer Schweizer Großbank: Wir haben in den letzten zwei Jahren eng mit unseren Kundinnen zusammengearbeitet, um zu verstehen, wie sich die Wealth-Management-Industrie entwickeln muss, damit auch weiblichen Bedürfnissen Rechnung getragen wird. (28 Wörter)

Das Vorgehen zur Übung: Machen Sie am Ende jeder Aussage einen Zeilenumbruch. Wo endet der erste Fakt, wo der zweite? Schnell haben Sie X Zeilen mit X Aussagen, macht X mögliche Einzelsätze.

Sortieren Sie nun die Aussagen: Stimmt die Reihenfolge? 
2. Wir haben in den letzten zwei Jahren eng mit unseren Kundinnen zusammengearbeitet,
3. um zu verstehen,
4. wie sich die Wealth-Management-Industrie entwickeln muss,
1. damit auch weiblichen Bedürfnissen Rechnung getragen wird.

Eine Neufassung könnte lauten: Wir wollen auch für vermögende Frauen da sein. Deshalb arbeiten wir seit zwei Jahren eng mit unseren Kundinnen zusammen. Nun verstehen wir besser, was wir in der Vermögensverwaltung tun müssen.


Tipp: Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus der PR-Werkstatt "Schreiben wie ein guter Journalist: Crashkurs für PR-Texter" von unserem Experten Uwe Stolzmann. Darin erläutert er, wie Sie "Dass-Konstruktionen" auflösen, Nominalstil ersetzen und wie Sie Infinitiv- und Partizipgruppen vermeiden.
 

Zurzeit bieten wir zwei Pakete mit jeweils 5 PR-Werkstätten zum Preis von 24,95 Euro an.


 

Werkstatt-Paket 1


 
Krisenkommunikation – Schnell handlungsfähig im Ernstfall: Wie Sie sich auf Krisen vorbereiten. Dazu 7 Strategien mit ihren Vor- und Nachteilen.
 
Content-Strategie - Wirksam kommunizieren in der vernetzten Medienwelt: Wie Sie Inhalte, Technik und Organisation optimal koordinieren.

Social Media – Strategien für digitale Kanäle: Von der Analyse über die Wahl der Kanäle bis zur Erfolgskontrolle. Ein Leitfaden für Unternehmen.

Blogger Relations – Multiplikatoren für Marken und Unternehmen: Diese Werkstatt zeigt, wann Sie auf Blogger setzen sollten und wie Sie mit ihnen fruchtbare Beziehungen aufbauen.

Der Newsroom – Transformation der Kommunikation: Ob Internet oder Print, extern oder intern: Wie sich Themen über die Schaltzentrale der Unternehmenskommunikation effizient steuern lassen.

 


Werkstatt-Paket II


 
Die Kunst der guten Rede: Wie der Einstieg gelingt. Wie Sie im Hauptteil, beweisen, dass Sie kein Sprechautomat sind. Und wie der Schluss auch zum Schluss wird.

Das A und O der Pressemitteilung: Wie man gute Pressemitteilungen schreibt und diese richtig einsetzt. Die neun wichtigsten Bausteine - und warum auch Formales entscheidet.

Das 1 x 1 des PR-Fotos: Alles über gute PR-Bilder. Warum es ein eigenes Bildkonzept braucht und welche Bilder mehr schaden als nutzen. 

Mit Kundenzeitschriften informieren, berühren, überraschen: Alles über Heftstruktur, Heftmischung und die sechs brauchbarsten Prototypen. 

Wirksam schreiben für das Web: Am Bildschirm lesen Menschen anders als auf Papier. Was das für das Schreiben von Onlinetexten bedeutet, zeigt diese PR-Werkstatt.


 

Newsletter

Sie wollen immer auf dem Laufenden sein?

Magazin & Werkstatt