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05.09.2019   News
Kein Hinweis auf Fehlverhalten, aber ...
Die von Bayer beauftragten Anwälte haben ihre Untersuchung der "Monsanto-Listen" abgeschlossen. Demnach enthalten die kritisierten Stakeholder-Verzeichnisse keine sensiblen Daten. Gänzlich aufgeklärt ist die Sache damit indes nicht.
Hintergrund der Untersuchung: Im Mai berichteten französische Medien über Listen mit Namen und Daten von Politikern, Wissenschaftlern und Journalisten, die für Monsanto erstellt worden waren. Die Pariser Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf.
 
Es geht um Vorgänge aus dem Jahr 2016, als Monsanto noch nicht zu Bayer gehörte. Der US-Konzern kämpfte damals um die Erneuerung der EU-Zulassung seines öffentlich umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat. In dem Ringen um die Genehmigung sammelte die beauftragte Agentur Fleishman-Hillard Informationen über Akteure, die sie als relevant für das Verfahren erachtete. Zum einen wurden Stakeholder je nach Grat der Ablehnung oder Unterstützung farblich kategorisiert. Zum anderen soll es sich angeblich auch um private Daten gehandelt haben. Bayer geriet dadurch einmal mehr in Bedrängnis und in die Schlagzeilen. Der Konzern beauftragte die externe Anwaltskanzlei Sidley Austin, die Vorwürfe aufzuklären.
 
Ergebnis der Untersuchung: Die Juristen überprüften 2,4 Millionen Daten, mehr als 25.000 Dokumente und Listen mit knapp 1.500 Personen in mehreren europäischen Ländern – und konnten laut dem Abschlussbericht „keine Hinweise auf illegales Verhalten“ finden. Die Inhalte der Listen, die Sidley Austin vorliegen, sollen demnach hauptsächlich aus öffentlich zugänglichen Informationen wie Presseartikeln oder Social-Media-Accounts stammen.
 
In dem Bericht heißt es: „Wir haben keinen Nachweis für die Vorwürfe gefunden, dass auf den Stakeholder-Listen Hobbys, Freizeitaktivitäten oder andere persönliche Interessen dokumentiert wurden.“ Auf Basis des Berichts sehe Bayer keine Verstöße von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegen damals geltendes Recht oder interne Dienstanweisungen von Monsanto. Auch in der farblichen Kategorisierung sehen die Anwälte kein juristisches Problem.

Sidley Austin habe Zugang zu E-Mails, elektronische Dateien, Verträgen, Compliance-Aufzeichnungen sowie Finanz- und Buchhaltungsunterlagen erhalten. Die Kanzlei führte auch Interviews mit Bayer-Mitarbeitern, die zuvor für Monsanto tätig und an dem Projekt beteiligt waren. Darüber hinaus habe Sidley Austin bestimmte Dokumente und Informationen von FleishmanHillard angefordert und erhalten.
 
Die offenen Fragen bei der Untersuchung: Eigenen Angaben zufolge konnte die Kanzlei aber ausgerechnet das Dokument nicht finden, aus dem sich wohl die in französischen Medien aufgekommenen Vorwürfe speisten: Laut den Presseberichten soll es Datensammlungen geben, in denen private Informationen wie Hobbys und Freizeitaktivitäten aufgeführt sind. So heißt es in der Mitteilung von Bayer: „Um diese Informationen in die Untersuchung einzubeziehen, hat Sidley Austin LLP auch verschiedene französische Medien kontaktiert und um Zugang zu den ihnen zur Verfügung stehenden Dokumenten gebeten. Diese Anfragen wurden nicht beantwortet.“

Insgesamt hat Sidley Austin auf den Stakeholder-Listen die Namen von 1.475 Personen aus mehreren Ländern gefunden, darunter 202 aus Deutschland (202). Alle Personen seien von der Anwaltskanzlei zwischen dem 31. Mai und dem 9. August 2019 schriftlich informiert worden.
 
Allerdings: Deutsche Journalisten konnten nach Angaben von Bayer nicht informiert werden. So soll eine Liste, die Fleishman dem Deutschen Rat für Public Relations (DRPR) vorgelegt hat, von der Kanzlei in den Systemen von Monsanto nicht zu finden gewesen sein. Erst auf Nachfrage habe Sidley Austin von der Agentur Ende Juli eine anonymisierte Liste mit deutschen Journalisten erhalten, die nach Aussage der Agentur identisch sei mit der Version, die auch dem DRPR vorgelegt worden sei.


Was ist sonst noch bemerkenswert an der Untersuchung? Bayer hat den Bericht der Anwälte als pdf veröffentlicht. Darin findet sich im Anhang ein „Statement of work“ zwischen Monsanto und Fleishman. Dieses Dokument beschreibt Eckpfeiler des Auftrags der Agentur, bei der Erneuerung der Zulassung von Glyphosat zu unterstützen. Demnach sollte das Projekt am 15. Oktober 2016 starten und am 31. Dezember 2017 enden. Als Budget standen dafür rund 16,2 Millionen US-Dollar zur Verfügung, davon rund acht Millionen US-Dollar als Honorar für Fleishman und noch einmal rund 7,5 Millionen US-Dollar als Honorar für Dritte.
 
Schon kurz nach Aufkommen der Vorwürfe hatte Bayer Fleishman-Hillard in den Bereichen Public Affairs und Unternehmenskommunikation suspendiert, in der Markenkommunikation dürfe die Agentur weiter für Bayer arbeiten (das gilt nach Angaben des Konzerns weiterhin). Das sorgte wiederum in der Agenturszene für Empörung. Zwar hieß es offiziell, man habe „gemeinsam mit der Agentur beschlossen, die Zusammenarbeit ... bis auf Weiteres zu beenden“. De facto sah das aber so aus, als feuere Bayer seine Agentur öffentlich.
 
Uwe Kohrs, der frühere Präsident und heutige Chairman des deutschen Agenturverbands GPRA, sprang für sein Mitglied Fleishman in die Bresche und sprach Ende Juni in einem Blog der „Wirtschaftswoche“ von einem Bauernopfer, das Bayer auf die Rampe schicke, um dem nächsten Shitstorm zu entgehen: „In jedem Fall hat man aber schon mal die listenführende Agentur gefeuert, da sie den hohen ethischen Anforderungen von Bayer vermeintlich nicht mehr gerecht wird. Prüfung, Fakten und vernünftige Beurteilung: bislang Fehlanzeige.“
 
Schon vor den Bayer-Anwälten hatte der Deutsche Rat für Public Relations (DRPR) seine Prüfung abgeschlossen – Kohrs ist der Vorsitzende von dessen Trägerverein. Der DRPR stellte das Verfahren Mitte Juli ein und betonte explizit, dass er weder eine Mahnung noch eine Rüge ausspreche: Es liege „keinerlei Fehlverhalten“ im Hinblick auf die gültigen Kodizes oder Richtlinien vor.
 
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