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Frank Sieren, China-Experte und Bestseller-Autor
27.10.2014   News
„Wir sollten uns enger mit China verzahnen“
 
„Handelsblatt“-Kolumnist und Bestsellerautor („Der China Schock“) Frank Sieren zählt zu den führenden deutschen China-Experten. Der Journalist lebt seit 20 Jahren in Peking. Im Interview macht der 47-Jährige unter anderem deutlich, warum es für deutsche Mittelständler von Vorteil ist, sich von einem chinesischen Unternehmen kaufen zu lassen.

Deutschland ist für chinesische Investoren der attraktivste Standort in Europa. Woran liegt das?
Das liegt vor allem an drei Dingen: Zum einen verfügen deutsche Unternehmen über Technologie, die für die Chinesen interessant ist. Zum anderen gilt Deutschland in China als politisch besonders verlässlich. Das hat auch damit zu tun, dass unsere Bundeskanzlerin im Vergleich zu den Regierungschefs anderer europäischer Länder lange im Amt ist. Und drittens gilt Angela Merkel in China als die mächtigste Politikerin auf der europäischen Bühne. Faktoren, die gegen Deutschland sprechen, sind die Sprache, aber auch die vielen komplizierten Gesetze und Regulierungen. Die sind für Chinesen nicht so leicht zu durchschauen.

Was treibt mittelständische deutsche Firmen umgekehrt in die Arme chinesischer Investoren?

Zunächst haben die Chinesen schnell verfügbares Geld. Sie müssen ein M&A-Projekt nicht umständlich finanzieren. Für deutsche Mittelständler aber entscheidender ist, dass chinesische Investoren – anders als angelsächsische Heuschrecken – kein Interesse daran haben, ein Unternehmen nach einer Übernahme zu filetieren und die Teile zügig mit Gewinn wieder zu veräußern. Vielmehr sind sie meist bestrebt, das Know-how zu nutzen, von den Marketing- und Vertriebsstrukturen zu lernen und diese auszubauen. Ziel ist es also, zusätzlich zu den vorhandenen Produkten auch mit ihren eigenen Produkten zu expandieren. Deutschland sollte sehr daran gelegen sein, sich enger mit China zu verzahnen: Das Reich der Mitte ist unser wichtigster Wachstumsmarkt!

Dennoch schlägt chinesischen Unternehmen in Deutschland viel Skepsis entgegen – zu Recht?
Ob zu Recht oder nicht, sie ist zumindest verständlich. In der Vergangenheit lag der Fokus chinesischer Investoren auf schnellen Verkaufserfolgen. Inzwischen haben sie verstanden, dass sie mehr Wert auf Markenaufbau und dialogorientierte Kommunikation legen müssen. Vor allem aber haben sie erkannt, dass durchaus Vorbehalte gegen sie bestehen. Chinesische Unternehmen sind traditionell nicht teamorientiert aufgestellt, sondern hierarchisch. Gerade in Deutschland wird ihnen regelmäßig Technologieklau unterstellt. Es kursiert die Befürchtung, dass sie es mit Arbeitnehmerrechten nicht so genau nehmen. Deshalb bemühen sie sich in jüngerer Zeit sehr ernsthaft, diese Vorbehalte abzubauen. Aber ich sage noch einmal: In der Regel ist es besser, sich von einem chinesischen Unternehmen kaufen zu lassen als von einer westlichen Heuschrecke. Letztere treibt ganz klar nur ein Interesse: kurzfristige Gewinnmaximierung – was ihr gutes Recht ist, aber nicht immer im Interesse des mittelständischen Verkäufers.

Stimmt es, dass der lange Arm des chinesischen Regimes bis nach Deutschland reicht?
Die Schlussfolgerung, die Ihre Frage impliziert, kann ich nicht teilen. Richtig ist, dass die erfolgreichen chinesischen Unternehmen einer politischen Initiative folgen, sich stärker zu internationalisieren. Ihnen ist aber sehr klar, dass sie sich dabei an die Gesetze, Regeln und Gepflogenheiten des jeweiligen Landes anpassen müssen. Die Vorstellung, dass man das – auch von oben diktiert – ändern könnte, halte ich für abwegig. Viel interessanter erscheint mir der Blick auf China selbst: Da finden Sie Unternehmen wie Lenovo, aber auch Huawei, das chinesische Cisco, oder aktuell Alibaba, die gerade den größten Börsengang aller Zeiten hingelegt haben. Sie alle sind kreativ, kommunikativ und hochmodern aufgestellt. Auf der anderen Seite gibt es auch noch viele Firmen, die rückständig agieren und immer noch stark staatlich geprägt sind – Unternehmen, in denen es direkt verpönt ist, überhaupt Kommunikation zu betreiben. Deshalb ist es relativ schwierig, mit Chinesen zu kommunizieren; Sie müssen auf beiden Klaviaturen spielen können.
Interview: Bijan Peymani

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