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News / An der Realität vorbei
Bernd Ziesemer (Illustration: C. Müller)
26.06.2019   Menschen
An der Realität vorbei
Ob Verena Bahlsen eine erfolgreiche Unternehmerin wird, weiß niemand. Bisher hat die 26-Jährige noch nichts geleistet – außer kessen Sprüchen und einer veritablen Unkenntnis über die NS-Vergangenheit der Firma. Eine Analyse von Bernd Ziesemer.
Früher kauften reiche Papas ihren gelangweilten Töchtern oft eine Boutique. Heute sollte es schon irgendetwas mit Nachhaltigkeit sein oder vielleicht dieses Influencer-Ding. Oder am besten gleich beides. Aber auf jeden Fall sollte man die jungen Damen genauso wie die jungen Herren erst dann ans väterliche Geschäft lassen, wenn sich bereits ein wenig Lebensklugheit bei ihnen eingestellt hat.
 
So hält es auch der Keksfabrikant Werner Bahlsen mit seiner Filia Verena. Die 26-Jährige betreibt seit einer kurzen Weile im Berliner Szeneviertel Kreuzberg das Lokal „Hermann’s“, eine vegetarische Versuchsküche mit angeschlossener Beratungsabteilung „for a better food future“. Dort kann man zum Lunch ein Aktivkohlebrötchen mit einer Boulette aus Jackfruchtfasern bestellen. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Oder man holt sich als Lebensmittelfabrikant bei Verena Rat, wie man die Produktion von Schokoriegeln auf Hirsekugeln umstellt. Das kann man machen, muss man aber nicht.
 
Auf jeden Fall krähte kein Hahn nach alldem, wenn die junge Bahlsen nicht erst durch ein paar kesse Sprüche über ihren Drang zu Yachten und dann durch ein paar richtig dämliche Sprüche über die Nazi-Vergangenheit von Papas Kekskonzern aufgefallen wäre.
 
Also brach ein Sturm aus, dessen Wogen aus dem Wasserglas überschwappten in die mediale Öffentlichkeit. Und sogleich marschierte bei Twitter und Facebook die deutsche Linke auf, die alles gleich in eine Neiddebatte über Reiche an sich und böse Kapitalisten für sich verwandeln wollte. Was im Gegenzug dazu führte, dass sich die eisernen Verteidiger der Wirtschaft um das Sturmgeschütz der Ordnungs­politik, also die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, sammelten. Unter dem Schlachtruf „Wir brauchen mehr Millionäre in Deutschland und Yachten sind gar nichts Schlechtes“ warfen sie sich mannhaft in die Bresche, die Verena mit ihrem Geschwätz über die gut bezahlten und bestens ernährten Zwangs­arbeiter bei Opa Bahlsen vorher geschlagen hatte.
 
Beide Lager argumentieren allerdings ein kleines bisschen an der Realität vorbei. Der Fall Verena eignet sich weder für ein allgemeines Unternehmer-Bashing noch für die Heroisierung desselben. Aus einem ganz einfachen Grund: Frau Bahlsen ist gar keine Unternehmerin – jedenfalls bisher nicht. Vielleicht wird sie es einmal, wer weiß. Sie wollte ja auch schon mal Künstlerin werden oder einfach nur Rebellin.
 
Unternehmer dagegen leisten etwas – und ihre Selbstbelohnung mit Porsche oder Segeljolle setzt voraus, dass sie überhaupt Geld verdienen. Wer mit Mühe und Not einen Erbschein richtig ausfüllt, sollte sich noch nicht Unternehmer nennen. Und wer Papas Millionen in ein schickes Loft steckt, sollte vielleicht nicht gleich als erfolgreicher Start-up-Gründer durch die Lande touren.
 
Überhaupt unterscheiden sich wirkliche Unternehmer von Windbeuteln dadurch, dass Erstere für gewöhnlich erst einmal bescheiden anfangen, erste Erfahrungen machen, Rückschläge wegstecken, wieder neu anfangen, ihren Umsatz steigern und dann, wenn es gut läuft, auch schöne Gewinne machen. So funktioniert der Kapitalismus. Wer mit null Umsatz erst einmal einen Vergnügungsdampfer als Hauptquartier auf die Spree setzt, kommt mir ein dagegen bisschen präpotent vor. Aber das ist bereits ein ganz anderes Thema.
 
Der Autor: Bernd Ziesemer war in den 1970er-Jahren mal Kommunist, bis er mit der maoistischen KPD brach. Nach der Henri-Nannen-Schule 1983 wirkte als Korrespondent für Nachrichten-agenturen in Bonn und Frankfurt am Main. 1985 ging er zur „WiWo“. 1990-1994 war er für das „Handelsblatt“ in Moskau, 1995-1999 wieder für die „WiWo“ in Tokio. 1999 wurde er stellvertretender, von 2002-2010 Chefredakteur des „Handelsblatts“. Ziesemer schrieb mehrere Bücher und unterrichtet an Journalistenschulen.
 
Dieser Text wurde zuerst im Wirtschaftsjournalist veröffentlicht, der wie der PR Report im Verlag Oberauer erscheint. Lesen Sie darin: Mit Martin Noé und Sven Clausen führen zum ersten Mal gleich zwei Chefredakteure das „Manager Magazin“. Im Interview verraten sie, warum sie im Herzen Klempner sind, was Jürgen Klopp auf dem Cover verloren hat und wie sie wieder mehr Scoops bekommen.
 
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