Please wait...
News / "Das ist der totale Horror"
Antonia Meyer, Barbara Schädler und Babette Kemper. (Foto: Hojabr Riahi)
20.04.2019   Menschen
"Das ist der totale Horror"
Antonia Meyer, Barbara Schädler und Babette Kemper über die Folgen der #MeToo-Debatte und den Zwiespalt, dass PR-Frauen auf Top-Positionen derzeit so gefragt sind wie nie.
Das PR Report Camp hat es wieder einmal gezeigt: Der PR-Nachwuchs ist überwiegend weiblich. Aber auf den Führungsebenen in Agenturen und Unternehmen dominieren Männer. Immer noch. Wie kann das sein? Wir haben mit drei Frauen darüber gesprochen, die unterschiedliche Hintergründe und teils unterschiedliche Blickwinkel haben.
 
Antonia Meyer zählt zu den jungen Aufsteigerinnen der Branche. Die 31-Jährige arbeitet bei der Berliner Agentur 365 Sherpas und wurde bei den PR Report Awards 2016 als „Young Professional des Jahres“ ausgezeichnet. Babette Kemper hat bewiesen, dass Frau auch mit drei Kindern Karriere machen kann. Kürzlich hat die 45-Jährige Neues gewagt: Seit Jahresbeginn ist sie mit der Agentur Achtung Mary am Start. Barbara Schädler (56), PR-Chefin von Eon, zählt seit Jahren zu den Top-Profis in der Unternehmenskommunikation. Die Couch, auf der das Trio für unser Foto Platz nahm, steht übrigens in ihrer Kölner Wohnung, wo das folgende Gespräch stattfand (das vollständige Interview lesen Sie in PR Report 1/2019).


Im Journalismus fordert der Verein Pro Quote Medien 50 Prozent der redaktionellen Macht für Frauen. Er misst regelmäßig das Geschlechterverhältnis in den Führungsetagen der Medien und konfrontiert die Verantwortlichen mit den Zahlen. So entsteht Druck. Wäre das auch eine Option für die Kommunikationsbranche?
Kemper: Das ist ein schwieriges Thema. Die Chancen für Frauen in Management-Funktionen
stehen gerade sehr gut. Mir ist kürzlich von Headhuntern gesagt worden, jetzt sei der perfekte Zeitpunkt: Ich habe das richtige Alter, die Kinder sind groß genug, ich bin qualifiziert, international ausgebildet. Und ich bin eine Frau. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin zu einem CSR-Ansatz geworden. Das verkörperte Statement des CEO: Wir haben die Größe, diese Stelle jetzt mit einer Frau zu besetzen. Das ist der totale Horror.
 
Schädler: Natürlich sind Frauen gerade in einer sehr guten Situation. Sie werden gesucht. PR-Frauen sind noch dazu visible Menschen für ein Unternehmen. Man kann zeigen, dass man eine Frau in einer führenden Position hat. Und dann kommt dieses fantastische Argument, es müsse um Leistung gehen. Dem stimme ich ausdrücklich zu. Aber Tausende von Jahren wurde männlich definiert, was Leistung ist. Jetzt sind Frauen zum ersten Mal nachgefragt. Und sofort kriegen einige von uns ein schlechtes Gewissen. Das finde ich unglaublich. Ich würde sagen, jetzt genießen wir mal 2.000 Jahre lang, dass wir Karriere machen, weil wir eine Frau sind. Übrigens hat die männliche Dominanz nichts, aber auch gar nichts mit Leistung zu tun. Das ist schon statistisch unmöglich.

Spielt Stress eine Rolle? Laut dem „European Communication Monitor“ berichten PR-Frauen von mehr täglichem Stress als ihre männlichen Kollegen. Als Hauptgründe werden die Arbeitslast und die konstante Erreichbarkeit genannt.
Schädler: Ich fühle mich nicht gestresst. Aber das ist auch eine Frage der Erfahrung. Wenn man 25 Jahre in diesem Job ist, stellt man fest, dass Ereignisse, die die Welt ins Wanken bringen, eher selten sind. Meistens stellt die Innenbespiegelung das größere Problem dar als die Außenwahrnehmung. Von daher handelt es sich sehr oft um intern gemachten Stress.
 
Meyer: Es ist die Frage, wie man mit Stress umgeht. Manche Menschen werden ruhiger, andere völlig aufgekratzt. Eine andere Frage ist, ob man plötzlich viel mehr machen muss, weil man durch die Digitalisierung mobil arbeiten kann und ständig erreichbar ist. Diese Frage, die gerade grundsätzlich die Arbeitswelt bewegt, trifft Frauen vielleicht etwas mehr als Männer.
Schädler: Aber es gibt doch für Männer wie Frauen Mechanismen, sich den Stress ein Stück weit aus dem Leben herauszumanagen. Die durchgehende Erreichbarkeit hingegen ist nun mal so, wie sie ist. Das ist wichtig, und vor allem auch für Frauen: Wer den PR-Job haben will, möge sich bitte daran gewöhnen, dass der nur um den Preis einer ständigen Verfügbarkeit zu haben ist.

Eine andere Theorie – die „Freundlichkeitsfalle“ – besagt, Frauen seien zu nett und harmonieorientiert, um zwischen den Ellbogen der Männer durchzukommen oder das auch nur zu wollen.
Kemper: Ich würde von mir behaupten, ein überaus freundlicher und emotionaler Mensch zu sein. Aber ich bin auch klar, setze Grenzen und beziehe Position. Freundlichkeit hat nichts damit zu tun, dass wir unsere Entscheidungen, Bedürfnisse und Visionen nicht kommunizieren können.

Meyer: Es gibt sicher Frauen, die in Verhandlungen zu viel Konjunktiv benutzen, aber das ist mir als Theorie zu simpel. Ich bin auch immer höflich und verliere damit keine Sekunde meines Lebens. Man kann höflich und einfordernd gleichermaßen sein. Ja, Frauen kommunizieren anders als Männer. Aber ich habe noch nie das Gefühl gehabt, dass ich deswegen benachteiligt werde.
 
Kemper: Also: Bleibt freundlich, liebe Frauen! Selbst in einer negativen Situation, in der man in eine Kontroverse geht, kann man elegant bleiben. Das gilt auch für Männer. Für mich ist Barack Obama in dieser Hinsicht ein Vorbild: Er ist oft in die Kontroverse gegangen, aber er war dabei nie unfreundlich.

Eine Riesenwelle hat die #MeToo-Debatte ausgelöst. Wie erleben Sie die Auswirkungen in der PR-Branche?
Kemper: Ich finde die Debatte schwierig, weil sie sehr ausgeufert ist. Im Ursprung geht es um die Aufdeckung von Machtmissbrauch in Kombination mit einer sexuellen Leistung. Das Ganze hat sich dann so ausgeweitet, dass Frauen sich teilweise schon unter Druck gesetzt fühlen, wenn ein Kollege ihnen ein Kompliment macht. Natürlich gibt es Machtmissbrauch durch Vorgesetzte. Es gibt aber auch diejenigen, die mitmachen. Und da müssen wir junge Menschen stärken, dass sie nicht auf etwas eingehen, was sie nicht wollen. Das muss sich nicht unbedingt auf Sexualität beziehen, es können auch Gefälligkeiten sein. Trotzdem möchte ich immer noch, dass man mir die Tür aufhält, wenn ich ins Auto steige, weil ich das einfach als Geste schön finde.

Meyer: Aber wenn Frauen sich angegriffen fühlen, ist das nicht richtig. Jeder hat individuelle Grenzen, die es zu respektieren gilt – ob Mann oder Frau. Die Debatte hat eine notwendige Diskussion ausgelöst. Was heißt #MeToo für mich und wo habe ich etwas erlebt, was ich nicht gut fand? Wo ist für mich die Grenze?

Schädler: Ich wage mal zu behaupten, dass es in unserer Branche keine Frau gibt, die nichts davon erlebt hat. Aber die Aussprechbarkeit hat sich deutlich verbessert. Vor 20 Jahren wäre es sehr unsicher gewesen, ob man in solchen Fällen Unterstützung bekommen hätte. Heute bedarf es nicht mehr eines unfassbaren Muts, solche Entgleisungen öffentlich auszusprechen. Und es ist allseits anerkannt, dass so etwas bei nachweisbaren Verfehlungen Konsequenzen hat. Bei Eon beispielsweise ist das ganz klar der Fall.
 
Kemper: Fast alle Unternehmen haben Handlungsanleitungen formuliert, was man tun kann, wenn einem so etwas passiert ist. Das hat die #MeToo-Debatte sehr beschleunigt. Vor 20 Jahren hätte ich nicht gewusst, was ich tun soll, wenn mir so etwas im beruflichen Umfeld passiert. Heute wüsste ich genau, wie ich mich zu verhalten habe.
 
Interview: Anna von Garmissen
 
Tipp: Bei diesem Gespräch handelt es sich um einen Auszug. Das vollständige Interview lesen Sie in PR Report 1/2019.


Exklusive und aktuelle Nachrichten aus der Kommunikationsszene gibt es jeden Mittwoch und Freitag in unserem Newsletter. Kostenlos abonnieren unter http://www.prreport.de/newsletter/


Magazin & Werkstatt