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Axel Wallrabenstein (l.) und Frank Stauss
22.10.2018   Wissen & Praxis
"Weg von diesem Kuschelkurs!"
Die Polit-Profis Frank Stauss und Axel Wallrabenstein über die Kommunikationsmacht der AfD und die Fehler von CDU und SPD. Wallrabenstein rät zur knallharten Attacke: Man solle mit Alice Weidel so umgehen, wie es die Republikaner in den USA mit Hillary Clinton gemacht haben.
Wie hat die AfD das Geschäft der politischen Kommunikation verändert?
Frank Stauss: Die Brutalität, die die AfD in die Politik gebracht hat, ist für Deutschland neu. Harte Auseinandersetzungen fanden bislang immer zivilisiert statt. Die Rücksichtslosigkeit, Radikalität und Vulgarität der AfD hat diesen Rahmen gesprengt. Und: Die AfD, die vermeintliche Alte-Männer-Partei, wurde als einzige der Bundestagsparteien im digitalen Zeitalter gegründet. Sie hat ihre Strukturen und Kommunikation voll auf die digitalen Medien ausgerichtet. Das hat die politische Konkurrenz verschlafen. Und bis heute ist sie nicht wach geworden. Ich kann nach wie vor bei vielen Politikern und Parteien keine durchdachte Social-Media-Strategie erkennen, am ehesten noch bei der FDP und Christian Lindner.
Axel Wallrabenstein: Die AfD hat extrem viel gelernt von Breitbart in den USA, von der FPÖ in Österreich. Alice Weidel, die als rechte Jeanne d’Arc in der Kommunikation federführend ist, hat gesagt: „In Zukunft sollen die Leute nicht mehr ARD, sondern AfD schauen.“ Das ist genau der Punkt. Die AfD will keinen Diskurs, keinen Konsens und keine Lösung. Alles, was sie tut, ist, politische Gegner zu diskreditieren und Ereignisse wie in Chemnitz strategisch auszuschlachten. Wenn irgendwo etwas passiert, folgt eine halbe Stunde nach Bekanntwerden ein Foto, ein Hashtag, und das Thema wird generalstabsmäßig für die Kommunikation genutzt. Es ist beängstigend, wie brachial und konzertiert die vorgehen. Und die etablierten Parteien haben der AfD – nicht nur in den sozialen Medien – das Feld zu sehr überlassen.

„Nicht nur“ – wie meinen Sie das?
Wallrabenstein: CDU und CSU hatten jahrzehntelang das Thema Sicherheit besetzt, mit dem man Wahlen gerade in Zeiten wie diesen gewinnt. Die Union hat den Bereich vernachlässigt, weshalb die AfD ihn gekapert hat. Ähnliches muss man der SPD in Sachen sozialer Gerechtigkeit bescheinigen. Die etablierten Parteien wissen immer noch nicht, wie sie mit der Aggressivität der AfD umgehen, wie hart sie sie anfassen sollen.  
 
Wenn eine Partei angeblich gar nicht an einem Diskurs interessiert ist, wie soll man dann mit ihr umgehen?  
Wallrabenstein: Man muss knallhart argumentativ gegen die Funktionäre der AfD vorgehen – und das längst nicht nur in den sozialen Medien. Da darf man keine Kompromisse eingehen und keine Hemmungen haben. Man muss mit Alice Weidel so umgehen, wie es die Republikaner in den USA mit Hillary Clinton gemacht haben.  

Was heißt das?
Wallrabenstein: Man muss klarmachen, was es für Deutschland bedeutet, wenn diese Leute regieren würden. Da muss man aber schnell weg von diesem kommunikativen Kuschelkurs, den wir gerade erleben. Es macht aber auch keinen Sinn, pauschal und permanent jeden, der berechtigte oder unberechtigte Zukunftsangst hat, zum Nazi zu stempeln. Das führt nur zu Solidarisierungen. Man muss mit den Leuten diskutieren – hart, aber herzlich. Mit einem tollen Konzert wie in Chemnitz erreicht man keinen einzigen AfD-Sympathisanten. Wir müssen überlegen: Wie kommen wir an diese Leute ran?

Würden Sie das der SPD auch empfehlen?
Stauss: Mit der Nummer „Wir müssen die Sorgen ernst nehmen“ muss es irgendwann vorbei sein. Klare Kante zu zeigen, ist viel wichtiger. Denn gerade in Chemnitz waren Leute unterwegs, mit denen ein politischer Konsens nicht herzustellen ist. AfD-Anhänger sind doch keine irregeleiteten Schafe, die man retten muss. Das sind erwachsene Menschen, die voll für ihr Handeln verantwortlich sind. Nötig ist eine klare Ansage, was in diesem Land geht und was nicht. Deshalb bin ich froh über jeden, der seinen Arsch hochbekommen hat und nach Chemnitz zu dem Konzert gefahren ist. Auch wenn ich weiß, dass das keine Probleme löst. Es ist kompletter Unfug von Seehofer und anderen, immer nur das Flüchtlingsthema zu bespielen und das auch noch mit der verbalen Radikalität der AfD. Das bringt gar nichts. Das Flüchtlingsproblem ist nicht die Ursache der Unruhe im Land, prägt aber den Diskurs, weil alle Parteien ständig drüber reden.
 
Tipp: Bei diesem Interview handelt es sich um einen Auszug aus einem Gespräch mit Stauss und Wallrabenstein in der aktuellen Ausgabe des PR Reports (als E-Paper oder Printausgabe oder im iKiosk). Darin sprechen die beiden Polit-Profis über die nervöse Republik, eigene Überforderung und die Ereignisse von Chemnitz.

Frank Stauss (53) ist Gründer von Richel Stauss und Wahlkampf-Besessener – unter anderem hat er für Gerhard Schröder und Klaus Wowereit gearbeitet. Der Merkel-Kritiker war rund 20 Jahre lang Mitinhaber der Agentur Butter.
 
Axel Wallrabenstein (54) ist Chairman von MSL und gilt als begnadeter Netzwerker, der am liebsten im Hintergrund wirkt. Der Merkel-Fan war unter anderem Bundesgeschäftsführer der Jungen Union.
 

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