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23.09.2014   News
Stakeholder setzen die Agenda
 
Neuer GRI-Standard für Nachhaltigkeitsberichte In die Nachhaltigkeitskommunikation ist Bewegung gekommen: Die EU bastelt an einer Berichtspflicht, und erste Firmen integrieren Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte. Obendrein unterwarf die Global Reporting Initiative ihre Regeln im vergangenen Jahr einem Paradigmenwechsel. Der ab 2016 verbindliche Standard „G4“ wird für einige Branchen zu einer echten Herausforderung. Von Hans-Dieter Sohn

Was die Mao-Bibel für 68er war, sind derzeit die G4-Leitlinien der Global Reporting Initiative (GRI) für Nachhaltigkeitsberichterstatter: Eine Pflichtlektüre. Wer sich professionell mit Nachhaltigkeitsberichten beschäftigt, dürfte zuletzt einige Zeit damit verbracht haben, das immerhin 370 Seiten starke neue Regelwerk zu verstehen. Im Mai 2013 wurde die englische Version vorgestellt, im Februar 2014 folgte die deutsche – jeweils aufgeteilt in Grundsätze und Standardangaben sowie eine ausführliche Umsetzungsanleitung.

Den GRI-Regeln folgen über 80 Prozent der mehr als 300 deutschsprachigen Nachhaltigkeitsberichte für 2013, zählte jüngst die Beratungsfirma BSD Consulting. Für diese Nachhaltigkeitsberichterstatter läuft der Countdown: Bis Ende Dezember 2015 gilt eine Übergangsperiode, in welcher noch offiziell nach den älteren Richtlinien G3 und G3.1 berichtet werden kann. „Diese Zeit gilt es zu nutzen“, sagt Sven Griemert, Frankfurt-Chef bei der Corporate Responsibility-Agentur Scholz & Friends Reputation. „Wegen der umfassenden Regeländerungen sollten sich Unternehmen frühzeitig mit den neuen Leitlinien vertraut machen.“

Auch Andreas Severin, Geschäftsführer der Düsseldorfer Agentur crossrelations brandworks, sieht Unternehmen vor Herausforderungen. „Auf der Grundlage der bisherigen GRI-Regeln haben Unternehmen über die Jahre stabile Prozesse etabliert für die Erhebung und die Interpretation von Daten für die Nachhaltigkeitsberichterstattung sowie für die Aufbereitung der Berichtsinhalte“, erläutert er. „Diese Systeme werden durch den Paradigmenwechsel zu G4 richtig aufgemischt.“


Erleichterung: Unklar
„Dabei sollte ursprünglich G4 eine Erleichterung für Unternehmen bringen“, berichtet Severin. Die Idee: Wir reduzieren die Zahl der Indikatoren, indem wir es den Unternehmen überlassen, auf der Basis einer Materialitätsanalyse zu entscheiden, welchen Indikator sie als relevant betrachten. Doch während bislang Unternehmen selbst ihre Stakeholder aufzählen und beschreiben durften, fordert G4 jetzt eine belastbare und transparente Stakeholderanalyse. GRI verlangt nicht nur eine Materialitätsmatrix, sondern will auch erfahren, wie der Konsultationsprozess aussah, der für das Unternehmen und seine Stakeholder zu einer Einschätzung der wichtigsten Themen geführt hat. „Unternehmen müssen gewissermaßen die Hosen herunterlassen, was die Qualität ihrer Stakeholderbeziehungen angeht“, beschreibt der crossrela- tions-Geschäftsführer die Aufgabe.

Zu den gemeinsam identifizierten großen Themen müssen Unternehmen detailliert und transparent Stellung beziehen, wo und wie die Auswirkungen innerhalb und außerhalb der eigenen Organisation auftreten und wie das Unternehmen damit umgeht. Aus kommunikativer Sicht resultiert daraus eine höhere Glaubwürdigkeit. Doch noch sind Wesentlichkeitsanalysen außerhalb von Großkonzernen nicht sehr verbreitet.

Unternehmen, die noch nicht wissen, wie sie einige der neuen G4-Standardangaben erfüllen können, empfiehlt GRI den Mut zur Lücke. Auslassungen müssen aber stets begründet werden. Den allgemeinen Umfang der Berichterstattung können Unternehmen auch mit der Wahl der neuen Optionen „Core“ und „Comprehensive“ (größerer Umfang, mehr Indikatoren) beeinflussen. Diese lösen die Anwendungsebenen A, B und C ab. Damit entfällt auch der „Level Check“, für den die GRI bislang Geld kassierte und eine Urkunde ausstellte. Andreas Severin bedauert diesen Schritt. Nicht inhaltlich, weil in der Prüfung ohnehin viel Schindluder getrieben worden sei. Für viele Unternehmen hätte das Quasi-Testat aber eine werbliche Wirkung erzielt, für die es nun keinen Ersatz gibt.

Sven Griemert hingegen vermisst die Urkunde nicht, weil sich für ihn Glaubwürdigkeit auch aus anderen Quellen speist, etwa durch ein Wirtschaftsprüfer-Testat oder indem Firmen sich im Reporting auch mit kritischen Themen und Stakeholdern ernsthaft auseinandersetzen.


Wertschöpfungskette im Blick
Als eines der ersten Unternehmen in der Schweiz hat sich die Helvetia-Gruppe an den neuen G4-Standard gewagt. „Er gibt uns die Möglichkeit, unsere Nachhaltigkeitsberichterstattung schlank und informativ zu gestalten. Das wird uns den Austausch mit unseren Stakeholdern zu wesentlichen Corporate Responsibility Themen sicher erleichtern“, ließ die Verantwortliche für Corporate Responsibility, Angela Winkelmann, verkünden.

Hier ist eine Versicherung wie die Helvetia im Vorteil gegenüber Unternehmen mit einer komplexeren Wertschöpfungskette, etwa in der Bekleidungsindustrie. „Wenn ein Unternehmen Informationen über die gesamte Wertschöpfungskette vorlegen soll, muss es von Organisationen Daten beschaffen, auf die es vielleicht einen wirtschaftlichen, aber zumindest keinen juristischen Zugriff hat“, betont Sven Griemert die Unsicherheiten dieser neuen Regeln. „Das stellt viele vor große Herausforderungen.“

Welche Auswirkungen der neue Themenfindungsprozess auf die Vergleichbarkeit der Berichtsergebnisse hat, ist noch unklar. „Ein belastbarer Prozess der Materialitätsanalyse wird in vergleichbaren Branchen zu ähnlichen, aber nicht immer vergleichbaren Ergebnissen führen“, erwartet Sven Griemert. Investoren würden auch weiterhin die wesentlichen Kennzahlen innerhalb einzelner Branchen abfragen. „Neben einheitlichen Kennzahlen könnten auch Brancheninitiativen einen Beitrag zur besseren Vergleichbarkeit leisten.“
Der aktuelle Redebedarf über die Zukunft des Reportings, den Griemert wahrnimmt, speist sich aber nicht nur aus den Regeländerungen der GRI. Im Sommer hat das EU-Parlament Änderungen an den EU-Regeln für Geschäftsberichte abgesegnet, die voraussichtlich 2017 in Kraft treten werden. Künftig sollen Unternehmen zu nicht-finanziellen Themen wie Umwelt, Mitarbeiter, Menschenrechte, Korruption und Gesellschaft im Geschäftsbericht Stellung beziehen müssen.

„Vor allem Firmen aus dem MDAX, die bislang am Rande der Berichterstattung standen, fragen vermehrt, was diese Änderungen für sie bedeuten“, berichtet Sven Griemert. Doch wie und was berichtet werden muss, ist „noch nicht vollständig geklärt“. Wer in der Pflicht steht, hingegen schon: Firmen mit mehr als 500 Mitarbeitern, die „im besonderen öffentlichen Interesse stehen“, wie es der Entwurf formuliert. Das betrifft – neben börsennotierten Firmen – vor allem die Finanzbranche. Europaweit 6.000 Unternehmen, schätzt die EU-Kommission – im Moment erfüllen bereits etwa 2.500 diese Berichtspflicht. Eine Form ist nicht vorgeschrieben. Empfohlen werden etablierte Standards wie GRI oder ISO 26000. Ein integrierter Bericht, wie ihn SAP und BASF bereits vorgelegt haben, ist dafür nicht notwendig. „Das lässt sich mit einigen Seiten im Geschäftsbericht abdecken“, erwarten Griemert und Severin unisono.

Unternehmen sollten die Gelegenheit nutzen, in eine umfassendere Berichterstattung einzusteigen, die auch ökonomisch Sinn macht, indem sie das Thema Nachhaltigkeit strategisch aufgreifen, rät Griemert. „Ansonsten kostet es nur Geld“.
 

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