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News / Mit Mensch und Maschine
Die PR-Werkstatt "Crashkurs für PR-Texter"
20.07.2018   Wissen & Praxis
Mit Mensch und Maschine
Fallbeispiel: Wie das Weltwirtschaftsforum in Davos gegen Fake News kämpft.
Jedes Jahr diskutieren Top-Manager, Politiker, Intellektuelle und Journalisten beim World Economic Forum (WEF) im schweizerischen Davos über globale Fragen. Dabei ist ihnen weltweit eine große mediale Aufmerksamkeit sicher. Diese Aufmerksamkeit erhalten jedoch auch viele falsche Meldungen zum Thema Globalisierung, die im gleichen Zeitraum massiv auftreten. Bei der Verbreitung dieser Desinformationen spielen Bots eine immer größere Rolle. (Tipp: Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus der PR-Werkstatt "Fake News" unserer Expertin Christiane Schulz)


In den vergangenen drei Jahren hat das WEF verschiedene Wege beschritten, um die Verbreitung von Fake News zu bekämpfen. In diesem Jahr bestand die Strategie aus einer Kombination aus dem Einsatz von Menschen und maßgeschneiderter Software, um bösartige Bots in Echtzeit zu verfolgen. Denn laut Mike Hanley, Head of Digital Communication des WEF, gilt: „Technologie hilft dem Menschen, sie ersetzt ihn jedoch nicht.“ 


Was verdächtig ist


Daher setzte das WEF in einem ersten Schritt auf automatisiertes Monitoring. Dazu wurde eine Software entwickelt, die auffällige Profile auf Twitter aufspürt und bösartige Bots identifiziert. Das geschah wie folgt: Ein verdächtiger Account wird auf verschiedene Faktoren hin analysiert. Was für Informationen sind verfügbar: Benutzername, Spitzname (wie „Mausi“ oder „SwearTrek“), Vorname und Nachname? Suspekt sind etwa Kombinationen aus einem Namen und einer Zahlenreihe (sechs oder mehr Ziffern) wie „chris28282831“. Des Weiteren wird untersucht, wie viele Follower der Account hat, wie vielen Accounts er folgt, wie die hinterlegte E-Mail-Adresse (sofern einsehbar) lautet und ob die Beiträge ein ungewöhnliches Muster aufweisen. So sind mehr als 50 Tweets am Tag vermutlich einem Bot zuzurechnen. Sie verraten sich auch häufig dadurch, dass es mit Grammatik hapert oder ungewöhnliche Zitate ständig wiederholt werden.


Anschließend gleicht die Software die Autoren der Tweets mit einer Datenbank bösartiger Bots ab, die mit Open-Source-Techniken (also einer frei nutzbaren Software) ausgestattet sind. Diese Datensätze sind in verschiedene Kategorien ge­gliedert, etwa Malware verteilende Bots, politische Propaganda-Bots oder Bots, die Links zu Seiten mit gefälschten Waren in Umlauf bringen. Verdächtige Twitter-Accounts werden auch mit anderen sozialen Netzwerken verglichen, denn in vielen Fällen hat sich gezeigt, dass die Schöpfer bösartiger Bots dieselben gefälschten Profile auf mehreren Plattformen verwenden. Diese datenbankbasierte Analyse hat zwei Effekte: Sie grenzt die Zahl bösartiger Bots ein und identifiziert im Rahmen des Monitorings echte Personen, die Fake News verbreiten.


Bots gegen Bots


In einem zweiten Schritt führt ein Team aus Technik- und Kommunikationsprofis eine Risikobewertung für jede auffällige Nachricht durch und entscheidet über geeignete Maßnahmen. So setzte das WEF in der Vergangenheit eigene Bots ein, um jedem Verbreiter von Fake News einen Link zu Fakten auf der WEF-Webseite zukommen zu lassen.


Laut Mike Hanley zeigen die Erfahrungen, dass viele Bots jeweils nur wenige Follower haben. Aus Ressourcengründen entschied das WEF daher, sich in der manuellen Nachbearbeitung nur auf signifikante Accounts mit mehr als 500 Followern zu konzentrieren. Dabei handelt es sich häufig um echte Menschen, die hinter „Fake Accounts“ stehen. Während der Jahrestagung 2018 wurden Hunderte von Bots, die Propaganda und Desinformation verbreiteten, durch das WEF und seine Kommunikationsexperten entdeckt und bekämpft.


Angemerkt sei, dass das WEF einen entscheidenden Vorteil hat: Durch das feste Datum des Forums weiß man dort genau, wann mit Falschmeldungen zu rechnen ist und kann sich darauf vorbereiten. Doch auch Organisationen, die diesen Vorteil nicht haben, können sich durch ein integriertes Reputations- und Risikomanagement sowie detaillierte Krisentrainings auf den Ernstfall vorbereiten und so Fake News Einhalt gebieten, bevor diese in aller Munde sind.


Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus der PR-Werkstatt "Fake News" unserer Expertin Christiane Schulz. Die PR-Werkstatt ist erhältlich als Print-Ausgabe und E-Paper

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