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Maria Gresz ist das Gesicht von „Spiegel TV Magazin“.
23.09.2014   News
Skandal im Medienbezirk
 
Krisenpotenzial “KampagnenJournalismus“ Zahlreiche Redaktionen setzen unter Zeit- und Wettbewerbsdruck zunehmend auf Skandalisierung. Mit erheblichen Folgen für die Unternehmenskommunikation. Von Bijan Peymani

Montag ist „Markencheck“-Tag. Zur besten Sendezeit knöpft sich die ARD mal Branchen, mal Unternehmen vor, um sie nach allen Regeln vermeintlich investigativer Kunst vorzuführen. Ob willenloser Ritt durch die Baumärkte, die eher schlichte Möbelhaus-Schelte oder öffentlich-rechtliches Bahn-Bashing – für jeden ist etwas dabei. Die Erkenntnisse, die so gewonnen werden, sind allerdings derart banal, als wäre das durchaus mit hohem Aufwand produzierte 45-Minuten-Format von Zuschauerreportern erstellt worden.

Mit investigativem Journalismus haben „Markencheck“, aber etwa auch „Frontal21“ (ZDF) oder die Undercover-Recherchen auf RTL allenfalls am Rande zu tun. Es geht darum, mit klangvollen Namen, steilen Thesen und zugespitzter Darstellung Quote zu machen. Auch mancher Printtitel bedient sich dieser Mechanik. Doch das Phänomen greift vor allem im TV Platz. „Der Investigativjournalist von heute ist regelmäßig aggressiver – im Vorgehen und im Ton“, beobachtet der Hamburger Medienanwalt Dr. Stefan Engels (siehe Interview rechts). Immer häufiger sei ihm die Geschichte – auch aus Ressourcen-Gründen – wichtiger als die Richtigkeit beziehungsweise Berechtigung der Vorwürfe, so Engels. Ketchum-Pleon-CEO Dirk Popp sekundiert im Fachblatt „Horizont“, Substanzielles und Skandalträchtiges werde „munter verquickt“. Der Drang nach maximaler Aufmerksamkeit schlage die Ausgewogenheit in der Berichterstattung. „Für Unternehmen birgt dieser ,Kampagnenjournalismus’ der neuen Generation enormes Krisenpotenzial“, folgert Popp. Die Betroffenen schweigen. Zumindest offiziell.

Unter Dreien aber ziehen die Chefkommunikatoren der Unternehmen vom Leder. Da beklagt einer die Form eines Journalismus, der sich Verbrauchern zunehmend andiene, mit der Folge, dass die Auseinandersetzung zwischen Unternehmen und Medien „durch die Dramatisierung, Personalisierung und Skandalisierung an Schärfe zugenommen“ habe. Er selbst sei noch vor einigen Jahren nicht auf die Idee gekommen, in einer Frühphase rechtlichen Beistand mit ins Boot zu nehmen – „wir haben aber gelernt, dass das mittlerweile Usus ist; ich bedauere das“.

Der Umgang der Medien mit der Wirtschaft sei heute „zu stark geprägt von einer ideologisch grundierten Kritik“, moniert ein anderer und ergänzt: „Die bekanntesten Skandalisierer neigen zu einem schon Besorgnis erregenden Rigorismus.“ Inflationär eingeführte TV-Formate, Recherche-Pools und so genannte Investigativ-Ressorts förderten zudem Beliebigkeit und Irrelevanz: „Die Stories sind teilweise belanglos und hochgejazzt.“

Das Verhältnis zwischen Pressesprechern und Journalisten habe sich im Zuge dessen stark abgekühlt, erklärt der selbst in der Branche nicht unumstrittene Berater Norbert Essing. „Die Skandalisierungsmode hat nicht dazu beigetragen, das gegenseitige Vertrauen zu fördern – und am Ende vor allem dazu geführt, dass ein Geschäft boomt: das der Medienanwälte.“ Häufig genug entstünden unter dem Deckmantel der Aufklärung ohnehin nur „Geschichten aus der medialen Parallelwelt für die mediale Parallelwelt“, frotzelt Essing.

Viele Verantwortliche in Kommunikationsabteilungen begegnen Kritikern mittlerweile mit einer Umarmungsstrategie: auf konkrete Fragen nicht antworten, aber ins Unternehmen einladen oder ein persönliches Treffen anbieten. Ihre Hoffnung: „Wenn wir stark genug sind, auch auf unsere Kritiker zuzugehen, nehmen wir ihnen den Wind aus den Segeln.“
 

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