Please wait...
News / „Verunsicherung, Halbwissen, Missverständnisse“
Armin Huttenlocher war langjähriger Geschäftsführer bei Fleishman Hillard Germany/Foto: IFOK/Meister Europe
23.09.2014   News
„Verunsicherung, Halbwissen, Missverständnisse“
 
Landwirtschaft in der Imagekrise
Die Landwirtschaft steht unter medialem Dauerbeschuss. Ein Eklat hat in den vergangenen Jahren den anderen abgelöst. Der Betrugsskandal um das Tierschutzsiegel „Neuland“ ist nur ein Beispiel. Armin Huttenlocher, seit Anfang August Geschäftsführer der neu gegründeten IFOK-Tochter Meister Europe, über die Frage, was die Branche jetzt braucht.

Herr Huttenlocher, wie lässt sich den Verbrauchern die grausame Wirklichkeit moderner Landwirtschaft wieder schmackhafter machen?
Ihre Art der Fragestellung belegt Klischees und Vorbehalte, die leider weit verbreitet sind und zigtausenden deutscher Landwirte schwer zu schaffen machen. Beklagen müssen sich die Landwirte aber leider auch bei sich selbst und bei ihren Verbänden, die es schlichtweg lange versäumt haben, Erwartungen der Bürger zu erkennen, Veränderungen der Landwirtschaft zu erläutern, berechtigte Kritik offen aufzugreifen und schwarze Schafe gnadenlos zu verbannen.

In der Frage lag ein Schuss Ironie. Schließlich sind es die Verbraucher selbst, die, statt zur Frischfleischtheke zu gehen, lieber zu Abgepacktem aus dem Kühlregal greifen. Zu Ware, die noch nicht mal billiger ist.
Warum soll denn abgepackte Wurst und abgepackter Käse billiger sein als Wurst und Käse aus der Frischetheke, wenn die Qualität – das unterstelle ich mal – die gleiche ist? Ist es nicht vielmehr erstaunlich, dass sich Missverständnisse wie dieses so weit verfestigt haben, dass der Großteil deutscher Verbraucher im Supermarkt stets das noch Billigere sucht, aber nicht danach fragt, was es braucht bis das Stück Fleisch oder Käse in der Schale unter Klarsichtfolie liegt? In dieser „Geiz ist geil“-Mentalität liegt ein anderer Teil des Problems.

Und Sie glauben, die Landwirtschaft sei selbst schuld an dieser Entwicklung?
Jahrelange Kampagnen wie jene der CMA haben sie noch verstärkt. Der Glanz dieser schnell vergessenen, wenig verändernden, Millionen verschlingenden Kampagnen war das PR-Valium, mit dem man sich vor seinen Kritikern betäubt und in eine Scheinwelt geflüchtet hat. Bis dann die ersten aufgewacht sind, neue Wege gingen und Initiativen wie die „Heimische Landwirtschaft“ gründeten. Leider ohne dass die traditionellen Verbände gleich mitaufgewacht wären. Das beginnt erst jetzt und immer noch viel zu zögerlich.

Was erwarten Sie von der Initiative Tierwohl, sollte der Verbraucher tatsächlich nicht erkennen können, wie Produkte hergestellt worden sind?
Die Initiative Tierwohl ist nur ein Projekt von vielen, um einerseits die Nachhaltigkeit in der deutschen Landwirtschaft weiter zu fördern und zugleich das Bewusstsein in der breiten Bevölkerung für das zu wecken, was es braucht, um qualitativ hochwertige Ernährung zu sichern. Das Ziel ist wichtig, der Ansatz ist richtig, die Umsetzung fragwürdig, eine Kommunikation dazu bis dato entweder nicht erkennbar oder nicht existent. Ist aber nicht schon das Konstrukt fragwürdig? Einerseits sollen weitere Verbesserungen bei der Tierhaltung initiiert werden, andererseits soll der Verbraucher ausdrücklich nicht erkennen können, ob das Steak in der Theke von einem Rind stammt, das nach maximalem oder doch nur nach minimalem Standard gehalten wurde. Die Kritik trifft in diesem Fall nicht die Landwirtschaft, denn es waren Teile des Handels, die diesen faulen Kompromiss erzwungen haben. Sonst wäre das Projekt vermutlich schon früher gescheitert. Jetzt hat es zumindest die Chance in einem zweiten Schritt die Fehler des Anfangs zu korrigieren.

Die Lebensmittelwirtschaft geht ihre schärfsten Kritiker, die NGOs, inzwischen aktiver an. Mit Erfolg?
Sie zielen auf die Initiative „Die Lebensmittelwirtschaft e.V.“ ab. Nun, eine Handvoll Musiker und ein guter Dirigent machen noch kein erfolgreiches Konzert. Das Konzept stimmt, die Projektideen sind zwischen fundiert bis faszinierend, die Umsetzung holpert, auch weil die Geldgeber zugleich die Musiker sein wollen. Was sehr in Ordnung ist und erfolgreich sein kann, solange man dem Dirigenten auch das Vertrauen schenkt und die Mittel gibt, die einer in seiner Rolle braucht. Das aber ist bislang nur sehr verhalten der Fall.

Wäre der Weg der Lebensmittelwirtschaft Vorbild für die Landwirtschaft?
Soweit das Konzept auf „Dialog vor Kampagne“ setzt, durchaus. Die Landwirtschaft steht vor einer ähnlichen, aber noch viel größeren Herausforderung. Auch sie hat enorm an Vertrauen verloren. Auch sie hat mit Verunsicherung, Halbwissen, Missverständnissen und dem Phänomen zu kämpfen, dass einige NGOs es schneller in die Schlagzeilen und in die Köpfe schaffen, egal wie verzerrend und falsch mitunter ihre Behauptungen sind – was ausdrücklich nicht die Redlichkeit einiger anderer in Frage stellt.
 

Newsletter

Sie wollen immer auf dem Laufenden sein?

Magazin & Werkstatt