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Imran Ayata: "Unternehmen sind in Sachen Diversity viel weiter als Agenturen"
08.06.2018   Menschen
"Die Agenturszene ist Old School"
Warum sind Menschen mit Migrationshintergrund auf den Top-Positionen der PR-Branche kaum vertreten? Kampagnenspezialist Imran Ayata über deutsche Rückständigkeit, Sexismus und das Vorbild New York.
Auf den Top-Positionen in der deutschen Kommunikationsbranche sind Menschen mit Migrationshintergrund kaum vertreten. Woran liegt das?
Imran Ayata: Es könnte mit der Geschichte der PR in Deutschland zu tun haben. Am Ende sprechen wir von einer relativ jungen Branche, die in den Anfängen sehr stark aus dem Journalismus heraus entstanden ist. Von dort wechselten viele in die PR. Der Journalismus war damals eine sehr männlich-deutsch dominierte Domäne. Erst in den vergangenen Jahren entdeckten junge Migranten die Branche.
 
(Warum sind Menschen mit Migrationshintergrund auf den Top-Positionen der deutschen PR-Branche kaum vertreten? Im aktuellen PR Report suchen wir nach Gründen. Als Print-AusgabeE-Paper und im iKiosk)

Ist die späte Entwicklung ein typisch deutsches Phänomen?
In dieser Ausgeprägtheit vermutlich schon. Ich war gerade zwei Wochen in New York und wollte gar nicht mehr zurück. Dort spielt es überhaupt keine Rolle, wie du aussiehst oder wie du heißt. Vielfalt ist selbstverständlich. In Deutschland hingegen ist kulturelle Differenz noch immer eine Besonderheit.

Was bedeutet das für die PR-Branche?
Die Branche war lange Zeit nicht attraktiv für Menschen mit Migrationshintergrund. Wenn Karriere, dann in Branchen mit klarer Perspektive, die es in der PR so lange nicht gab. Auch bei mir waren es oft viele Zufälle, die mich bis zu dem Punkt geführt haben, an dem ich heute bin. Am Ende ist die Agenturszene noch immer sehr Old School, homogen, nicht divers genug. Es ist paradox: Deutschland ist einer der größten Profiteure der Globalisierung und zugleich eines der rückständigsten Industrieländer, was Diversity betrifft.

Wie lässt sich das ändern?
Das wird sich schon allein durch die demografische Entwicklung ändern. Immer mehr Menschen hierzulande haben eine Einwanderungsgeschichte. Nur abwarten reicht nicht, wir brauchen einen Perspektivwechsel, schon wegen der Globalisierung. Wer heute für ein Dax-Unternehmen spricht und die globale Perspektive nicht mitdenkt, hat schon verloren.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie mehr Leistung bringen mussten als andere, um die gleichen Chancen zu erhalten?
Meine Eltern haben mir nach dem Abi mit auf den Weg gegeben: „Du musst dreimal besser sein als die Deutschen.“ Eigentlich eine problematische Botschaft, die ich aber immer im Hinterkopf hatte. Im Berufsleben habe ich Ausgrenzung erlebt, aber nie bei A&B One, wo ich 14 Jahre lang gearbeitet habe. Das war schon sehr besonders.

Gibt es Unterschiede zwischen Agenturen und Unternehmen?
Unternehmen sind in Sachen Diversity viel weiter als die Agenturen. Sie sind gezwungen, sich mit Vielheit zu beschäftigen. Bei den Agenturen scheint es eher so zu sein, dass nichts passiert, solange sie keinen Druck bekommen.

Brauchen Menschen mit Migrationshintergrund auch einen eigenen Verein wie den „Global Women in PR“?
Das Frauennetzwerk finde ich richtig und cool. Sexismus ist in der PR-Branche präsent, damit meine ich nicht nur das depperte Macho-Gehabe, sondern die strukturelle Gender-Ungleichheit. Schon deswegen ist ein solches Netzwerk eine gute Initiative. Aber ein Verein für Migranten in Führungspositionen ist für mich nicht interessant. Abgesehen davon: Wer sollte dort Mitglied sein? Bei Frauen sind die Erfahrungen der Ausgrenzung kollektivierbar, und ihr Anteil ist viel höher als der von Menschen mit Migrationshintergrund.

Wie sieht die Lösung dann aus?
Wir brauchen ein neues Mindset. Bei den Agenturen habe ich manchmal den Eindruck, da reden Blinde über Farben. Die Frage ist: Welches Interesse haben Unternehmen und Agenturen daran, Menschen mit Migrationshintergrund in gute Positionen zu bringen? Und da gibt es einige gute Gründe, etwa, dass diese Menschen oft zwei Sprachen perfekt beherrschen. Zudem können sie sich in unterschiedlichen Zusammenhängen oft souveräner bewegen. Die Gestaltung der Einwanderungsgesellschaft wird ein zentrales Thema bleiben. Das sollte an der PR-Branche nicht spurlos vorbeigehen.
 
Interview: Anna von Garmissen
 
Info: Imran Ayata wurde 1969 in Ulm geboren. Seine Eltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Ayata arbeitete 14 Jahre lang für A&B One. Er ist Gründer der Agentur Ballhaus West. Zudem hat Ayata sich einen Namen als Autor gemacht und den Freundeskreis „Free Deniz“ für den Journalisten Deniz Yücel mitgegründet.
 
Tipp: Der aktuellen PR Report (als Print-AusgabeE-Paper und im iKiosk) beschäftigt sich mit der Frage, warum Menschen mit Migrationshintergrund auf den Top-Positionen der deutschen PR-Branche kaum vertreten sind. Braucht es einen Verein für kulturelle Vielfalt in der Kommunikation?
 
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