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Heike Friedewald
18.05.2018   Menschen
"Eine Erkrankung, die jeden treffen kann"
Heike Friedewald, PR-Referentin der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, war in der Veranstaltungsreihe "Wissen schafft Praxis" zu Besuch bei den Leipziger Public Relations Studenten und sprach dort über ihr "Steckenpferd", die Non-Profit PR, und über die "Volkskrankheit" Depression.
Die Leidtragenden von Depressionen sind Menschen jeder Alterskategorie. Wie gelingt es Ihnen mit einem sehr geringen Budget, ein breites Publikum anzusprechen?
Heike Friedewald: Das gelingt zum einen damit, dass es immer wieder Stellen gibt, wo wir unsere Kampagne "pro bono", also kostenfrei, unterbringen können: zum Beispiel bei privaten Radiosendern, die uns unterstützen, indem sie unseren Spot bei nicht verkauften Werbezeiten ausstrahlen. Das gelingt auch mit einem prominenten Schirmherren wie Harald Schmidt, der für unsere Pressearbeit und unsere Institution insgesamt sehr viel Aufmerksamkeit schafft. Letztlich gelingt es damit, dass das Thema Depression etwas ist, das Journalisten aus sehr unterschiedlichen Medien interessiert. Da ist die Frauenzeitschrift genauso dabei wie eine Tageszeitung, die unter der Rubrik Gesundheit darüber berichtet oder die ZDF Nachrichten.
 
Depression ist für viele Menschen ein sensibles Thema. Was gilt es bei der öffentlichen Kommunikation besonders zu beachten? 
Zwei Dinge. Zum einen muss ich sehr darauf achten, dass die Informationen medizinisch korrekt sind. Dafür habe ich Kollegen im Team, die Psychologen oder Psychiater sind. Mit ihnen stimme ich die Texte auf unserer Website oder Pressemitteilungen ab und bespreche Anfragen, die uns erreichen. Zum anderen ist das Thema Suizid etwas, was uns sehr beschäftigt. Depressionen sind die häufigste Suizid-Ursache und das Thema „Werther-Effekt“ ist sehr wichtig für unsere Zusammenarbeit mit den Medien. Das heißt, wir haben gegenüber den Medien auch die Funktion, immer wieder darauf hinzuweisen, dass eine bestimmte Art der Berichterstattung über Suizide Nachahmungstaten hervorrufen kann. Da ist es unsere Aufgabe, Journalisten aufzuklären und sie über wissenschaftlich belegte Regeln der Berichterstattung zu informieren. Wir schulen Journalisten in Workshops zu diesem Thema und erinnern die Redaktionen etwa bei einem Suizid eines Prominenten jedes Mal wieder an diese Regeln. Wenn ich einen Bericht sehe, der für Betroffene gefährlich sein kann und wohlmöglich Menschenleben kostet, greife ich zum Hörer und rufe in der Redaktion an. 
 
Hat sich das Bild über Depressionen in der Gesellschaft in den letzten Jahren denn – auch im Zuge von Aufklärungskampagnen – gewandelt? 
Ja, es gibt tatsächlich Studien dazu, die zeigen, dass das weitverbreitete Stigma der Depression durch die intensive Berichterstattung nach dem Suizid des Nationaltorwarts Robert Enke zurückgegangen ist. Das heißt, dass Menschen Depressionen eher als echte Erkrankung anerkannt haben und der Meinung sind, dass es etwas ist, bei dem man sich professionelle ärztliche Hilfe suchen muss. Dann ereignete sich der Absturz der Germanwings-Maschine, bei dem bekannt wurde, dass der Pilot an Depression erkrankt war. Auch dazu gibt es eine Studie der Uniklinik aus Hamburg-Eppendorf, die aussagt, dass die Vorurteile gegenüber depressiv Erkrankten wieder zugenommen haben. Daran sieht man, wie die mediale Berichterstattung ein Bild, was in der Öffentlichkeit über eine Erkrankung vorherrscht, prägt. Diese Vorurteile sorgen wiederum dafür, dass Menschen nicht über ihre Erkrankung sprechen und sich keine Hilfe suchen.
 
Vor Ihrer Arbeit bei der Stiftung waren sie sechs Jahre im Kommunikations-Controlling tätig. Was interessiert Sie persönlich am Berufsfeld der Non-Profit-PR und speziell an der Stiftung Deutsche Depressionshilfe?
Für mich war die Zeit im Kommunikations-Controlling sehr spannend. Als ich vor über 10 Jahren in den Beruf eingestiegen bin, war das ein ganz neues Feld. Da begann die PR sich erst mit ihrem Wert zu beschäftigen. Ich habe in der Agentur unter anderem für Siemens gearbeitet und das war ein wahnsinnig spannendes Projekt, bei dem wir so ein Controlling vom ersten bis zum letzten Schritt entwickelt haben. Ich möchte die Erfahrung nicht missen – es war spannend, auch die Konzernkommunikation zu erleben. Aus heutiger Sicht ist für mich trotzdem Non-Profit-PR mein Steckenpferd, weil ich jeden Tag weiß, warum ich meien Arbeit mache. Weil ich weiß, dass ich einen gesellschaftlichen Nutzen leiste und vor allem, weil ich mit vielen betroffenen Menschen auf den verschiedenen Kanälen zu tun habe, die unglaublich dankbar sind, dass wir ihre Erkankung zum Thema machen. 
 
Welche Botschaft sollte Ihrer Meinung nach unbedingt Gehör finden?
Depressionen sind eine Erkrankung wie jede andere auch – etwa wie Diabetes oder eine Blinddarmentzündung. Es ist eine Erkrankung, die jeden treffen kann – vom Kindergartenkind bis zum Rentner. Es ist aber auch eine Erkrankung, die gut behandelbar ist und bei der Betroffene sich professionelle Hilfe suchen sollten.
 
Interview: Eleni Amvrosiadou

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