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News / "Das muss jeden PR-Menschen neidisch machen"
Dennis Sulzmann
29.08.2014   News
"Das muss jeden PR-Menschen neidisch machen"
 
Zugegeben: Langsam wird`s anstrengend. Es wird immer noch und immer mehr eisgekübelt. Im Supermarkt droht der Crushed-Ice-Notstand. Allmählich werden sogar die Promis knapp, die den ernsten Spaß mitmachen.

Ja, es kann nerven. Natürlich kann es das. Wie alles, was hypemäßig durch die sozialen Netzwerke gespült wird. Und wer kritisiert, dass sich immer mehr Selbstdarsteller unter die Kübler mischen würden, der hat nicht wirklich verstanden, wie Facebook und Co. funktionieren. Da ist alles Selbstdarstellung, manchmal sogar verbunden mit dem guten Zweck.

Wie wäre es ohne Ice Bucket Challenge? Auf Facebook gäbe es die gewohnten Tier-, Essens- und Selfie-Schnappschüsse. Und in den Medien würde man über seltene Erkrankungen exakt lesen: Nichts. Null. Es würde weiterhin keine Rolle spielen. Kein Aufhänger, keine Relevanz (die paar Betroffenen), schlimmes Thema. Geh weg.

Und jetzt? Lesen wir über ALS, die tückische Nervenkrankheit. Man leidet nicht nur, man leidet mitunter verdammt lang. Und wir lesen darüber, weil es die Ice Bucket Challenge gibt. Und nur deshalb. Das hier geht an alle Kritiker und Basher: Die gut 90 Millionen Dollar, die durch die Ice Bucket Challenge zusätzlich an die ALS Association geflossen sind, sind wichtiger als Eure Nörgelei. Denn mit dem Geld kann man arbeiten.

Und selbst in Deutschland spürt man die positiven Auswirkungen der Eiswasserduscherei. Die Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen (ACHSE), ein Zusammenschluss vieler Vereine, meldet: Journalisten interessieren sich plötzlich für uns. Seit Beginn der Challenge haben die Anfragen um 300 Prozent zugelegt. Sonst ruft unregelmäßig mal der ein oder andere Journalist an. Jetzt ist es im Schnitt einer pro Tag. Die Medien berichten plötzlich über seltene Erkrankungen. Der Aufhänger ist da.

"Es ist großartig, wenn für einen guten Zweck solch ein Hype verursacht wird", heißt es denn auch bei der ACHSE. Das könne deshalb erst einmal gar nicht schlecht sein - trotz aller negativen Nebeneffekte, die es in einer Spaßgesellschaft eben so gibt. Bei der Ice Bucket Challenge steht das Positive im Vordergrund: Geld und Aufmerksamkeit für ein Randthema.

Die Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen will in Workshops herausfinden, warum genau die Ice Bucket Challenge so funktioniert hat. Und was man für künftige Kampagnen übernehmen könnte. Denn auch bei den Spenden für die ACHSE gibt es seit Beginn der Challenge ein Plus und viele spontane Spender. Eine Erfahrung, die auch viele andere Organisationen zur Zeit machen: Ob Aidshilfe, spezifische Krankheiten oder Kleinwüchsige: Alle profitieren von der Ice Bucket Challenge, denn in vielen Videos wird zu Spenden aufgerufen. Es geht in die Breite.

Die Ice Bucket Challenge muss jeden PR-Menschen neidisch machen. Sie sollten sich fragen: Warum ist mir das nicht eingefallen? Diese Aktion, die zu den besten aller Zeiten im sozialen Bereich geworden ist?

Die Ice Bucket Challenge wurde so, wie sie wurde, weil sie alles hat, was sie braucht: Sie nutzt die sozialen Netzwerke, ist massenhaft und einfach reproduzier- und teilbar, sie hat mehr Promis und damit Multiplikatoren eingebunden als jede andere Charity-Aktion vor ihr, sie macht Spaß und bietet Emotionalität, sie nähert sich einem ernsten Thema mit unfassbar viel Leichtigkeit. Ja, sogar Coolness. Alles richtig gemacht.

Sicher: Man kann viel kritisieren an der Ice Bucket Challenge. Man kann aber noch mehr von ihr lernen. Und allen Kritikern sei gesagt: Irgendwann ist jeder Hype vorbei. Dann könnt ihr euch wieder ganz auf eure Tier-, Essens- und Selfie-Schnappschüsse konzentrieren.

Dennis Sulzmann ist freier Journalist und Berater - und bloggt unter heutigentags.de

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