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News / „Es fehlt die empirische Basis“
Rudi Schmidt
26.08.2014   News
„Es fehlt die empirische Basis“
 
Rudi Schmidt ist Konzernbereichseiter Unternehmenskommunikation und Marketing der Asklepios Kliniken mit Sitz in Hamburg.

Herr Schmidt, als Kommunikationschef eines Milliarden schweren Klinikbetreibers dürften Sie sich häufiger mit potenziellen Krisenfällen auseinandersetzen. Welche Software setzen Sie für Ihre Trainings ein?
Wir üben immer wieder, beispielsweise Bus- oder Bahnunfälle, Bombenanschläge oder Geiselnahmen im Maßregelvollzug. Auf Software verzichten wir, weil ich nichts gefunden habe, was vom Umfang her passt.

Was meinen Sie mit „Umfang“?
Nehmen Sie Computerspiele: viele sind letzten Endes nichts anderes als Krisensimulationen, wie etwa ein Flugsimulator bei Lufthansa. Wenn man sich das vor Augen hält und vergleicht, welche Möglichkeiten die Tools für Krisenkommunikation bieten, dann reicht mir das als praktischem Anwender einfach nicht aus.

Was erwarten Sie denn?
Oft heißt es, ein Standardszenario in der Krise sei: „Stellen Sie Öffentlichkeit her!“, dann erwarte ich von einer Simulation, dass sie abfragt: „Sie haben sich dafür entschieden, Öffentlichkeit herzustellen: Geben Sie eine Pressemitteilung heraus, veranstalten Sie eine Pressekonferenz oder führen Sie ein 1:1-Gespräch mit einem Agenturjournalisten?“ Nachdem ich darüber nichts in der Forschungsliteratur gefunden habe, befürchte ich, dass die Simulationsprodukte das überhaupt nicht auf dem Schirm haben und keine möglichen Konsequenzen durchspielen.

Und woran könnte das liegen?
Simulation und Prävention setzen die gesicherte Kenntnis über Kausalzusammenhänge voraus. Dafür fehlt die empirische Grundlage. Zumindest kenne ich keine Forschung, die den Namen wirklich verdient und das quantitativ aufbereitet.

Aber es gibt doch eine ganze Menge Literatur zum Thema Krisenkommunikation.
Ich kenne Literatur, in der sich ein Autorenkollektiv über ein, vielleicht zwei Dutzend Krisen amüsiert, in denen Kollegen Fehler begingen. Die Leute knöpfen einem bis zu 120 britische Pfund ab für einen Schinken, dessen empirische Basis völlig verzerrt ist, weil meistens nur die Fälle drin sind, die in die Hose gingen. Wie viele Fälle, die gut endeten und nie in der Zeitung standen, fehlen?

Wie kommen Sie mit dem Informationsdefizit klar?
Die Militärpsychologie als angewandte Spezialform der Entscheidungspsychologie forscht an ähnlichen Szenarien: Du bist bedroht, in Zeitnot, die Situation ist komplex, Du hast nicht alle Informationen und so weiter. Hier hilft die Empfehlung, Handlungsmuster zu suchen. Versuche ähnliche Fälle zu recherchieren. Wo weicht Deine Situation davon ab? Try to make an educated guess!

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