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News / „Wir gelten als konservativ, old-fashioned“
Petra Sammer von Ketchum Pleon war 2014 Jurymitglied bei den PR Lions./Foto: Sammer
24.06.2014   News
„Wir gelten als konservativ, old-fashioned“
 
Cannes PR Lions
Die Ausbeute ist denkbar mager. Gingen beim Kreativfestival in Cannes im vergangenen Jahr noch zwölf PR-Löwen nach Deutschland, ist es in diesem Jahr nur einer. Petra Sammer, Chief Creative Officer bei Ketchum Pleon und Jurymitglied bei den PR Lions, über die Performance der deutschen Agenturen

Frau Sammer, wie beurteilen Sie das schwache Abschneiden in Cannes?
Ich kann keine Vergleiche zum Vorjahr ziehen, jede Jury setzt sich ja unterschiedlich zusammen. Aber ich bin etwas ernüchtert. Wir hatten bei den PR Lions schlicht zu wenig Einreichungen. Die deutschen PR-ler verzichten in Cannes auf Präsenz. Und selbst bei den Einreichungen, die wir in der Jury in der Diskussion hatten, habe ich festgestellt: Sie sind typisch deutsch, zu deutsch.

Und mit deutschen Tugenden lässt sich in Cannes nicht punkten?
Die deutschen Beiträge bei den PR Lions waren entweder fehl am Platz und gewinnen hoffentlich in anderen Kategorien, oder aber es fehltdas Herz. Freilich sind sie professionell und inhaltlich sauber aufbereitet. Ich glaube aber, deutsche PR-Agenturen vergessen, dass sie vor einer internationalen Jury präsentieren. Südländer wollen Emotionen sehen.

Welchen Eindruck hinterlässt die deutsche PR-Branche in dieser Jury?
Ich denke, wir gelten als vergleichsweise konservativ, als old-fashioned – ein Label, das mir überhaupt nicht gefällt. Die Kollegen monieren eine zu starke Binnensicht der Deutschen, heißt: Wir konzentrieren uns zu sehr auf unseren eigenen Markt, der mit Sicherheit speziell ist. Aber auf der anderen Seite sehe ich es als unsere Aufgabe an, die deutsche Wirtschaft kommunikativ in die Welt zu begleiten. Als Agentur muss ich wissen, nach welchen Regeln Kommunikation in den USA oder Asien funktioniert. Das lässt sich nirgends besser aufsaugen als in Cannes, deutsche PR-Agenturen sollten kommen.Die Netzwerke sind zunehmend vertreten, aber Deutschland ist geprägt von mittelständischen Agenturen, deren Inhaber sich die Reise sparen.

Wie erklären Sie denen die Relevanz von Cannes für ihr Geschäft?
Cannes ist teuer, und jede Agentur hat das Recht, sich in ihrem eigenen Tempo zu entwickeln. Aber auch deren Kommunikation wird internationaler. Ich sehe Cannes als eine Messe, als Maßstab, der uns anzeigt, in welche Richtung sich die ganze Branche entwickelt. Dem kann man sich absehbar nicht entziehen. Die Inseln, auf denen Agenturen noch mit Pressemitteilungs-PR überleben können, versinken.

Was fordern die von ihren Agenturen, wenn sie nach Hause zurückkommen?
Die Trends zur visuellen und technischen Revolution und zur integrierten Arbeit lassen sich nicht übersehen, schon in den vergangenen Jahren nicht. Sie fordern vor allem mehr Mut, der sie dann wahrscheinlich schnell wieder verlässt. Das ist Schade. Doch trotzdem sollten mehr Unternehmen hierher kommen und sich inspirieren lassen. Wer auf der Suche nach frischen Ideen in der Kommunikation ist – hier kann man sie sehen.

Das ist der Grund für die vielen NGO- und Charity-Kampagnen, die wir in Cannes sehen.
Absolut, da können wir zeigen, was geht – und wirkt. Bemerkenswert ist doch: Der PR-Grandprix für „Scarecrow“ ist kein Pro-bono-Case, ebenso wie viele der Beiträge, die wir mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet haben. „Scarecrow“ hat vor allem mit sehr vielschichtiger Kommunikation geglänzt, von Content Marketing, Gamification, Einbindung von Journalisten und Meinungsbildnern, bis hin zum POS, um den Abverkauf anzukurbeln. Aber vor allem: Die Kampagne hat – nicht nur in den USA – eine Debatte über nachhaltige Ernährung angestiftet. Das will eine PR-Jury sehen.

Die Kampagne stammt von Edelman, die große Mehrheit der Gewinner waren erneut Werbeagenturen. Oft haben diese auch den Lead in Kampagnen, in denen eine PR-Agentur ausgezeichnet wird.
Die Arbeiten, die in Cannes gewinnen, kommen aus der Marketingecke oder themenbezogener Öffentlichkeitsarbeit. Klassische Corporate halte ich für zu komplex für Cannes, CEO-Positionierung und Krise werden Sie hier kaum entdecken – also Felder, auf denen PR naturgemäß den Lead hat. Fürs Marketing ist PR oft ein Sidekick, da dürfen wir uns nichts vormachen. Allerdings findet genau hier aktuell die Veränderung statt: Man sieht, wie klassische Kanäle an Kraft verlieren. Man sieht, wie Kampagnen, die Konsumenten,die einem Publikum ein relevantes Thema anbieten und es schaffen, eineauthentische Konversation anzuregen, auchAbverkauf treiben können. Und da sehe ich uns weit vorn.

Für PR Report berichtete Petra Sammer während des Festivals aus Cannes live aus den PR-Jurysitzungen. Ihre Kolumne finden Sie hier: http://goo.gl/qGdtA0

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