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Petra Sammer
16.06.2014   News
"All die Bescheidenheit, liebe Landsleute, in Ehren, aber..."
 
Nach über zwanzig Jahren in einer internationalen Agentur hatte ich eigentlich geglaubt, internationale Arbeit zu kennen. Wie arrogant von mir. Denn in der Jury der Cannes Lions, nach fünf Tagen Marathon-Sitzung, bekam ich mehr internationale Arbeit zu sehen als in meiner ganzen bisherigen Karriere. Schon am ersten Tag sichtete die Jury Kampagnen aus über 27 Ländern. Großartige Arbeiten aus Chile, Rumänien, Kanada, Dänemark, Ecuador, Indien – um nur einige zu nennen. Daher heute eine kleine Reise um die Welt, denn wenn die Löwen vergeben sind, schauen alle nur noch auf die Gewinner und ihr eigenes Land und der globale Blick geht verloren.

Also Weltkarte raus: Die USA und UK sind traditionellerweise sehr stark bei den Cannes Lions vertreten. Auch in der PR-Kategorie. Man sollte nicht vergessen, dass die großen Agenturnetzwerke hier ihre Headquarters sitzen haben – das allein ist schon Grund für viele Einreichungen aus diesen Ländern. Mit Blick nach Norden auf dem amerikanischen Kontinent muss ich sagen, dass mich Kanada etwas enttäuscht. Von dort hatte ich mehr Einreichungen erwartet. Massiv ist hingegen die Teilnahme aus Lateinamerika, allen voran Brasilien, aber auch Argentinien ist mit sehr vielen Arbeiten in den Wettbewerb gestartet. Viel Kreativität kommt aber auch aus Kolumbien, Paraguay, Ecador und auch Arbeiten aus Puerto Rico lassen aufhorchen. Brasilien ist seit Jahren ein großer Teilnehmer in Cannes, aber auch die anderen BRIC-Staaten, China, Indien, Russland, sind gut vertreten. Besonders aus Indien und Russland kommen kreative, witzige und auch mutige Programme. Auch wenn der Motor in diesen Ländern langsam ins Stocken geraten ist – im letzten Jahr wurden noch sehr interessante Kampagnen gefahren.

Wandern wir weiter nach Europa. Da liegt UK mit der Anzahl seiner Einreichungen weit vorne, dann kommt lange nichts. Die Agenturdichte in London dürfte das erklären. Und natürlich auch, dass man sich als "Native" Speaker mit einer Einreichung in Englisch leichter tut. Ansonsten ist die "alte" Welt, mit den großen Märkten Frankreich, Spanien, Italien und auch Deutschland, ok, aber nicht üppig. Dies liegt sicher zum einen an der Rezession in diesen Ländern – mit Ausnahme Deutschlands, da kann die Wirtschaftslage nun wirklich nicht als Ausrede herhalten.

Wir Deutschen stehen Wettbewerben wie den Cannes Lions grundsätzlich kritisch gegenüber – das ist meine ganz persönliche Meinung und Beobachtung, denn schließlich ist das hier eine Kolumne. Wir wollen nicht durch einen schicken Award überzeugen, sondern Fleiß, solide Arbeit und Leistung sollen für sich selbst sprechen. Warum dann auch noch sich selbst in den Himmel loben, wenn die gute Arbeit doch für sich selbst sprechen sollte. All die Bescheidenheit, liebe Landsleute, in Ehren, aber auf dem internationalen Parkett kommen wir mir dieser Haltung leider nicht sehr weit. Mehr Einreichungen müssen nächstes Jahr also unbedingt her, denn Deutschland ist hier absolut unterrepräsentiert.

Hinzu kommt, dass wir uns mit der Einreichung selbst schwer tun – nicht wegen der Sprache, da sind wir professionell genug –  aber genau diese Professionalität und Sachlichkeit, besser gesagt, Nüchternheit, die kommt bei einer internationalen Jury – die auch zur Hälfte aus emotionalen Südländern besteht – nicht so gut an. Aber zu diesem Thema in einer der nächsten Kolumnen mehr, denn ein paar Tipps für 2015 werde ich noch geben.

Aber noch weiter in der Reise. Wo waren wir? Ach ja Europa. Von den kleineren Märkten ist leider nicht viel zu sehen, ein bisschen was aus Österreich, der Schweiz, Polen, Türkei und noch das ein oder andere Land. Aber zwei Länder stechen für mich heraus: Rumänien und Belgien. Beide bestechen durch kreative und mutige Kampagnen – mehrfach. Bravo. Überrascht hat mich schließlich, dass aus dem nordischen Raum so wenige in der Shortlist übrig geblieben waren. Die Einreichungen aus Schweden, Norwegen oder Dänemark waren weniger als erwartet und konnten auch nicht so überzeugen. Das sieht man der Shortlist letztendlich auch an.

Weiter geht es in Richtung Osten: Spannend, dass einige sehr kreative Arbeiten aus dem arabischen Raum und MiddleEast dabei sind – oft kleine Kampagnen, aber damit umso kreativer und effektiver. Indien ist gut vertreten, China könnte mehr einreichen für seine Größe und überhaupt ist Asien eigentlich schwach vertreten. Japan besticht durch Effizienz. Deren Motto ist wohl "weniger ist mehr", denn fast alle Arbeiten, die in Cannes vorgelegt wurden, sind sagenhaft gut.

Und schließlich down under. Was soll ich sagen ... keine Ahnung, was die da unten in Australien und Neuseeland machen, aber die Kreativität der "jungen" Welt ist überschäumend und so kommen sehr viele – und gute – Arbeiten von unten. Wenn man sonst schon nichts hört von diesem Kontinent, bei den Cannes Lions lassen sie von sich hören.

Letzendlich trifft die Internationalität der Arbeiten auf die Internationalität der Jury, die, wie so oft bei internationalen Meetings, alle Klischees erfüllt: Die Neuseeländerin läuft unbeschwert in FlipFlops rum, die Italienierin telefoniert ständig, der Norweger ist still oder brummt in seinen Bart, die Schwedin ist zart und scheu, der Kolumbianer erzählt dauernd wunderbar aufbrausende Geschichten, der Brasilianer ist immer gut drauf, die Amerikanerinnen wollen vor allem effizient arbeiten und pushen, die Engländerinnen glauben Europa zu kennen, der Japaner schweigt und wenn er spricht stimmt es, der Franzose will wissen, was die große Linie ist, die Belgierin kommentiert alles, die Israeli erklärt Trends aus ihrem Land, die es angeblich nur dort gibt, der Argentinier weiß genau was er will, der Spanier verteidigt stolz seine Meinung, die Portugiesin ist smart aber ruhig, die Australierin ist eigentlich Engländerin, die Polin ist clever und witzig, die Inderin menschenfreundlich und die Deutsche? 

Die wird dauernd gebeten, doch bitte den Prozess hier zu optimieren, damit man endlich, endlich zum Champagner an den Strand wechseln kann.

Petra Sammer ist Chief Creative Officer bei Ketchum Pleon in München und in diesem Jahr Jurymitglied bei den PR Lions in Cannes. Hier berichtet sie in loser Reihe, was sie dort in den Awards-Hinterzimmern erlebt.

 

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