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23.04.2014   News
Der Paritätische Wohlfahrtsverband Hamburg: Entdecker statt Erzieher
 
Projekt: Mehr Männer in Kitas
Aufgabe: Unter anderem: Den Männer-Anteil in Kitas und in Ausbildungen an Fachschulen erhöhen sowie Image und Akzeptanz des Erzieherberufs in der Gesellschaft verbessern
Organisationen: Der Paritätische Wohlfahrtsverband Hamburg e.V. und Hamburger Netzwerk „Mehr Männer in Kitas“

„Mehr Männer in Kitas“ – der Name des bundesweiten Modellprogramms, das vom Bundesfamilienministerium, dem Europäischen Sozialfonds (ESF) und der EU von 2011 bis 2013 gefördert wurde, gibt das Ziel deutlich vor. Es geht um Quantität und Quote, aber nicht nur.

Im Einzelnen sollten folgende Ziele erreicht werden:
Die Basis legen, dass der Männer-Anteil in Kitas perspektivisch von 3% auf das von der EU empfohlene Niveau von 20% steigt. Den Quereinstieg erleichtern. Den Anteil männlicher Ausbildungsanfänger an den Fachschulen steigern. Image und Akzeptanz des Erzieherberufs in der Gesellschaft verbessern. Das Berufswahlspektrum von Jungen erweitern. Kitas sowie Kita-Träger für Gender-Themen sensibilisieren.
In Hamburg war das Modellprojekt beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Hamburg angesiedelt. Das Fundament der Arbeit bildete sein Hamburger Netzwerk „Mehr Männer in Kitas“ aus allen Kita-Trägern und -Anbietern der Hansestadt sowie allen Akteuren, die für Ausbildung und Berufsorientierung relevant sind.


Aufgabenstellung
Schon vor Projektbeginn stand fest: Die Netzwerkarbeit kann nur nachhaltig gelingen, wenn sie auf einer konsequenten Kommunikationsstrategie fußt. Die sollte nicht nur potenzielle Nachwuchskräfte berücksichtigen, sondern auch Akzeptanz in der Kita-Szene erreichen, insbesondere bei den Erzieherinnen.
Zunächst wurden dafür die zentralen Hürden herausgestellt, die Männer davon abhalten, den Erzieherberuf zu ergreifen. Dabei wurde eine große Orientierungslosigkeit deutlich. Oft sind junge Männer ratlos, was sie mit ihrer Zukunft anfangen wollen und treffen berufliche Entscheidungen eher zufällig und pragmatisch.

Darüber hinaus zeigte sich in den Berichten der Erzieher, dass sie häufig erst auf dem zweiten Bildungsweg in den Beruf gefunden haben. Obwohl der Erzieherberuf aufgrund von Praktikumserfahrungen schon frühzeitig in Frage kam, entschieden sie sich erst für „männlich“ konnotierte Ausbildungen. Der Erzieherberuf wird, ohne es groß in Frage zu stellen, mit dem weiblichen Geschlecht verknüpft und taucht im Spektrum der Zukunftsoptionen bei jungen Männern nicht auf.

Hinzu kommt, dass der Erzieherberuf in der Öffentlichkeit nicht die Wertschätzung erfährt, die ihm, gemessen an der Verantwortung, zustehen müsste. Die Bedeutung der frühkindlichen Bildung rückt erst langsam auf die öffentliche Agenda. Dass Männer zu diesen Bildungsprozessen dazu gehören und sich die Vielfalt der Gesellschaft schon in Kitas widerspiegeln sollte, steht im Hintergrund.


Umsetzung
In Gruppendiskussionen filterte das Hamburger Modellprojekt heraus, mit welchen Argumenten Männer für den Beruf begeistert werden können. Die Parallelen bei Männern „Spaß, Abwechslung, Anerkennung und Freiräume in der Alltagsgestaltung“ bildeten die Basis für die weiteren Überlegungen.
Das sechsköpfige Projektteam entwickelte ohne externe Unterstützung ein übergreifendes Kampagnendach. Das Ergebnis: „Vielfalt, Mann! Dein Talent für Hamburger Kitas“. Damit sollte deutlich werden, was der Erzieherberuf zu bieten hat: vielfältige Talente, vielfältige Aufgaben, kein Tag ist wie der andere. Andererseits fungiert der Slogan als Aufforderung, dass auch Männer in all ihrer Vielfalt in der frühkindlichen Pädagogik erwünscht sind – und gebraucht werden.

In der Bestandsaufnahme kristallisierte sich zudem heraus, dass Kontakte und Vorbilder aus der Praxis bei Männern viel Interesse auslösen. Früh fiel daher die Entscheidung „echte“ Erzieher in den Fokus der Kampagne zu rücken, zumal niemand authentischer über seinen Beruf erzählen könnte als Erzieher selbst.
Zum Kampagnenauftakt waren drei ausgebildete und ein angehender Erzieher auf den zentralen Motiven zu sehen. Gemeinsam mit einem freien Grafiker sowie einem freien Texter gestaltete das Projektteam die vier Kampagnenmotive.

Die Männer vor auffälligem grünen oder blauen Hintergrund tragen T-Shirts. Darauf sind assoziationsreiche Berufe zu lesen, mit denen Bilder, individuelle Talente und Aufgaben in Verbindung gebracht werden, die auch im Alltag von Kitas eine Rolle spielen. Gleichzeitig versinnbildlichen abstraktere Beschreibungen wie Mutmacher oder Vermittler die emotionale Ebene und den Verantwortungsbereich der pädagogischen Fachkräfte. Mit „Sei alles, werde Erzieher!“ wird um männliche Verstärkung in der frühkindlichen Bildung geworben.

Die Kampagne ging im einheitlichen Design mit breit angelegten Kommunikationsmaßnahmen an die Öffentlichkeit, für größtmögliche Sichtbarkeit und einen hohen Wiedererkennungswert.

Die große Außenwerbekampagne startete im November 2011 zeitgleich mit der multimedialen Website www.vielfalt-mann.de, die auf den Plakaten prominent beworben wurde. Dort wurden erstmalig alle Infos rund um den Erzieherberuf zentral zusammengefasst. Interessenten finden weiterführende Informationen, Ansprechpartner für Beratung sowie Bilder und Videos aus dem Kita-Alltag. In den inhouse produzierten Videos berichten beispielsweise die Erzieher der Kampagne über ihre Arbeit. Über ein Online-Formular können Interessierte zudem individuelle Fragen stellen und anschließend telefonisch beraten werden.

Schnelle und zuverlässige Pressearbeit ergänzte die Werbemaßnahmen. Darüber hinaus wurde in der Stadt umfangreiches Informationsmaterial für unterschiedliche Zielgruppen verbreitet. Durch Kooperationen war es möglich, fast über den gesamten Förderzeitraum Außenwerbung zu schalten und nur punktuell auszusetzen. Dabei wurden die Werbeträger stetig variiert, um Sichtbarkeit in immer neuen Zielgruppen zu erreichen. Im weiteren Verlauf des Projekts ergänzte ein reichweitenstarker „Vielfalt, Mann!“-Kinospot das Maßnahmenrepertoire.

Alle Maßnahmen hatten zum Ziel, die verzweigten Wege in den Beruf zu verkürzen und zu vernetzen. Daher war das Projekt auch auf Berufsmessen vertreten. Um die flüchtigen Kontakte längerfristig zu binden, konzipierte das Team für solche Veranstaltungen Aktionen, die auf der Fanpage facebook.com/Vielfalt.Mann fortgesetzt wurden. Fans konnten so Teil der Kampagne werden.

So suchte das Team 2013 auf der Hamburger Messe „Einstieg“ das reale Vorbild für einen Protagonisten in einem „Vielfalt, Mann!“-Kinderbuch. Die jungen Männer konnten sich vor einem witzigen Aufsteller fotografieren lassen und dann ihre Freunde auf Facebook zum Liken motivieren. Das Buch „Potzbadibautz, Mann! Bruchlandung in Ollis Kita“ erschien im Monika Fuchs Verlag.


Ergebnis
„Vielfalt, Mann!“ hat als regionales Projekt bundesweites Medieninteresse ausgelöst. Durch die Außenwerbung und Pressearbeit erlangte die Website vielfalt-mann.de in kürzester Zeit eine hohe Reichweite. Bei einer Google-Suche nach „Kita“ und „Mann“ taucht die Seite unter mehr als 3,6 Millionen Ergebnissen an der Spitze auf. Weit mehr als 42.000 Personen haben Videos auf dem Youtube-Kanal aufgerufen. Mehr als 600 Männer, die Online Kontakt aufnahmen, haben sich bis Ende 2013 individuell beraten lassen.

Die Projekt-Arbeit gibt Männern den Mut, den Beruf zu ergreifen. Die Zahl der männlichen Pädagogen in Hamburger Kitas ist seit 2010 um 20% gestiegen. 84% mehr Männer als zu Projektbeginn haben in Hamburg die Erzieherausbildung begonnen. Insgesamt haben seit 2010/11 51% mehr Schüler(innen) die Ausbildung ergriffen – die Kampagne sprach auch vielen Frauen aus dem Herzen.

„Vielfalt, Mann! Dein Talent für Hamburger Kitas“ wurde mit dem internationalen Deutschen PR-Preis in der Kategorie Non-Profit-Organisationen ausgezeichnet.

Die Autorin
Cornelia Heider-Winter ist Pressesprecherin des Hamburger Netzwerks „Mehr Männer in Kitas“ beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Hamburg.

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