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27.02.2014   News
Die Reputations-Panne als Titelthema
 
Es ist die Gretchenfrage. Völlig zu Recht wurde sie aufgeworfen. Und fast ein wenig tragisch, dass sie sich schon längst von selbst - allerdings anders als gedruckt - beantwortet hatte, nachdem die Tinte noch gar nicht so recht getrocknet war. "Sind Sie für diesen Weg der richtige Mann an der Spitze?" stellte die Redaktion der "ADAC Motorwelt" im Krisen-Interview an den eigenen, damals noch amtierenden Vereinspräsidenten Peter Meyer die richtige, aber im Gesamtzusammenhang einer eigenen Mitgliederzeitschrift doch überraschend offene Frage. "Ich traue mir diese schwierige Aufgabe zu", ließ sich Meyer in dem zweiseitigen Gespräch zitieren, in dem er zu den Skandalen um die Zahlenmanipulation beim Auto-Preis "Gelber Engel" Stellung nahm. Eine Vertrauenserschütterung, die den mitgliederstarken Verein in seiner Gesamtheit zu erschüttern drohte und weiter erschüttert. Also war rasches Handeln angesagt - nach einer beispiellosen Kommunikationspleite in der heißen Anfangsphase des PR-GAUs, als in der "Süddeutschen Zeitung" die ersten massiven Vorwürfe laut wurden.

Magazin im Briefkasten, Präsident weg

Peter Meyer nutzte die hauseigene Zeitschrift als Plattform, sich zu erklären und sich auf die Seite der "Reformer" zu stellen. Das Großprojekt, das er noch mit anschieben wollte, hieß "Die Krise als Chance". Die "Motorwelt" räumte dafür die sonst so heiß umkämpfte Titelseite komplett frei und versuchte mit dem vertrauten Vereins-Gelb wieder Vertrauen zurückzugewinnen. Präsident Meyer lief die Zeit davon. Sein Interview endete mit der durchaus weitsichtigen Replik: "Aber vollkommen unabhängig davon, welche Person an der Spitze des ADAC steht - dieser Weg ist unabdingbar." Anfang der zweiten Februar-Woche trat Peter Meyer zurück. Nicht unwahrscheinlich, dass dies nicht die letzte Top-Personalie des aus eigenem Verschulden schwer angeschlagenen Vereins ist.

Und doch - wenn man die Zeit noch einmal um ein paar Tage, viel Aufregung und das Dauerfeuer ADAC-kritischer Schlagzeilen zurückdreht: Mit der Entscheidung, in der "ADAC Motorwelt" klar Farbe zu bekennen und die tiefste Vertrauenskrise seit Bestehen nicht schönzureden oder gar zu verschweigen, hat die Redaktion der Mitgliederzeitschrift, in deren Impressum Chefkommunikator Michael Ramstetter längst gestrichen wurde, die einzig richtige Entscheidung getroffen. Tatsächlich gab die nun von der "kommissarisch" tätigen Chefredaktion aus Elisabeth Schneider und Wolfgang Mache geführte Mannschaft neben Titel, Editorial, dem doppelseitigen Meyer-Interview auch noch fast die kompletten Leserbrief-Seiten sowie eine siebenseitige Titelthema-Strecke für das wichtigste aller ADAC-Themen frei. Und das in einem Magazin, das zumindest bislang optimal mit Anzeigen gebucht war und daher um jeden Quadratzentimeter Redaktionsfläche kämpfte.

Wer hat den Skandal aufgedeckt?

Fast schon tragisch mutet die Hauptzeile des Gemeinschaftseditorials an, bei der die gesamte, einst offenbar ziemlich drakonisch von Michael Ramstetter geführte Redaktion zum Gruppenfoto zusammengekommen war: "Im Zeichen der Erneuerung" wollte sich die Februar-Ausgabe des Magazins präsentieren. Und das war offenbar ohnehin geplant - wenn auch ganz anders. Dass die Notwendigkeit, alles neu, frisch, sympathisch und aufgeräumter darzustellen, viel viel weiter gehen würde als der "Motorwelt"-Relaunch, den man eigentlich vorstellen wollte, konnte niemand ahnen. Obwohl: Einer oder mehrere der "Whistleblower" könnten sich auch auf dem Redaktionsfoto verstecken. Sei's drum: Ab sofort erscheint die "Motorwelt" mit einem neuen Farbleitsystem und vier neuen Hauptrubriken - in einer Form von Service-Orientierung und Aufgeräumtheit, die auch in "normalen" Zeiten erfreulich und notwendig gewesen wäre.

Im Krisen-Teil setzte die Redaktion auf den Mut, so viele der bei Drucklegung bereits bekannt gewordenen ADAC-Pannen (Skepsis an diversen Tests und Rankings, Hubschrauber- und Rettungsjet-Flüge der Manager, dubiose Immobiliendeals) selbst zu thematisieren. Man kann nur erahnen, dass der Abstimmungsprozess für das Meyer-Interview ein nervenaufreibender, auch juristisch heikler war - und dass sich der viel gescholtene Präsident möglicherweise ein letztes Mal und damit viel zu spät ernsthaft mit der Kommunikations- und PR-Arbeit seines eigenen Teams auseinandersetzte.

Die Sicht der Betroffenen

Pluspunkt des Schwerpunkt-Themas ist es, kommunikativ in schlimmster Not noch einmal die Kernwerte des Vereins zu vergegenwärtigen: Deswegen war es eine gute Idee, die Sicht auf die ADAC-Krise aus der Perspektive der unmittelbar Betroffenen - der Hilfe suchenden Autofahrer und der rührigen Pannenhelfer - aufzugreifen. Im Stil einer Reportage schildert die Strecke, mit welchem Misstrauen, aber auch weiterhin wie viel Wohlwollen sich die wahren "Gelben Engel" auf der Straße konfrontiert sehen. Anerkennenswerte Vorwärtsverteidigung auch das: In einem Interview-Kasten nimmt Reinhard Kolke, Leiter des ADAC-Technik-Zentrums, zu dem Verdacht Stellung, dass möglicherweise auch andere Vereinsuntersuchungen nicht "sauber" sein könnten.

PR-technisch ist der "Motorwelt"-Rettungsversuch eine saubere Sache. Dennoch kann das Februar-Titelthema nur ein erster Schritt sein auf dem mühsamen, langen Weg, verlorenes Vertrauen wieder zurückzugewinnen.

Rupert Sommer

Magazin & Werkstatt