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10.02.2014   News
Love ju Göhte - auf den Spuren der Lehrer von Morgen
 
Mit 62 Jahren ist Wilhelm Renner eigentlich viel zu jung, um ernsthaft zu fürchten, dass er noch einmal ganz allein auf sich gestellt in eine "Panzerschlacht" verwickelt wird. Und wie ein Tagträumer wirkt der graumelierte Mann, der etwas so Geerdetes wie Mathematik und Physik studiert hat, auch nicht. Und trotzdem treiben den mittlerweile pensionierten Schuldirektor am Aventinus-Gymnasium in Burghausen nicht ganz alltägliche Strategiespiele um, die sich aus seiner langjährigen Berufserfahrung, aber auch aus eigenen wilden Schülerstreichen speisen. So erklärt sich auch die "Panzerschlacht", wie er im Interview mit "Carta"-Autor Kilian Kirchgeßner ausführt: "Das haben wir damals in unserem Englischunterricht gemacht, als wir selbst noch in der Schule waren", so Renner. "Die Schüler in der Tür- und die Fensterreihe sind aufgestanden, damit der Lehrer nicht seitlich ausweichen kann, und dann ist die mittlere Reihe vorgerückt und hat ihn an die Tafel geschoben." Jahrelang habe er gefürchtet, dass sich so eine beklemmende Machtprobe einmal in einer seiner eigenen Unterrichtstunden wiederholen würde, was zum Glück nie eintrat.

Zielgruppe

Dass er im Corporate-Publishing-Magazin "Carta" so etwas kurioses erzählen und damit auch eigene Ängste eingestehen darf, ist ein Pluspunkt, der für den sympathisch unaufgeregten Ton der 52-Seiten-Publikation spricht. Das Heft wird vom Stifterverband herausgegeben und richtet sich an die wissenschafts- und bildungsinteressierte Öffentlichkeit, an Politiker und Wirtschaftslenker sowie an Akteure im Hochschulsystem. Tatsächlich wird das etwas bizarre Szenario von der "Panzerschlacht" schnell wieder relativiert: Im Doppelinterview mit Renner erzählt die Münchner Junglehrerin Lisa Fuchs, die eben erst ihre Laufbahn begonnen hat, von vielen aktuellen Unterrichtssituationen, die sie fordern, aber eben nicht in die Knie zwingen.

"Carta" nimmt die Themen der Lehrer und Wissensvermittler ernst. Und an Schulen geschehen wirklich Dinge, die es zu adressieren gilt - satirisch stark überspitzt im erfolgreichsten deutschen Film des Jahres 2013, "Fack ju Göhte", zu erleben. So sieht man eine attraktive, selbstbewusste Lehrerin auf dem Titel. Den Eindruck, das es sich bei ihrer gelungenen Hingucker-Pose auch um einen Entwurf für ein Filmplakat handeln könnte, unterstreicht die kesse "Carta"-Hauptüberschrift: "Diese Frau hat den härtesten Job der Welt."

Redaktion und Gestaltung

Im Heft wird thematisch breit gestreut und abwechslungsreich von den Herausforderungen, den anspruchsvollen Traumberuf zeitgemäß wertzuschätzen und ihn mit Leben zu füllen, erzählt. Dem Redaktionsteam rund um Chefredakteur Michael Sonnabend, der "Carta" zusammen mit Kirchgeßner führt, ist dies in der Umsetzung so ansprechend, locker, didaktisch anschaulich gelungen, wie man sich auch eine gute Unterrichtsstunde wünscht.

Einen großen Anteil daran hat die luftige Gestaltung (Art Direktion: Annett Osterwold), die mit großen Fotos arbeiten darf, aber auch einen längeren, selbstironischen Doppelseiten-Comic (über Lehrer-Klischees) sowie stimmige Illustrationen und Grafiken einsetzt. Mit Headline-Schriften im Schultafel-Schraffurstil und liniertem oder kariertem Grundraster meldet sich immer wieder augenzwinkernd das Hauptthema optisch zu Wort. Dabei traut sich "Carta", nicht nur auf den üblichen, souverän eingesetzten Mix der journalistischen Großformen Reportage, Interview oder Essay zu setzen, sondern lässt in einer opulenten Fünf-Seiten-Strecke auch einfach mal nur starke Bilder sprechen: Der britische Fotograf Julian Germain hat weltweit "Klassenfotos" eingefangen. Natürlich kommen auch Verbandsangelegenheiten zu Wort, dennoch ist es auch für "ganz normale Leser" keine Strafe, das Heft durchzublätten und sich an verschiedenen Stellen festzulesen.

Unterm Strich: Man merkt beim "Carta Magazin", das einmal pro Jahr mit einer monothematischen Ausgabe in einer Druckauflage von 600.000 Exemplaren erscheint, dass Profis mit Liebe und Fingerspitzengefühl am Werk waren: Verantwortlich zeichnete Tempus Corporate, die CP-Tochter des Zeit-Verlags. "Wir freuen uns sehr, dass wir die Zusammenarbeit mit dem Stifterverband fortführen", sagte Manuel J. Hartung, Geschäftsführer von Tempus Corporate, zur zweiten Beauftragung. "Das 52-seitige Magazin ,Carta 2020' kann die Debatte um eine bessere Bildung in Deutschland vorantreiben. Tempus Corporate stärkt die Kernfelder Relevanz, Debattenkultur und höchste journalistische Qualität einmal mehr." Dass das Magazin zudem über die Wochenzeitung "Die Zeit" vertrieben wird, deren Gesamtauflage es am 16. Januar beilag, schadete der Reputation natürlich auch nicht.

Carta 2020 – Das Magazin zur Bildungsinitiative des Stifterverbandes. 52 Seiten. Herausgeber: Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Verlag: Tempus Corporate GmbH, Hamburg

Rupert Sommer
 

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