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News / Kalkulierte Offenheit
25.11.2013   News
Kalkulierte Offenheit
 
Dr. Oetkers Firmengeschichte Die Aufarbeitung von dunklen Kapiteln der Firmengeschichte hat Konjunktur. Die Quandts und Oetkers der Republik beauftragen renommierte Historiker und bekennen sich zu Verfehlungen in der NS-Zeit. Einen grundlegenden Wandel im Kommunikationsverhalten freilich bedeutet das nicht unbedingt. Von Martin Bell

Eine alteingesessene Wirtschaftsdynastie, schwerreich, wortkarg, öffentlichkeitsscheu. Über die Rolle des Konzerns zu Zeiten des Nationalsozialismus ist wenig bekannt. Gerüchte kursieren. Hat die Familie, das Unternehmen profitiert von Judenverfolgung und Zwangsarbeit? Wie tief waren die damaligen Firmenlenker verstrickt ins Geschehen? Ein renommierter Historiker, von der Familie beauftragt, soll Licht ins Dunkel bringen.

Nein, die Rede ist nicht von den Quandts oder Oetkers. Es geht um die holländische Großfamilie Brenninkmeijer, deren Ahnen Clemens und August den Grundstein legten für die Modekette C&A. 2011, 100 Jahre nach Eröffnung der ersten Filiale in Deutschland, ließ C&A seine Geschichte Revue passieren. „Dabei fanden sich Dokumente aus der NS-Zeit, die nahelegen: Die Eigentümer waren damals Nutznießer des Regimes“, erläutert Rainer Leichtenberger, Manager im Brenninkmeijer-Netzwerk Anthos und Sprecher der Familie. Die genauen Zusammenhänge soll nun, wissenschaftlich fundiert, Mark Spoerer erhellen, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Uni Regensburg. „Wir wollen das lückenlos wissen“, betont Leichtenberger. „Das Ausschnitthafte und Widersprüchliche kann man so nicht stehen lassen.“ Im Frühjahr 2016 soll die Studie vorliegen.


Glasnost unter Traditionsfirmen
Dass Unternehmen ihre Geschichte aufarbeiten, Schattenseiten inklusive, hat Konjunktur. Siehe Quandt und Oetker. Im Fall des Quandt-Clans gab eine NDR-Dokumentation den Anstoß, die der Familie 2007 höchst unwillkommene Schlagzeilen einbrockte: „Das Schweigen der Quandts“ zeigte den Industriellen Günther Quandt (= 1954) als gewissenlosen Profiteur des Nazi-Unwesens. Die Familie, die das Thema bis dato totgeschwiegen hatte, sah sich zum Handeln genötigt. Sie öffnete dem Historiker Joachim Scholtyseck Familien- und Firmenarchiv und ließ ihm freie Hand. Über den Verdacht, womöglich zu beschönigen, ist der Bonner Professor erhaben; Scholtyseck gilt als Experte für die Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Das Ergebnis ist „Der Aufstieg der Quandts“ (2011), ein mehr als tausend Seiten starkes Werk, das für die Geldgeber vermutlich desillusionierend war. Denn: „Der Familienpatriarch war Teil des NS-Regimes.“ In einem Zeit-Interview räumt Günther Quandts Enkelin Gabriele ein, „dass es falsch war, nicht ganz genau wissen zu wollen, was damals geschehen ist“.

Eine neue Offenheit scheint um sich zu greifen. Selbst die Verschlossensten unter den Maulfaulen gehen an die Öffentlichkeit und bekennen sich zu unrühmlichen Kapiteln ihrer Historie. Derzeit en vogue: die Jahre 1933 bis 1945. „Die Akteure von damals sind inzwischen verstorben“, erklärt Wirtschaftshistoriker Holger Zinn, Professor an der Privaten Fachhochschule Nordhessen. „Das erleichtert es, nüchtern und sachlich auf die Geschehnisse in der NS-Zeit zurückzublicken.“ Mark Spoerer, momentan mit der C&A-Geschichte befasst, pflichtet bei: „Was Unternehmen heute an Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit leisten, wäre vor dreißig Jahren vielfach nicht denkbar gewesen.“


Entlastung ist nicht garantiert
Die vorbehaltlose Rückschau birgt freilich das Risiko unangenehmer Überraschungen. „Unternehmen müssen darauf gefasst sein, dass auch Unerwartetes zu Tage gefördert wird, Unerfreuliches, das am Ansehen kratzt“, merkt Holger Zinn an. „Nicht alle waren Widerstandskämpfer.“ Das einzugestehen, verschafft einem Unternehmen jedoch Respekt, erst recht wenn es aus eigenem Antrieb, nicht auf Druck der öffentlichen Meinung geschieht. Beispiel Oetker. „Weit über 90 Prozent der bisherigen Resonanz waren zustimmend“, berichtet Kommunikationschef Jörg Schillinger. Der Tenor: „Lieber spät als nie.“ Selbst die Jüdische Gemeinde Berlin zollte Schillinger zufolge Respekt. Und das obwohl die Geschichte der Oetkers im Dritten Reich alles andere als ein Ruhmesblatt ist. Der Münchner Historiker Andreas Wirsching erforschte das Kapitel im Auftrag der Familie drei Jahre und veröffentlichte im Oktober die Ergebnisse. „Zwischen Oetker und das NS-Regime passte kein Blatt Papier“, resümiert er im Interview mit Spiegel Online. „Das gilt für die Familie wie für das Unternehmen.“

Im Idealfall kommt einem der ungeschönte Umgang mit der eigenen Geschichte zugute. Die Öffentlichkeit honoriert offenkundig den Willen zur Wahrhaftigkeit, das Bekenntnis nicht nur zu glanzvollen Facetten der Firmenhistorie, sondern auch zu Verfehlungen. So gesehen sind Projekte à la Oetker und Brenninkmeijer Teil der Corporate Responsibility. Von den Geldgebern verlangt das Zurückhaltung und Aufgeschlossenheit: kein Hineinpfuschen in die Arbeit der Historiker, kein Zurückpfeifen. „Von Anfang an war klar: Unsere Forschungsgruppe darf alles einsehen, alles schreiben, was sie herausfindet, und unsere Quellen sind nach der Veröffentlichung um der Überprüfbarkeit willen Dritten zugänglich“, unterstreicht Spoerer. „Das war und ist eine Conditio sine qua non für unternehmenshistorische Auftragsforschung.“

Manches Unternehmen bekommt Angst vor der eigenen Courage. Die Deutsche Lufthansa beauftragte 1999 den Bochumer Historiker Lutz Budraß, die Geschichte der Zwangsarbeiter im Konzern zu recherchieren. Vereinbart war, die Ergebnisse in einem Buch zu veröffentlichen. Das kippte laut Budraß der damals frisch angetretene Kommunikationschef Klaus Walther (heute Infineon). Budraß’ Forschung hatte ans Licht gebracht, dass die Lufthansa weit stärker in Hitlers Kriegsmaschinerie involviert war als gemeinhin bekannt. Bis heute hält man sich in Frankfurt dazu bedeckt. Zwar verweist die Pressestelle darauf, dass man den Text nicht unter Verschluss halte und auf Anfrage Interessenten zukommen lasse. An die große Glocke hängt man das aber nicht. Auf der Homepage fehlt jeglicher Hinweis auf die Existenz der Untersuchung. Ein Verhalten, das sich als Bumerang erweisen könnte. Budraß arbeitet zurzeit – ohne Auftrag der Fluggesellschaft – an einer Lufthansa-Historie der Jahre 1926 bis 1955, die nächstes Jahr erscheinen soll.


Am Rande der Geschichtsklitterung
Ähnliches Ungemach riskieren jene, die ihre Geschichte aufs PR-Taugliche reduzieren – die Firmenchronik als Hofberichterstattung. Über kurz oder lang durchkreuzt womöglich ein renitenter Journalist, ein ambitionierter Historiker den Plan und deckt auf, was man verdrängt, verdreht oder bewusst verschweigt. Dennoch wählen manche Unternehmerfamilien diesen Weg. Und finden willfährige Helfer in akademischen Kreisen. Als Paradebeispiel gilt das Zentrum für Angewandte Geschichte an der Uni Erlangen-Nürnberg, das Gregor Schöllgen leitet, Professor für Neuere Geschichte. Schöllgens Auftragsarbeiten über Quelle-Gründer Gustav Schickedanz („Biographie eines Revolutionärs“), den „Eiskönig“ Theo Schöller oder den Milliarden-Konzern Diehl ernten unter Kollegen vernichtende Kritiken. Als Veröffentlichungen, die man eher „von Pensionären der jeweiligen Firmen erwarten würde“, bewertet sie Johannes Bähr, Professor an der Uni Frankfurt. Cornelia Rauh, Professorin in Hannover, weist Schöllgens Untersuchungen so gravierende Mängel nach, dass der Gedanke an Geschichtsklitterung naheliegt, Tendenziöses im Mantel des Wissenschaftlichen, das sich den Auftraggebern andient.

Aufarbeitung leistet die Schöllgen-Methode nicht. „Halbwahrheiten und Verschweigen bewirken bloß, dass ein Thema weiter schwelt“, so Andreas Wirsching (siehe Interview). Genau das aber wollen die Quandts, Oetkers, Brenninkmeijers unterbinden. Sie wollen einen Schlussstrich ziehen unter das Kapitel. Und unter die Diskussion darüber. Dass August Oetker kurz vor Erscheinen des Wirsching-Buchs der Zeit ein Interview gab, war, daran lässt Kommunikationschef Schillinger keinen Zweifel, eine Ausnahme. „Wir legen alle Fakten auf den Tisch“, lautet die Devise. „Dann gebt aber auch Ruhe.“

Vergangenheitsbewältigung als Strategie der Kommunikationsverhinderung. Das Kalkül mag aufgehen mit Blick auf das jeweils untersuchte Kapitel. Doch Unternehmensgeschichte endet nicht mit dem Jahr 1945. „Rüstungsexporte, Umweltverschmutzung, der Umgang mit Gastarbeitern oder die Frage nach Kinderarbeit in Entwicklungsländern – all das sind Aspekte, denen sich Unternehmen irgendwann zu stellen haben“, sagt Historiker Dirk Reder vom Kölner Geschichtsbüro. „Noch scheuen das viele.“


Linktipps zur unternehmerischen Geschichtskommunikation
Fallbeispiele zur Aufarbeitung von Vergangenheit durch Unternehmen:
bit.ly/1by4ali Homepage des Zentrums für Angewandte Geschichte an der Uni Erlangen-Nürnberg: bit.ly/I0YJEx Cornelia Rauhs Kritik am Zentrum für Angewandte Geschichte: bit.ly/1hRATe7 Mehrwert dank Geschichtskommunikation: bit.ly/1dMLOjn Die „Ressource Unternehmensgeschichte“ im Horizont kleiner und mittlerer Unternehmen: bit.ly/1by4r7S


„Sich einen Hofhistoriker zu halten geht nach hinten los!“
Andreas Wirsching über seine Arbeit an der Studie „Dr. Oetker und der Nationalsozialismus“ (2013). Professor Wirsching, im Auftrag der Familie Oetker haben Sie die Rolle des Unternehmens im Dritten Reich untersucht. Wie kam der Kontakt zustande? Die Familie war damals proaktiv auf der Suche. Nach meinem Eindruck spielte die TV-Dokumentation „Das Schweigen der Quandts“ eine Rolle. Darin werden die Verstrickungen der Industriellen-Dynastie Quandt ins NS-Regime geschildert. Erst unter diesem Druck beauftragten die Quandts hernach einen Historiker, der das Kapitel umfassend beleuchtete. Etwas Ähnliches wollte die Familie Oetker offenbar nicht erleben. Als man mich ansprach, fuhr ich nach Bielefeld und stellte August Oetker mein Konzept vor. Was hat Sie an der Aufgabe gereizt? Wissenschaftlich interessant war die Aufgabe in mehrfacher Hinsicht. Zum einen weil über die Historie reiner Familienunternehmen nicht eben ein Übermaß an Forschungsliteratur existiert. Zum anderen weil auch die Branche wenig untersucht ist. Und nicht zuletzt hat auch der Name Oetker einen nicht uninteressanten Klang. Sie hatten keine Bedenken, dass Ihre wissenschaftliche Reputation als Auftragnehmer eines Unternehmens leiden könnte? Methodisch zu reflektieren ist es schon, wenn Forschung ihren Anstoß nicht aus rein wissenschaftlichen Erwägungen heraus erfährt, und ich gebe zu: Für mich persönlich verspürte ich durchaus Rechtfertigungsdruck. Zumal ich in dieser Form zum ersten Mal für ein Unternehmen geforscht habe. Aber im Fall Oetker handelte es sich um eine glückliche Konstellation. Die Quellenlage war exzellent, so dass die fachliche Berechtigung der Untersuchung nicht in Frage stand. Um das auszuloten, haben wir mit Oetker zunächst eine Pilotstudie vereinbart. Erst danach gingen wir in medias res. Schiefe Blicke aus Ihrer Zunft befürchteten Sie nicht? Auf beiden Seiten, in Unternehmen wie in der Forschung, gibt es einen Professionalisierungsschub. Mittlerweile weiß man: Sich einen Hofhistoriker zu halten, geht nach hinten los. Halbwahrheiten und Verschweigen bewirken bloß, dass ein Thema weiter schwelt. Damit ist keinem gedient. Stattdessen schaffen wir Transparenz – und entziehen damit Gerüchten und Mutmaßungen den Nährboden. Gleichwohl: Ein Restrisiko bleibt. Es ist nicht auszuschließen, dass am Ende ein Zerwürfnis steht, dass ein Unternehmen Angst vor der eigenen Courage bekommt. Mit Blick auf Oetker freilich war das in meinen Augen ein vertretbares Risiko. Weil Sie sich vertraglich abgesichert hatten? Wir haben vorab schriftlich fixiert, dass auf die Forschungsarbeit keinerlei Einfluss genommen wird, und genauso geschah es. Auch mit Blick auf die Buchveröffentlichung gab es keinen Versuch, uns hineinzuredigieren. Wir haben zudem festgehalten, dass die Überprüfbarkeit der Ergebnisse gewährleistet ist. Oetkers Unternehmensarchiv etwa ist heute in den Fragen, die unsere Forschung berühren, frei zugänglich. Wichtig war für uns darüber hinaus der direkte Draht zu unserem Auftraggeber August Oetker. Die Oetker-Familie ist groß und nicht in allen Punkten einer Meinung. Davon jedoch ließ sich August Oetker nicht beirren. Beobachten Sie, welche Schlussfolgerungen das Unternehmen aus den Ergebnissen Ihrer Forschung zieht? Ich nehme die Diskussion wahr, etwa rund um die Kunsthalle Bielefeld und die vorstellbare Rückführung der Leihgaben, die Rudolf-August Oetker 1998 aus Verärgerung abzog. Mich persönlich würde freuen, wenn etwa die Oetker-Stiftungen künftig fortfahren würden, die historische Forschung zu fördern.
 

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