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News / Wahrheit oder Moral?
Adrian Peter
14.11.2013   News
Wahrheit oder Moral?
 
Darf ein Fleischproduzent Tiere quälen, um seinen Profit zu maximieren? Das ist die eigentliche Frage, um die es geht. Doch das betroffene Unternehmen diskutiert aus verständlichen Gründen lieber ganz andere Fragen: Darf Filmmaterial veröffentlicht werden, wenn die Quelle eine aus Unternehmenssicht höchst dubiose Tierrechtsorganisation ist? Darf ein seriöser Sender Material veröffentlichen, das möglicherweise nur dank Hausfriedensbruch produziert werden konnte? Mit anderen Worten: Darf ein Journalist nur seriöse Quellen verwenden und muss schweigen, wenn er nicht mit allem einverstanden ist, was sein Informant vertritt?

Sind Informanten Gutmenschen?

Wenn Journalisten sich eine Welt erträumten, wären alle ihre Informanten Gutmenschen, angetrieben davon, selbstlos die Welt zu verbessern und Missstände anzuprangern und nur der Wahrheit verpflichtet. Doch so ist die Welt nicht. Mitarbeiter, die Informationen über Unternehmen an die Presse weitergeben, handeln oft aus sehr eigennützigen Motiven. Entweder es gibt Streit im Unternehmen um Geld oder Beförderungen, oder sie wollen je nach Hierarchiestufe "über Bande" spielen, sprich über eine Veröffentlichung Einfluss auf die Firmenpolitik nehmen.

Als Journalist kann man es sich nicht aussuchen, ob die Information von einem ehrlichen Menschen oder einem Gangster kommt. Doch darauf kommt es auch nicht an: Worauf es ankommt: Stimmt die Information? Ist sie durch eine zweite Quelle überprüfbar? Natürlich gilt: Je dubioser der Informant, desto genauer muss die Richtigkeit seiner Angaben geprüft werden.

Es schadet nicht, wenn man als Journalist die Interessen seiner Informanten kennt. Seine Informationen zu veröffentlichen, bedeutet aber noch lange nicht, dass man sich als Journalist mit den Zielen und Interessen seines Informanten gemein macht. Doch genau diesen Eindruck versuchen Unternehmenssprecher und PR-Agenturen gerne zu vermitteln. Sie attackieren Quellen und Informanten, nach dem Motto: Wenn es mir gelingt zu zeigen, den Informanten zu diskreditieren, dann kann auch an den Vorwürfen gegen mein Unternehmen nichts dran sein.

Gefährliche Strategie

Manche Unternehmen und Institutionen sind inzwischen dazu übergegangen, auch den Journalisten als Person zu attackieren. Organisierte Shitstorms im Internet gehören da inzwischen genauso dazu, wie das gezielte Durchleuchten von Facebook-Freundeskreisen in der Hoffnung, Belastendes gegen den Journalisten zu finden. Der Angriff auf die Glaubwürdigkeit von Personen tritt inzwischen regelmäßig an die Stelle der Auseinandersetzung mit der Sache.

Doch diese Strategie ist in vielerlei Hinsicht riskant: Unternehmen, die blindwütig Journalisten und Informanten attackieren, leben immer mit der Gefahr, dass ihr Verhalten in Folgeberichten thematisiert wird. Statt ein unangenehmes Thema aus der Öffentlichkeit zu bekommen, riskieren sie eine erneute Berichterstattung über ihren Umgang mit Kritik. Sich dann als Opfer einer Kampagne zu präsentieren, wie es manches Unternehmen macht, rettet die Glaubwürdigkeit dann meist auch nicht mehr.

Adrian Peter ist CvD bei der SWR-Sendung Report Mainz. In seinem ersten Beitrag der Reihe #petersthesen beklagte er die "Mär von der Partnerschaft zwischen PR und Journalismus", im zweiten klärte er das Missverständnis auf, dass sich aus der Länge eines gegebenen Interviews irgendein Recht auf gesendete Minuten herleiten ließe. In seinem dritten Beitrag zeigte er, warum Journalisten immer weniger Angst vor Anwälten haben. Anschließend erklärte er, warum das Argument die einzig wirksame Waffe ist. Zuletzt sprach er sich dafür aus, Argumente selbstbewusst zu vertreten und erläuterte, warum Medien nicht über Unternehmen berichten, wenn sich Vorwürfe nicht bestätigen lassen. Wir freuen uns über Kommentare! #petersthesen
 

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