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24.09.2009   News
Akademische Dünnbrettbohrer
 
Die Reform von Bologna („Bachelor und Master“) sollte das Studium verkürzen und vergleichbar machen. Professoren und Studenten klagen über negative Tendenzen wie Verschulung und Immobilität. Von Chan Sidki-Lundius

Dass Studenten rebellieren und demonstrieren, gerne auf die Straße gehen, ist an sich nichts Neues. Doch auch unter deutschen Professoren rumort es seit einigen Jahren heftig. Stein des Anstoßes ist die Reform der deutschen Hochschullandschaft, der so genannte Bologna-Prozess.
Im Mittelpunkt der viel diskutierten Reform stehen die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge. Sie entstanden in der Folge der Beschlüsse der europäischen Kultusminister im Jahr 1999 in Bologna. Das generelle Ziel: die Harmonisierung des europäischen Hochschulwesens. Die neuen Studiengänge sollen nicht nur international besser vergleichbar und kompatibel sein, sondern auch effizienteres, kürzeres und frühzeitig berufsqualifizierendes Studieren ermöglichen. Ebenso ist angestrebt, die Mobilität zwischen den Hochschulen zu fördern und damit einhergehend das vorhandene Wissenspotenzial besser auszuschöpfen. Bachelor und Master sollen bis 2010 überall in Europa Standard sein. Dazu haben sich etwa 50 Staaten verpflichtet.
Viele der Reformen sind in Deutschland bereits umgesetzt. Dazu gehören zum Beispiel die Modularisierung des Studiums, ein Kreditpunkte-System sowie studienbegleitende, immens viele Prüfungen. Mitunter sind selbst Auslandsaufenthalte und Praktika vorstrukturiert und fest in den Studienverlauf integriert. Damit hat sich einiges geändert. Studierende in den ehemaligen Magister- und Diplom-Studiengängen konnten ihr Studium relativ eigenständig planen und entscheiden, mit welcher Intensität und welchen Schwerpunkten sie wie lange studieren.
„Ich bin dankbar, dass ich in Zeiten studieren durfte, als Studenten noch viele Freiräume hatten“, gesteht Ulrike Röttger, Professorin am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.
In den neuen Studiengängen hingegen ist jetzt alles wesentlich regulierter, ganze Semester sind festgelegt und bürokratisiert. Der Stundenplan schreibt vor, wie viel Arbeitszeit in jedes Modul investiert werden muss. Die Prüfungsdichte ist extrem hoch und muss gemanagt werden. Nebenbei sollen sich die Studierenden noch für den späteren Beruf qualifizieren. Die durchschnittliche Gesamtstudiendauer liegt bei nunmehr acht Semestern. Die auf dem Bachelor aufbauenden Masterstudiengänge sind zweijährig. Dennoch wollen bis zu 80 Prozent der Studenten nach ihrem Bachelor noch den Master machen. Das allerdings sprengt vielerorts die Kapazitäten und führt zum Teil zu wahnwitzigen Zulassungsverfahren.
Ein Jahrzehnt ist mittlerweile vergangen, seitdem die Bildungsminis­ter im italienischen Bologna den Reformprozess angestoßen haben. In Deutschland ist die Implementierung der Reformen weiter vorangeschritten als in den übrigen Unterzeichner-Staaten. Das freut nicht nur Bildungsministerin Annette Schavan, sondern auch die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Dr. Margret Wintermantel.
Beide sind nach wie vor davon überzeugt, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Bei ihnen besteht Konsens darüber, dass sie in die Zeit vor Bologna nicht zurück wollen. Und so werden sie nicht müde, die Erfolge von Bologna zu propagieren. Zum Beispiel in puncto Mobilität: Da habe sich die Zahl der Studierenden, die einen Abschnitt ihres Studiums im Ausland verbracht haben, seit 1999 nahezu verdoppelt. Auch sei Deutschland das weltweit drittbeliebteste Land für ausländische Studenten.
Und sie verweisen auf Untersuchungen, die zeigen, dass die Studierenden an deutschen Universitäten und Fachhochschulen zunehmend mit der inhaltlichen Qualität, dem Aufbau der Studiengänge sowie der Durchführung der Lehrveranstaltungen zufrieden sind. Und doch: Bei allem Optimismus können sich Schavan und Wintermantel über das bislang Erreichte nur eingeschränkt freuen.
„In den Hochschulen müssen die Probleme mit der Umsetzung der Studienreform klar benannt und Lösungen gefunden werden. Wir brauchen eine intensive Kommunikation mit den Studierenden“, sagte Wintermantel nach einer der letzten Sitzungen des Senats der Hochschulrektorenkonferenz.
Damit zeigte sie sich offen für die Argumente der Gegner des Bologna-Prozesses, denen vor allem die Umsetzungsdefizite der Reform ein Dorn im Auge sind. Von einem „Discount-Studium für „akademische Dünnbrettbohrer“, von „Nottaufe für ein ansonsten namenloses Zwischenzeugnis“ oder „Dekoration für eine kleine Rundreise durch die Uni“ ist da immer wieder die Rede. Konkret richtet sich das Augenmerk der Kritiker, darunter zum Beispiel verschiedene Studentenorganisationen wie der Asta, der Hochschullehrerbund (hlb) und der Deutsche Hochschulverband, gegen zu eng geplante Curricula, gegen fehlenden Praxisbezug sowie gegen Verkürzung, Verschulung und Regulierung des Studiums.
Hierzu fordert der hlb unter anderem, Abschlüsse am Bedarf der jeweiligen Fächer auszurichten, Praxisphasen und Abschlussarbeiten in Unternehmen zu fördern und den Zugang zu Masterstudiengängen offen zu halten. Genannt werden außerdem die schlecht aufeinander abgestimmten Prüfungen.
Gleichzeitig wird Unsicherheit deutlich, etwa über die unsachgemäße Verwendung von Studiengebühren, die Arbeitsmarktperspektiven nach dem Bachelor und die ausbleibende Internationalisierung. Auch die Zwischenbilanz des Präsidenten des Deutschen Hochschulverbandes, Prof. Dr. Bernhard Kempen, fällt ernüchternd aus. Die neu entstandenen Studiengänge seien so spezialisiert, dass ein Studienortwechsel während des Bachelor-Studiums nahezu unmöglich sei. Damit werde das Ziel, einen europäischen Hochschulraum zu schaffen, konterkariert, ist Kempen überzeugt.
Auch bei der Mobilität habe man kein Plus, sondern ein Minus zu verzeichnen. Ferner sei man von einem suggerierten Automatismus bei der Anerkennung von Studienleistungen weiter entfernt als vor der Reform, da das Kreditpunktesystem von Land zu Land unterschiedlich gehandhabt werde und Leistungen kaum noch vergleichbar seien.
Ebenso kritisieren die Gegner, dass sich die neuen Studiengänge durch die schlichte Aneinanderreihung von Kursen charakterisieren.
So bestehen viele Studiengänge aus einer Folge von Einzelveranstaltungen oder Kursen, die von jeweils einem Dozenten bestritten werden. „Eine Abstimmung der einzelnen Lehrveranstaltungen findet bei uns nicht statt, da wird vieles doppelt und dreifach gelehrt“, moniert Mareike Sievert aus München. Sie studiert Germanistik und möchte später einmal in der PR arbeiten. Zudem kritisiert sie, dass das Studium immer mehr zur reinen Punktejagd verkommt.
„Das steht doch im krassen Gegensatz zu den Anforderungen unserer Gesellschaft, die ein zunehmend ganzheitliches Verständnis unserer Welt und ein Denken in Zusammenhängen, Analogien und Kausalitäten verlangt“, so die ambitionierte junge Studentin.


Kritikfähigkeit nicht gefragt
Auch Ulrike Röttger meint, dass die Situation der Studenten nicht wirklich besser geworden ist. „Reflektion, Bewertung, Kritik- und Abstraktionsfähigkeit, das alles sind Skills, die in den Kommunikationsberufen so immens wichtig sind, an der Uni aber nur noch wenig gefördert werden“, so einer ihrer Kritikpunkte.
Konkret habe sich an ihrem Institut die Studienzeit keineswegs verkürzt, da die Mehrheit der Studenten nach dem Bachelor noch den Master anstrebt. Das entspreche dann dem einstigen Diplom. „Ferner sind wir immer noch weit davon entfernt, dass der Bachelor als Abschluss vor allem von der Wirtschaft anerkannt wird. Da gibt es noch viel Unsicherheit“, ist sie überzeugt.
Aufgrund des hohen Verschulungsgrades sei es außerdem auch für ihre Studenten nicht leichter, sondern komplizierter geworden, ins Ausland zu wechseln. Auch sei die durch Bologna angestrebte Vergleichbarkeit weder gegeben noch besser geworden. Wie die Professorin weiter berichtet, habe es an ihrem Fachbereich eindeutig spürbare Veränderungen im Bereich der Administration gegeben.
„Die Qualität der Beratung musste erhöht werden. Ursache dafür ist unter anderem die typisch deutsche Bürokratisierungsmanie“, stellt sie fest. Froh hingegen stimmt sie die Studienerfolgsquote. So haben 90 Prozent der Studierenden des ersten Bachelor-Durchlaufs ihr Studium der Kommunikationswissenschaft an der Uni Münster beendet. Das deckt sich mit den Zahlen des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Danach hat sich die Abbrecher-Quote der deutschen Studenten auf 20 Prozent verringert.
Wahrlich kein Freund von Bologna ist auch Professor Kai Hafez, der seit 2003 an der Universität Erfurt einen Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Vergleichende Analyse von Mediensystemen und Kommunikationskulturen innehat. „Die deutsche Kommunikationswissenschaft ist neben der in den Vereinigten Staaten von Amerika die stärkste der Welt und super anerkannt.
Da gab es partout keinen Reformbedarf und keine Notwendigkeit, derartig die Studienstrukturen zu verändern“, so seine tiefe Überzeugung. Weiterhin beklagt auch er die Verschulung, Modularisierung, Zeitverknappung, die Überbelastung sowie die vielen Pflichtaufgaben, die den Studierenden seiner Meinung nach keinen Raum zur wissenschaftlichen Vertiefung und wenig Freiheiten lassen.
„Das ist tatsächlich nur etwas für vereinzelte Studenten, die ein hohes Orientierungsbedürfnis haben“, betont Kai Hafez. Gleichwohl gibt er zu, dass der Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Uni Erfurt strukturell und finanziell gut aufgestellt ist.
Das jedoch schreibt er nicht Bologna zu, sondern der Tatsache, dass die 1994 neu gegründete Uni Erfurt, übrigens die jüngste staatliche Universität Deutschlands, eine geisteswissenschaftliche und innovative Reformuniversität mit kultur- und gesellschaftswissenschaftlichem Profil ist. Am Fachbereich Kommunikationswissenschaft gibt es etwa 500 Studierende. Ziel der Erfurter Kommunikationswissenschaft ist es, ihr Wissenschaftsprofil neben der akademischen Reproduktion auch berufspraktisch im Rahmen eines Bachelor-Projektstudiums umzusetzen. Zur Auswahl stehen etwa die Angewandte Medienforschung und -beratung sowie das Fach Kommunikationsmanagement.
Trotz aller Unruhe an deutschen Hochschulen ist das Interesse am Studium der Kommunikationswissenschaft nach wie vor groß: Für die 71 Bachelor-Studienplätze, die im Wintersemester bei den Kommunikationswissenschaftlern der Uni Münster zu vergeben sind, hat es 4.963 Bewerbungen gegeben.

Zahlen und Daten zu Bologna
Zum Wintersemester 2008/2009 waren 75 Prozent aller Studiengänge (9.200 von insgesamt 12.300 Studiengängen) an deutschen Hochschulen auf Bachelor und Master umgestellt. Gegenüber dem Sommersemester 2008 nahm die Zahl dieser neuen Studiengänge damit um mehr als 20 Prozent zu. Insbesondere in den Fachhochschulen ist die Umstellung mit 94 Prozent aller Studiengänge schon sehr weit fortgeschritten. Die meisten Studierenden mit Ziel Bachelor oder Master finden sich in der Fächergruppe Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie der Fächergruppe Mathematik und Naturwissenschaften. Der Großteil der nicht umgestellten Studiengänge (etwa 1.900) führt zu staatlichen beziehungsweise kirchlichen Abschlüssen. Der Anteil von Studierenden in BA/MA-Studiengängen lag gemessen an der Gesamtstudierendenzahl im Wintersemester 2007/2008 bei mehr als 30 Prozent. Knapp zwei Drittel der Studienanfänger immatrikulierten sich in einem umgestellten Studiengang (64,5 Prozent).    
(Quelle: www.bmbf.de)

 

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