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News / Was heißt hier eigentlich "reißerisch"?
Adrian Peter
09.10.2013   News
Was heißt hier eigentlich "reißerisch"?
 
Die weinende Frau, am Grabstein ihres Mannes, unterlegt mit Klavierakkorden, dann ein emotionaler O-Ton, in dem sie ihre Geschichte schildert. Sie macht einen Pharmakonzern verantwortlich für das frühe Ableben Ihres Mannes. Im weiteren Verlauf des Beitrages wird der Vorwurf argumentativ untermauert. Aus Sicht des Unternehmenssprechers ist das eine unerhört "reißerische" Machart und geradezu der Beweis dafür, dass die Sendung mit unseriösen Mitteln arbeitet, auf Emotion statt Information setzt. Von Inszenierung und Dramatisierung ist dann oft die Rede.

Ist es also unseriös, wenn ein Journalist auf Emotionen setzt, um seine Zuschauer oder seine Leser für ein Thema zu interessieren? Die Vorstellungen von Journalisten und Pressesprechern gehen in dieser Frage naturgemäß sehr weit aus-einander. Der Vorwurf "reißerisch" zu berichten, ist vermutlich so alt wie der Druck mit beweglichen Lettern. Und genauso alt ist die Klage darüber, dass Medien angeblich immer reißerischer werden. Doch was ist dran an dem Vorwurf?

Emotionen sind legitimes Ziel

Journalistische Erzeugnisse, die keinerlei Emotion in ihren Zuschauern oder Lesern wecken, hat es vermutlich noch nie gegeben, abgesehen vielleicht von den Börsentabellen im Wirtschaftsteil der FAZ. Alle anderen journalistischen Hervorbringungen müssen das Interesse ihres Publikums erst wecken.

Ihre Aufgabe: Sie kämpfen um die Aufmerksamkeit der Menschen, die sich nicht naturgemäß für ihren Inhalt interessieren. Deshalb setzen Medien auf Emotionen und das ist völlig legitim: Denn die Gefühle der Menschen, die von unternehmerischen Handeln betroffen sind, sind genauso real wie die Quartalszahlen des Unternehmens.
Was Pressesprecher und Unternehmer so gerne verdrängen: In ihren Werbebotschaften setzen sie selbst fortwährend auf Emotionen und versuchen, das eigene Image mit positiven Emotionen aufzuladen - weil natürlich zur öffentlichen Wahrnehmung eines Unternehmens immer schon auch eine emotionale Komponente dazu gehört.

Verhältnismäßigkeit wahren

Natürlich gibt es Übertreibungen und natürlich gibt es Kitsch. Die beim Zuschauer oder Leser ausgelöste Emotion sollte immer in einem Verhältnis zu dem tatsächlich thematisierten Missstand stehen. Wer als Journalist in der selben Tonlage über einen Flugzeugabsturz berichtet, wie über einen Nachbarschaftsstreit, untergräbt selbst seine Glaubwürdigkeit.

Aber: Ein gequältes Huhn in Nahaufnahme zu zeigen, um den Zuschauern vor Augen zu führen, dass es sich um ein leidendes Tier handelt und eben nicht nur um ein Produkt, ist ein vollkommen berechtigtes Mittel, um eine journalistische Aussage zu treffen.

Magazinjournalismus ist vor allem dann gut, wenn er nicht nur die Schilderung der Fakten beherrscht, sondern auch die Steuerung von Emotionen. Denn sie sind genauso real wie die reinen Fakten. Dies zu leugnen, wäre nicht Ausweis von Qualität, sondern von Dimensionslosigkeit.

Adrian Peter ist CvD bei der SWR-Sendung Report Mainz. In seinem ersten Beitrag der Reihe #petersthesen beklagte er die "Mär von der Partnerschaft zwischen PR und Journalismus", im zweiten klärte er das Missverständnis auf, dass sich aus der Länge eines gegebenen Interviews irgendein Recht auf gesendete Minuten herleiten ließe. In seinem dritten Beitrag zeigte er, warum Journalisten immer weniger Angst vor Anwälten haben. Anschließend erklärte er, warum das Argument die einzig wirksame Waffe ist. Zuletzt sprach er sich dafür aus, Argumente selbstbewusst zu vertreten und erläuterte, warum Medien nicht über Unternehmen berichten, wenn sich Vorwürfe nicht bestätigen lassen. Weitere Thesen stellen wir in loser Reihe vor und freuen uns über Kommentare! #petersthesen
 

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