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Stefan Wachtel von ExpertExecutive in Frankfurt hat Spitzenmanager aus bisher 13 der Dax30- Unternehmen für Auftritte gecoacht.
24.09.2013   News
Ein durch und durch rhetorischer Bundestagswahlkampf
 
Jeder Arbeitslose soll dazulernen, um einen Job zu bekommen, aber wer Kanzler werden will, muss nichts dazulernen, jedenfalls nicht in der entscheidenden Disziplin, die heißt: Menschen ansprechen und überzeugen. So provokant es klingt: Die Disziplin heißt Rhetorik, schon seit 2.500 Jahren. Deutsche Kanzlerkandidaten müssen vorgeblich nichts in dieser entscheidenden Disziplin lernen. Seit elf Jahren geht das so, erst Stoiber dann Steinmeier, und jetzt der nächste. Höchstens "inhaltlich" werde er sich auf das Duell vorbereiten, sagte Peer Steinbrück bei der Vorstellung der Kampagne auf die Frage nach dem Prep für das TV-Duell.

Steinbrücks kleiner Fortschritt

Gott sei Dank kam es für eine Stunde lang nicht so. Der Kandidat hatte für das TV-Duell dazu gelernt; er hatte sichtlich einen Plan. Und er sollte dieses Mal im richtigen Film sein, für diese 90 Minuten. Das war nicht einfach, gegenüber einer Frau; er musste die Contenance bewahren und trotzdem seine rhetorischen Ziele verfolgen. Das Duell ist zudem Kampf, und das, was Steinbrück kann, ist gerade dort gefragt: behaupten, abbügeln und attackieren. Steinbrücks kleiner Step im TV-Duell ist ein Beispiel dafür, was man erreichen kann, wenn man früher aufsteht. Aber um einen Blumentopf zu gewinnen, muss man noch früher aufstehen.

Genau das ist nicht passiert. Konkret, zum Beispiel: Eingangs- und Schluss-Statement dürfen nicht als auswendig gelernt erscheinen. Gewinnen setzt lernen voraus. Der Bestsellerautor Malcolm Gladwell ("Überflieger") nennt das "die 10.000 Stunden Regel": Man muss genug üben, damit man authentisch scheint! Aber der Kandidat weist ja immer wieder darauf hin, dass er nichts lernen will. Wir wissen: Hätte er gelernt, hätte seine Partei die besseren Chancen gehabt. Und hätte er - zum Duell zurück - nicht nur auswendig gelernt, wäre er vollends der gewesen, der authentisch scheint. Darauf kommt es an.

Die Teamfähigkeit entscheidet

Das Problem ist fundamental, - strukturell, hätten die 68er gesagt: Die erste Frage jeder Menschenüberzeugung ist: In welchem Film spiele ich? Im Fall der SPD kann die Schere nicht größer sein: Die Partei spielte monatelang "wir", und der Kandidat spielte genau so lange schon "ich". Er hat nicht einmal versucht, diese Schere zu schließen, und in der Partei gab es offenbar niemanden, der ihm das dringend geraten hat. Ich bereite tagtäglich Spitzenmanager auf Auftritte vor. Würde sich in der Wirtschaft ein Vorstand so beharrlich weigern, seine Rolle zu spielen, wäre ein Aufsichtsrat auf dem Plan und würde freundlich den Weg zur Tür zeigen.

Aber es gibt ein Gutes, eine Rettung. "Bild" fragt so schön deutsch: "Ist die Authentizität Steinbrücks Pfund?" Das Gegenteil ist wahr: Authentizität ist die Eisenkugel an seinem Bein. Er war schon der dritte Kanzlerkandidat, der allzu authentisch ist, nach Stoiber und Steinmeier, und er war der dritte, der verliert. Steinbrück sagt: Ich biedere mich doch nicht an - doch genau damit biedert er sich an.

Coaching vom Angestellten

Und Angela Merkel? Sie war im TV-Duell kurz zurückgefallen, und so richtig durchtrainiert war sie nicht. Ihr "Deutschland-geht's-gut"-Papperlapapp ist an die Grenzen gestoßen. Auch sie hätte sich wärmer anziehen müssen. Ihr Regierungssprecher hatte vor der Sendung Tipps gegeben. Was heißt: Sie wurde von Ihrem Angestellten beraten, der Regierungssprecher war lange beim ZDF tätig und hat dort Nachrichten vorgelesen. Er hat nicht mal einen Wochenendkurs in Rhetorik oder Didaktik absolviert.

Ich bereite Spitzenmanager aus DAX-Konzernen vor – undenkbar, dass ein Vorstand sich von seinem angestellten Mitarbeiter coachen lässt. Ich war zweimal im Pitch solcher Duell-Vorbereitungen und ich weiß, dieses Niveau hat System. 2002 hatte Michael Spreng das Mandat, und sein Kumpel, ein Sportredakteur, hat versucht, mit Stoiber ein Rhetorikcoaching zu machen. Wir erkennen ein Prinzip der Politik-Auftrittsvorbereitung - auch ohne nur einen Wochenendkurs in Rhetorik oder Didaktik zu haben. Hinzu kommt Indiskretion. 2005 stand schon fünf Tage vorher in der Zeitung, wer Merkel trainiert. Ein ehemaliger Journalist und sein Kumpel, der ein TV Studio zu vermarkten hat, hatten das gleich vorher der "Bild" verraten.

2009 gab es eine mäßige Vorbereitung mit einem auswendig gelernten Schlussstatement Merkels, das vor generischen Worten strotzte ("Solidarität, Freiheit, Familie"). Auch schon damals hatte der Verfolger aufgeholt, das war knapp. Nicht auszudenken, wenn Steinmeier, sagen wir, eine Woche trainiert hätte. Oder Steinbrück, wie sich das gleicht. Wir erkennen ein ähnliches Modell: etwas gelernt, aber nicht genug. Der Igel Merkel ist vor dem Hasen da.

Merkels Gleichnisse

Schlechte Vorbereitung, im Fall der SPD gar nicht oder zu wenig - oder inkompetent und indiskret - warum ist dann Angela Merkel der Igel, der immer schon da ist? Zwei Geheimnisse der Disziplin Menschenüberzeugung stehen dahinter: Erstens: Sie spricht konkret, genauer gesagt: pseudokonkret. Was schon gesagt wird, wird noch einmal mit einem Beispiel verdeutlicht. Sie spricht nicht einfach von Berufen, sondern zählt allerlei Berufe auf, sie spricht nicht nur von verschiedenen Begabungen und Temperamenten, sondern zählt auf, was es so gibt an Temperamenten und Begabungen. Im TV-Duell sagt sie Geschichtchen: "Stellen Sie sich mal vor, ich würde Ihnen jetzt mal vorschreiben, dass Sie eine Schraubenfabrik aufmachen". Das sind Gleichnisse: Von der Bibel lernen heißt siegen lernen.

Die Amtsinhaberin holt Menschen verbal ab. Wie unter einem Brennglas zu beobachten war das auf RTL bei Peter Klöppel "an einem Tisch" (am 27. August). Das war wieder ein echter Merkel. Die Amtsinhaberin gab wenig, aber machte den Eindruck, es sei viel. Und auf diesen Eindruck kommt es an. Ihr Geheimnis heißt: Zugang! Das schafft sie durch zwei Dinge, die sie gelernt hat: Sie hat für jeden eine Antwort und: Sie kann mit Worten und Blicken abholen. Es scheint so, als interessiere Sie sich. Die Kanzlerin nimmt jeden mit, auf noch den größten Unsinn erwidert sie, das sei interessant. Einer Wählerin sagt sie über den Klöppel-Tisch herüber: "Da komme ich doch mal mit zu Ihnen." Großartig, ganz große Rhetorik. Nur die Anderen zählen, fast will man sagen: "Das Wir entscheidet".

Merkels Taktik

Die Akteurin ist - außerhalb der Rolle - vollkommen asexuell - "deadpan",  tote Pfanne, heißt es im Schauspiel, niemand weiß, was die Darsteller fühlen. Gelegentlich etwas kochen oder etwas spazieren in der Uckermark, unvorstellbar ist eine Meldung wie, sagen wir, sie habe sich einmal zu viel vom Buffet genommen. Sie ist nur für Deutschland da. Diesen Eindruck stellt sie her, mit Verlaub, durch Rhetorik. Wer jetzt noch sagt: "Nur" Rhetorik, und zu wenig "Inhalt", und der sagt, das sei unethisch, den erinnere ich daran, dass dieses "inhaltlich" das deutsche Ventil ist, um rechtzeitig ausbüchsen zu können, wenn etwas in Arbeit ausartet oder der Auftritt erfolglos ist. Minister de Maiziere gibt Fehler zu, aber "inhaltlich", sagt er, habe er alles richtig gemacht.

Hinter der Kanzlerin finde ich alte rhetorische Tugenden. Oder Taktiken, je nachdem. 
freundlicher Blick, sie spielt Humor, sie scheint ganz dabei:allgemein anerkannte Sätze: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr": Alle nicken.Wertschätzung: "Das finde ich eine gute Idee." Das sagt Merkel auch zu den abgelegensten Ideen.Sie schaut Menschen an, und sie zeigt zu den Anderen herüber.
Das alles ist 2.500 Jahre alt. Verwunderlich ist nur, dass schon der zweite Herausforderer seit 2009 sie auf diesem Feld so ganz allein lässt. Sie spielt in dem Film  "Menschen erreichen", er heißt seit Monaten: "Ich arbeite für Euch!" Das Ergebnis: Jemand sagte zum Schluss der Mit-Merkel-am-Tisch-Sendung: "Das hat mich von der Persönlichkeit her überzeugt." Fast müßig zu erwähnen, welche rhetorischen Taktiken Merkel aufbietet: 
Sie setzt die Themen, sie bestimmt, was sie sagt: Schon in der ersten Äußerung in der Wähler-Tisch-Orgie bei Klöppel, damit sie es nicht vergisst, kommt ihr Wahlkreis vor.Sie vermeidet Reizwörter: Als vom Betreuungsgeld gesprochen wird, nimmt sie das böse Wort nicht in den Mund.Sie fragt nach: "Wie ist das bei Ihnen genau?"Schließlich das Allerstärkste: sie nimmt Kritik an, sagt "Ich hab ne Menge Ansporn, was zu lernen, und zum Nachdenken." Das nimmt für sie ein.
Das alles ist großartig, allererste Sahne, was die Wirkung angeht. Demokratie lässt Rhetorik zu und befördert sie. Aber tut ihr das auch gut? Ich meine: der Demokratie? In the long run sicher nicht. Am Ende der Rhetorik steht immer die Diktatur. Bis dahin ist es noch Zeit, und wir können nur hoffen, dass andere demokratische Parteien bessere rhetorische Übung an den Tag legen und früher aufstehen als die SPD. Und glaubwürdigere Kandidaten haben als die Linke mit Gysi. (Ich habe in der DDR ein halbes Jahr im Gefängnis gesessen und wurde von einem Anwalt verteidigt, der eigentlich für die Gegenseite arbeitete.)

Steinbrücks mangelnde Selbstkritik

Zurück zur Wahl: Der Herausforderer tat genau das nicht, was die Kanzlerin tat: Fehler zugeben. Seine Replik auf die Frage nach Mängeln, in einem morgendlichen TV-Interview: "Hätte, hätte, Fahrradkette." Hier versagt jede rhetorische Analyse.

Als Steinbrück bei Klöppel "an einem Tisch" sitzt, eine Woche vor Merkel, sieht man: Der Kandidat ist typisch deutsch: sachlich, präzise, klar pointiert. Es nützt aber nichts. Denn ohne Zugang kommt nichts an. "So rede ich!" sagt er einer Wählerin; sie sind sich "inhaltlich" einig. Und die Wählerin sagt, "Warum nehme ich es Ihnen dann nicht ab?" Die Antwort: Es fehlt der Zugang. Der Kandidat hat die Sprache nicht, die Formulierungen, die andere einzunehmen, seit 2.500 Jahren ist das die Voraussetzung der Rhetorik. Sein Film heißt: "Recht behalten".

Beispiele zuhauf: Wenn Journalisten fragen, dreht er sich angewidert zur Seite, ganz authentisch, wie er eben gerade fühlt. Als "am Tisch mit Steinbrück" ein junger Migrant fragt, beginnt schon die erste Antwort mit dem Satz. "Mich wundert Ihre Unterstellung." Das ist die Steinbrück Methode. Als eine Wählerin ihm sagt, er wirke, wörtlich, "gefühlskalt", antwortet der Kandidat mit einer gefühllosen Belehrung.

Merkels wirkungsvoller rhetorischer Zugang

Ich schließe den Kreis zum TV-Duell. Es sind die schlichteren Merkel-Sätze, die wirken: Es gibt noch viel zu tun, wir als Deutsche wissen, es soll noch mehr solche guten Jahre geben, wir wollen das nicht gefährden, wir wollen das gemeinsam schaffen. Es soll noch ein bisschen besser werden.

Der eine redet seinen Klartext, die andere wirkt so als täte sie es. Nur Rhetorik? Der Rhetorik-Wissenschaftler Vazrik Bazil sagt, die Kanzlerin bliebe im TV-Duell "bei entscheidenden Fragen präzise unbestimmt". Der Schlafwagen-Wahlkampf siegt? Warum nicht? Merkel umarmt alle. Das ist eine Taktik, die kann man kritisieren, aber wir sollten es besser nicht. Ein letztes Mal zurück zum Herausforderer. Steinbrücks rhetorischer Step im TV-Duell ist ein Beispiel dafür, was man erreichen kann, wenn man an sich arbeitet: Es braucht Zugang, es braucht Common Ground. Aber dafür ist es zu spät.

Stefan Wachtel
 

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