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News / Konsenskampf
23.09.2009   News
Konsenskampf
 

Der Wahlkampf 2009 gilt Beobachtern als „langweilig“. Public-Affairs-Spezialisten großer Agenturen konstatieren eine inhaltsarme Auseinandersetzung ohne Kontroversen. Von Frank Behrens

Doch nicht nur Agenturvertreter (siehe unten) langweilen sich. Ganz offensichtlich denkt auch die Mehrheit der Wahlbürger so.
Was macht den Wahlkampf so langweilig? Ist es die Ahnung, die Wahl sei im Grunde schon entschieden, offen nur noch, mit wem die Kanzlerin weiterregieren darf? Oder das Gefühl, von den Akteuren eine zweite Realität vorgespiegelt zu bekommen? Das Gefühl, als führte Grigori Alexandrowitsch Potjomkin Regie, wenn die SPD vier Millionen neue Arbeitsplätze, die Grünen „eine Million Jobs“ und die CDU „Wirtschaft mit Vernunft“ versprechen?
Obwohl sie doch wissen müssten, dass es Vollbeschäftigung in einer Wirtschaft, die auch nach der Finanzkrise auf den Produkten der Finanzwirtschaft und staatlichen Krediten basiert, nicht geben wird. Die bekannten Formeln Wachstum, Arbeitsplätze und Soziale Marktwirtschaft werden von den Parteien als Symbole, in die sich ganz verschiedene politische Versprechen hinein interpretieren lassen, vor sich hergetragen.
Das erleichtert es den einen, nicht von den aus ihrer Sicht notwendigen Grausamkeiten sprechen zu müssen. Und es erlaubt anderen, nicht über den Mindestlohn als ultimativer Vision hinaus denken zu müssen. So ist es der politischen Kommunikation möglich, viele Themen im Wahlkampf wegzulassen.
„Und das ist ein Problem für die PR“, sagt der Journalist und PR-Mann Martin Busche, der 2005 als Wahlkämpfer in der Berliner Kampagnenzentrale der SPD saß und zuletzt für die Linken in NRW aktiv war: „2005 konnte Kajo Wasserhövel seine Leute noch wirklich motivieren, ob ihm das jetzt noch gelingt, ist die Frage.“
Am 27. September, 18 Uhr wissen wir mehr. Wenn Twitter nicht wieder schneller ist. Der PR Report hat im Vorfeld vier Public-Affairs-Spezialisten befragt: Axel Wallrabenstein (Publicis Consultants), Christof Fischoeder (Weber Shandwick), Lars Cords (fischerAppelt) und Imran Ayata (A&B One).


Axel Wallrabenstein, Publicis Consultants
Hat Bundeskanzlerin Merkel mit ihrem defensiven Wahlkampfstil alles richtig gemacht?
Wallrabenstein: Die CDU und die Kanzlerin haben sich mit der grundsätzlichen Festlegung auf einen Konsenswahlkampf richtig entschieden. Einer der besten Kanzlerwahlkämpfe bisher. Ob es reicht, wird sich zeigen.
Wie beurteilen Sie die Wahlkampfstrategie der SPD?
Die SPD befindet sich in einer schwierigen Lage. Ihr Spitzenkandidat ist kein Wahlkämpfer, und sie muss im Wahlkampf Regierungs- wie Oppositionspolitik zugleich vertreten. Hinzu kommt, dass sie keine glaubhafte alternative Machtoption anbieten kann. Natürlich können wir trotzdem überrascht werden und am 27. September heißt der Sieger nach Punkten Frank-Walter Steinmeier.
Welche Partei hat sich im Online-Wahlkampf besonders hervorgetan? 
Der Online-Wahlkampf ist hierzulande noch nicht so weit wie in den USA oder in Frankreich. Das liegt aber auch daran, dass die Politik kaum polarisiert. Auch der Online-Wahlkampf ist schläfrig. Die Parteien haben sich im Netz zwar alle professionalisiert, aber sie agieren bei weitem nicht interaktiv genug. Selten wird jemand aufgefordert, sich aktiv zu beteiligen.
Wurde der 30. August mit seinen Landtags- und Kommunal­wahlen von den Parteien dramaturgisch unterschätzt? 
Nein. Die Ergebnisse waren ja auch nicht wirklich überraschend.
Welches Thema hat die Parteien noch überraschen können? 
Vor vier Wochen hätte ich gesagt: Afghanistan und Atomkraft. Aber jetzt muss man abwarten, was diese Themen wirklich bewirken.
Was wird die Wahl letztlich entscheiden? 
Die Wähler.



Christof Fischoeder, Weber Shandwick Berlin
Hat Bundeskanzlerin Merkel mit ihrem defensiven Wahlkampfstil alles richtig gemacht?
Fischoeder: Man kann die inhaltliche Ebene nicht umgehen. Das funktioniert auf Dauer nicht.
Wie beurteilen Sie die Wahlkampfstrategie der SPD?
Mir fehlten die Impulse im richtigen Moment. Und ich vermisse, dass strategische Planungen durchgehalten wurden. Der Deutschland-Plan und das Schattenkabinett wurden nach dem ersten Gegenwind sofort aus dem Verkehr gezogen.
Welche Partei hat sich im Online-Wahlkampf besonders hervorgetan? 
Quantitativ die Grünen, das zeigt auch unser Wahl-im-Web-Monitor. Das Problem ist allerdings die Qualität. Die Grünen haben zwar die meisten Filme in YouTube eingestellt, aber sie haben keine ausreichende Anzahl von Abonnenten. Sie haben es auch nicht geschafft, eine Diskussion in Gang zu setzen und Multiplikatoren zu mobilisieren. Dabei ist das grüne Online-Potenzial das größte.
Wurde der 30. August mit seinen Landtags- und Kommunal­wahlen von den Parteien dramaturgisch unterschätzt?
Ich hatte den Eindruck, dass der Wahlkampf bis zum 30. August mit angezogener Handbremse lief. Die Parteien haben zu lange gewartet. Und ein echtes Ergebnis haben die Landtagswahlen ja nicht.
Welches Thema hat die Parteien noch überraschen können? 
Irgendwelche Naturkatastrophen kann es immer geben, aber die Große Koalition moderiert fast alles weg. Siehe Atomkraft. Und Afghanistan ist doch zu weit weg.
Was wird die Wahl letztlich entscheiden? 
Ich weiß es nicht. Aus meiner Sicht ist es fraglich, ob die Parteien die Wähler erreichen. Wir haben es mit einer taktischen Wahl zu tun.



Lars Cords, fischerAppelt
Hat Bundeskanzlerin Merkel mit ihrem defensiven Wahlkampfstil alles richtig gemacht?
Cords: Wahlkämpfer stehen zunächst mal in der Pflicht, ihre eigene Klientel zu aktivieren. Und da liegt ein gewisses Risiko des präsidialen Wahlkampfstils der Kanzlerin.
Wie beurteilen Sie die Wahlkampfstrategie der SPD?
Die SPD muss als Regierungspartei agieren und gleichzeitig in der Rolle des Herausforderers die Opposition spielen – da ist es aufgrund des Beißreflexes in einer großen Koalition schwer, eine Konfliktstrategie erkennen zu lassen.
Welche Partei hat sich im Online-Wahlkampf besonders hervorgetan? 
Wie erwartet hat sich gezeigt, dass die „Digital Natives“ in den Parteistrukturen noch unterrepräsentiert sind. Da ist es bezeichnend, dass die interessantesten Online-Impulse im Wahlkampf aus den Social Communities gekommen sind. Ein Beispiel ist die Wahlzentrale auf StudiVZ.
Wurde der 30. August mit seinen Landtags- und Kommunal­wahlen von den Parteien dramaturgisch unterschätzt?
Ich habe zumindest das Gefühl, dass CDU und SPD diesen Tag eher als Risiko für den Bundestagswahlkampf denn als Chance betrachtet und sich entsprechend vorbereitet haben. Dadurch waren die kleineren Parteien im Vorteil, den Wahlausgang für ihre Profilierung zu nutzen.
Welches Thema hat die Parteien noch überraschen können? 
Externe Störungen kann es immer geben, das zeigt Afghanistan. Der Vorfall dort entfaltet jetzt eine Dynamik, die ohne Wahlkampf so wohl nicht erreicht worden wäre. Innenpolitisch erwarte ich aber keine dramatischen neuen Einflüsse mehr – eine Oderflut gibt es nur einmal im Jahrhundert.
Was wird die Wahl letztlich entscheiden? 
Die Wahl wird nach der Wahl entschieden. Mit der zunehmenden Etablierung des Fünf-Parteien-Systems bestimmen die Koalitionsverhandlungen über die neue Regierung.



Imran Ayata, A&B One
Hat Bundeskanzlerin Merkel mit ihrem defensiven Wahlkampfstil alles richtig gemacht?
Ayata: Sie agiert präsidial, und das ist richtig, denn ein Frontalangriff würde verpuffen. Die CDU-Kampagne „Wir haben die Kraft“ ist stark und stimmig.
Wie beurteilen Sie die Wahlkampfstrategie der SPD?
Die SPD hat ein politisches Problem. Ihre klassischen Themen sind keine SPD-Domänen mehr. Das macht ihren Wahlkampf blutleer. Auch die Inszenierung ihres Kandidaten ist nicht besonders überzeugend. Die SPD ist als Regierungspartei in einem Dilemma: Sie kann das Vergangene weder verdammen noch als ihre Erfolgsbilanz verkaufen.
Welche Partei hat sich im Online-Wahlkampf besonders hervorgetan?
Der SPD-Online-Wahlkampf ist gut gemacht. Das sage ich nicht, weil er von A&B face2net stammt. Auch die CDU hat dazugelernt, obwohl es ein Fehler war, die Domain wir-haben-die-kraft.de nicht zu sichern. Es ist aber ein Missverständnis, dass nach Obama nur noch das Internet Wahlen entscheidet. Bei Obama gehörte der Dialog dazu. Da fehlt den deutschen Parteien der Mut.
Wurde der 30. August mit seinen Landtags- und Kommunal­wahlen von den Parteien dramaturgisch unterschätzt?
Von außen schwer zu sagen, doch die Parteien haben sicher gewusst, was auf sie zukommt. Es war klar, dass die CDU ein Problem bekommt.
Welches Thema hat die Parteien noch überraschen können? 
Afghanistan hat vielleicht das Potenzial – auch wenn ich da skeptisch bin. Aber sonst ist es der inhaltsleerste Wahlkampf seit Jahrzehnten. Man spürt nicht, dass etwas stattfindet und das während einer fundamentalen Wirtschaftskrise. Manchmal scheint die Bundestagswahl 2013 wichtiger zu sein.
Was wird die Wahl letztlich entscheiden?
Die ist insoweit schon entschieden, da es nichts gibt, was sie nicht entscheiden wird. Die Frage ist nur, ob die SPD Schwarz-gelb noch verhindern kann.

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