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Adrian Peter
28.08.2013   News
Was heißt hier „unvoreingenommen“?
 
Adrian Peters Thesen zum Verhältnis von PR und Journalismus (7)

Auf dem Wunschzettel von Pressesprechern steht meist ganz oben, dass die Kollegen von der Presse doch bitte „unvoreingenommen“ recherchieren und berichten sollen. Klingt plausibel. Aber was heißt unvoreingenommen für einen investigativen Journalisten? Wenn sich ein investigatives Magazin überhaupt mit einem Unternehmen beschäftigt, dann deshalb, weil es einen berichtenswerten Vorwurf gegen das Unternehmen gibt. Wenn die Quellenlage den Vorwurf erhärtet, wird über das Unternehmen berichtet. Unvoreingenommen heißt in diesem Fall: Die Quellen werden kritisch geprüft, die Gegenseite gehört, Argumente für und wider die Story abgewogen. Und wenn sich die Vorwürfe nicht erhärten lassen, wird eben nicht gesendet oder gedruckt. Was Unvoreingenommen nicht heißt: Das Magazin berichtet über das Unternehmen auch dann, wenn man dem Unternehmen gar nichts vorwerfen kann. Unternehmenssprecher empfinden das häufig als höchst unfair. Aber das ist es nur auf den ersten Blick.

Denn es ist ja nicht so, dass sich eine investigative Redaktion entscheidet, mal irgend einen Bericht über die Deutsche Bank zu machen. Und dann ganz unvoreingenommen die Recherche abwartet, ob am Ende daraus ein wohlwollendes Unternehmensportrait wird oder ein kritischer Bericht. Investigativer Journalismus will und muss Missstände aufdecken und kritikwürdiges Verhalten hinterfragen. Für alles andere sind andere zuständig.

Darüber könnte man klagen, wenn es in Deutschland nur kritischen, investigativen Journalismus geben würde und überhaupt nichts positives berichtet würde. Doch dem ist ja nicht so. Im Gegenteil: Die allermeisten Medien – von Nachrichtensendungen bis hin zu Börsensendungen, von vielen Regionalzeitungen ganz zu schweigen – berichten meist affirmativ über Unternehmen. Das heißt, sie berichten häufig Unternehmensposition oder politische Positionen, ohne sie selbst kritisch zu hinterfragen.

Gemessen an dem Heer von „Journalisten“, die in der PR tätig sind, ist die Zahl investigativ arbeitender Journalisten in Deutschland geradezu verschwindend gering. Dass sie ihre Ressourcen und Sendeplätze nicht auch noch für positive Nachrichten verwenden, ist aus Sicht von Pressesprechern sicherlich bedauerlich – aus der Sicht von investigativen Journalisten selbstverständlich.

Peters Thesen
Zehn Thesen zum Verhältnis von Journalismus und PR hat Adrian Peter aufgestellt, CvD bei der SWR-Sendung Report Mainz. Hier präsentiert er seine siebte These, drei weitere stellen wir in loser Reihe vor – und freuen uns über Beifall oder Gegenrede, auf Ihren Kommentar per Mail, auf prreport.de oder bei Facebook, Google+ oder Twitter!

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