Please wait...
News / Sportsgeist in Sendling
08.08.2013   News
Sportsgeist in Sendling
 
Gegensätze ziehen sich nicht nur an. Sie verstärken auch die Einzelwirkung enorm. Auf den ersten Blick erinnert die Licht-durchflutete Raumaufteilung der Münchner Agentur Harvard PR, die in einem Bürohaus mit einer Fassade aus Glas und Edelstahl untergebracht ist, ein wenig an eine cleane Zahnarztpraxis. Wieder einmal sieht es so aus, als ob die wesentlichste Wirkung von all dem ausgeht, was ein Innenarchitekt einst wegräumen durfte. Und doch erlaubt man sich in Untersendling - einem dieser Münchner Viertel, die plötzlich als angesagt gelten und dadurch vor allem noch teurer werden - skurrile Stilbrüche.

Hier ist es eine schwere alte Schreibmaschine, dort auf einem Schränkchen ein nicht minder antikes Apple Powerbook der 5300-Serie aus dem fernen Jahr 1995. Oder das klobige Schleppstück Siemens PCD-3Psx, das man auch in Museen für Industriedesign finden könnte. "Eine gewisse Grundfaszination für technische Themen" sei für jeden existenziell, der bei Harvard PR arbeiten möchte, sagt Murat Mermer. Er leitet die 1996 gegründete Agentur, die zusammen mit rund 50 Partneragenturen an das weltweite Chime-Netzwerk und an die Good Relations Group angebunden ist.


"Wir sind eine Tech- und Entertainment-Themen-Agentur", sagt der General Manager, der mit Managing Director Oliver Sturz die Geschäfte in der DACH-Region führt. "Good Work for Best Brands" ist die forsche Formel, auf die Mermer den Harvard-Anspruch bringt. Das Dynamische, das sprintstarke Aufdrehen, aber die Ausdauer, sind für das gebürtige Nordlicht, der die Branchenthemen aufgrund der Erfahrungen eines Kriminologie-Studiums durchleuchtet, keine bloßen Floskeln. Der durchtrainierte Sport-Freak dreht täglich seine Jogging-Runden - auch bei Wind, Wetter, Frost und Tiefschnee. "Wenn man sportlich ist, ist man kompetitiv", sagt Mermer. "Aber eben nicht verbissen", fügt er schnell an - und stapelt mit seiner nicht ganz selbstverständlichen Trainings-Disziplin (auch Yoga oder Kampfsportarten stehen auf dem Programm) ein wenig tief.

Selbstverständlich ist für ihn, dass Harvard PR die rund 25 Mitarbeiter dabei unterstützt, regelmäßig ins Fitness-Studio zu gehen. Und ebenso selbstverständlich ist es für Mermer, dass er keinen Frühtermin rund um die Theresienwiese auslässt. Dort nämlich sieht man ihn seine Runden drehen - so akkurat, dass Schulgänger danach ihre Uhren stellen könnten. Auch das passt zu Harvard: Gejoggt wird rund um das Areal, auf dem alljährlich das Oktoberfest stattfindet - einen etwas weiteren Maßkrug-Weitwurf von der Agentur entfernt. Der Inbegriff von Gemütlichkeit auf der einen, der oft fordernde Ausdauereinsatz für anspruchsvolle Kunden wie Sony Playstation, die Amazon-Tochter Lovefilm oder den taiwanesischen Handy-Überflieger HTC auf der anderen Seite. Beruhigend allerdings: Einmal im Jahr geht auch das Harvard-Team auf die Wiesn und stemmt dort die Krüge. Wie es sich in München eben gehört.


"Wir sind als Agentur dafür da, dass wir Produkte sexy machen", sagt Murat Mermer. "Emotionale Bindung ist die stärkste" - auch und gerade bei oft erklärungsbedürftigen, auf den ersten Blick etwas sperrigeren Technikthemen. Aktuell brummt der Betrieb auf Hochtouren, weil im November die Vorstellung der neuen Playstation 4 ansteht. Im Januar gab es bereits ein erstes Kick-Off für die PR-Maßnahmen, die in einem ziemlichen Crescendo zum offiziellen Launch hin anschwellen. "So was kommt nur alle sieben Jahre vor", schwärmt Mermer. "Das ist kein DACH-Thema, das ist ein Welt-Thema." Für den Prestige-Kunden Sony arbeitet Harvard schon länger, die Beziehungen sind entsprechend eng. "Wir kennen die Historie", sagt der Agentur-Chef, "und wir verfügen natürlich über Top-Branchenkenntnisse."

Ein Hintergrund, der auch die Arbeit mit dem relativ neuen Kunden HTC erleichtert: Für den taiwanesischen Handy-Hersteller arbeitet Harvard im Konzert mit den zuständigen Werbeagenturen daran, seine Stellung als "Sexy Brand" zu festigen. Was oft für Konfliktstoff und einen Wettkampf der Eitelkeiten sorgt, scheint diesmal kein Problem zu sein, glaubt man jedenfalls den Beteuerungen des General Managers. "Die Kommunikationsdisziplinen wachsen zusammen", so Mermer. An alten Frontlinien herrsche längst Frieden. "Der Austausch unter den Agenturen ist das Beste, was dem Kunden passieren kann", sagt er.


Kehrseite der Arbeit für die aufmerksamkeitsstarken, aber in der Abstimmung auch anspruchsvollen Weltmarken sind die taffen Arbeitszeiten - mit vielen Konferenztelefonaten spät in der Nacht. "Das mag jetzt vielleicht sehr amerikanisch klingen", beschwichtigt Murat Mermer. "Aber wir freuen uns, wenn wir manchmal auch sehr spät noch für unsere Kunden zum Hörer greifen dürfen", sagt er. "Für uns ist das ein Vertrauensbeweis." Dennoch muss auch er zugeben, dass zur geregelten Arbeitswelt, wie man sie aus anderen Branchen kennt, natürlich ein himmelweiter Unterschied besteht.

Allein schon wegen der Zeitverschiebung werden die Stunden bei Harvard PR gern lang - etwa wenn es eine Pressekonferenz zu einer Technikmesse in Los Angeles zu betreuen gilt. "Mein Tag beginnt dann morgens um 8 Uhr hier in der Agentur", sagt der Familienvater, "und endet nachts um 2 Uhr bei mir zu Hause." Allerdings lasse sich die Arbeit gut "mitnehmen", auch wenn das vermutlich für viele anders Beschäftigte ein Horror wäre. "Was braucht man denn schon zum Arbeiten - mobiles Internet und ein Smartphone", sagt Mermer.

Wie gut, dass HTC die Agentur wenigstens mit State-of-the-Art-Handys versorgen kann. Jeder, der auf dem Kunden arbeitet, ist versorgt. "Man muss ein Gefühl haben für die Produkte", sagt Murat Mermer und gibt sich selbst als absoluten "Gadget-Fan" zu erkennen. "Ich liebe alle Dinge, die sich leicht bedienen lassen und deren Features auch noch wirklich nützlich sind."


Beim Rekrutieren von neuem Personal achte Harvard daher auf entsprechende Aufgeschlossenheit. Eine nerdige Männer-Truppe ist der Betrieb allerdings nicht. Schon auch, weil der Arbeitgeber mit vielen Entertainment-Themen aus dem Film- und Kino-Umfeld locken kann. Bevorzugte Weiterbildungsmethode der Münchner ist das berühmt-berüchtigte "Training on the Job", weil es eben anschaulich in die Praxis einführt. "Man erkennt einfach sofort, was gut gemacht wird und wo wir was verbessern müssen", sagt Mermer über die Arbeit mit seinen Neuzugängen. Für Präsentations-, Strategie- oder Schreib-Schulungen holen Sturz und er oft Externe ins Haus - auch damit "andere neue Impulse dazukommen". Die Verweildauer der Havard-ler bezeichnet der Boss als "gesund".

Dass der klangvolle Name ein Pfund ist, mit dem man wuchern (und vielleicht sogar ein wenig angeben) kann, würde in München-Untersendling kaum jemand abstreiten. Die Aura der berühmten US-Eliteuniversität kann sich Harvard PR zu Nutze machen. "Für uns ist das nicht nur ein Name, sondern eine Philosophie", sagt Mermer und gerät selbst ein wenig ins Schwärmen. "Das Uni-Leben hat ja viele Vorteile - freies Denken, das Aufstellen, Prüfen und Verteidigen eigener Thesen, die Ergebnis-Orientierung. So leben wir das auch in der Agentur aus."

Etiketten-Schwindel ist der Harvard-Bezug immerhin nicht, geht der Name doch auf den britischen Agenturgründer Nicholas H. Taylor zurück, der mit dem Gründungsstifter der Harvard University in Boston verwandt ist. Taylor ist für Murat Mermer der wichtigste Ansprechpartner im Netzwerk von Chime und Good Relations. Aufgrund einer internen Umstrukturierung gehört die deutsche Harvard-Niederlassung nicht mehr zu Bell-Pottinger, die allerdings ebenfalls unter dem Chime-Dach steckt. Mermer hält engen Kontakt mit den Briten - was sich auch in einschlägigen Dienstreisen niederschlägt. "Wir sind sehr froh darüber, dass wir eine Anbindung nach England haben", sagt er - auch mit Blick auf die vielen Trends, die von dort herüberschwappen. "London ist im positiven Sinne nicht von dieser Welt", so Mermer. "Wer die Welt verstehen will, muss London kennen."

Seine ganz persönliche Harvard-Assoziation, ist dabei übrigens anglophil geprägt - und natürlich vom Fitness-Gedanken. "Ich denke gerne an meine Studienzeit zurück", sagt er. "An fast jeder Uni hat Sport einen hohen Stellenwert." Typisch Mermer. Seine Jogging-Schuhe stehen schon wieder bereit.

Rupert Sommer
 

Newsletter

Sie wollen immer auf dem Laufenden sein?

Magazin & Werkstatt